Zuspitzung an der Grenze Libanon fürchtet Großangriff Israels

Raketen- und Artilleriefeuer, Lauschangriffe und mysteriöse Explosionen: Zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah tobt seit Wochen ein nicht erklärter Krieg, der laut Beobachtern jederzeit eskalieren könnte. Beirut warnt: Eine israelische Großoffensive stehe unmittelbar bevor.

Von Ulrike Putz, Beirut

AP

Beirut - Im Tiefflug donnerten die beiden Jagdbomber über die Beiruter Innenstadt. Nach ein paar Minuten Ruhe kamen sie zurück - und mit ihnen die Angst. Viele Libanesen fragten sich am Donnerstag, ob eingetroffen war, wovor Pessimisten in den vergangenen Wochen immer eindringlicher gewarnt hatten: Ist der seit Monaten andauernde Schlagabtausch zwischen der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah und Israel eskaliert? Waren die Jets am Himmel Vorboten eines erneuten israelischen Bombardements der libanesischen Hauptstadt?

Gut eine Stunde standen Tausende Beiruter auf ihren Balkons, um nach weiteren Flugzeugen Ausschau zu halten. Dann gaben die einheimischen Medien Entwarnung: Die Jagdbomber seien Museumsstücke der libanesischen Luftwaffe. Zu bloßen Übungszwecken seien sie aus ihrem Hangar geholt und in die Luft gebracht worden.

Die Sorge, zwischen den Erzfeinden Hisbollah und Israel könne es nach dem verheerenden Sommer-Krieg 2006 zu einer weiteren offenen Konfrontation kommen, treibt nicht nur Zivilisten um. Am Freitag wurde bekannt, dass der libanesische Botschafter bei den Vereinten Nationen in Eingaben an den Uno-Generalsekretär und den Sicherheitsrat gewarnt hat, es gebe Anzeichen, dass Israel einen Großangriff auf den Libanon plane.

"Die Aktionen Israels sind ein ernsthafter Anlass zur Sorge", zitierte die in London erscheinende arabische Tageszeitung "al-Hayat" Noaf Salaam. "Nicht nur, weil sie die Situation, die ohnehin jederzeit explodieren kann, verschlimmern. Es gibt Indizien, dass Israel sich bereit macht, einen großen Überfall auf den Libanon zu unternehmen."

Schützenhilfe bekam der Botschafter vom Koordinator der Uno-Aktivitäten im Libanon. "Es gibt Befürchtungen, dass die jüngsten Ereignisse die Situation in der Region nur allzu leicht destabilisieren könnten und damit die Gefahr wächst, dass es einen Konflikt geben könnte", sagte Michael Williams am Freitag. Hilal Chaschan, Professor für Politikwissenschaften an der Amerikanischen Universität Beirut wurde deutlicher: "Meine Angst ist, dass das Land durch die vielen Explosionen irgendwann in die nächste Runde Krieg mit Israel gestoßen wird."

Raketen und Artillerie-Salven

Die "vielen Explosionen" und "Aktionen", die Unruhe bei libanesischen Offiziellen und Beobachtern schüren, sind Zwischenfälle im von der Hisbollah dominierten Süden des Libanon. Der jüngste Vorfall ereignete sich am Dienstag: Aus dem libanesischen Grenzdorf Hula wurde eine Rakete auf Israel abgeschossen, der jüdische Staat antwortete mit Artillerie-Salven. Zuvor hatte die libanesische Armee, die gemeinsam mit einer 12.000 Mann starken Friedenstruppe der Vereinten Nationen darüber wachen soll, dass der Südlibanon waffenfrei ist, vier weitere abschussbereite Raketen in Hula gefunden und entschärft.

Es war das fünfte Mal in diesem Jahr, dass von libanesischem Boden aus Raketen auf Israel geschossen wurden. Immer bekannten sich radikale Splittergruppen zu den Angriffen, die Hisbollah wies jede Beteiligung weit von sich. Jerusalem aber lässt die Einzeltäter-Theorie nicht gelten: Für Aggressionen, die von libanesischem Boden ausgehen, werde Israel die Regierung in Beirut und damit den gesamten libanesischen Staat zur Verantwortung ziehen. In mehrfachen Aussagen dieser Art schwang die Drohung mit, im Falle eines neuen Waffengangs werde Israel seine Bombardements nicht wie 2006 weitgehend auf von Schiiten bewohnte Regionen des Libanon beschränken.

Schon zu Beginn des Monats stand das Dörfchen Hula, das nur zwei Kilometer von der israelischen Grenze entfernt liegt, im Brennpunkt: Libanesische Armee-Patrouillen entdeckten in dem Marktflecken zwei verdächtige Abhörinstallationen, die daraufhin prompt explodierten. Die Uno-Friedenstruppe im Libanon (Unifil) kam bei einer offiziellen Untersuchung zu dem Schluss, dass die Detonationen von unterirdischen Sensoren verursacht oder via Fernsteuerung ausgelöst wurden. Die Spionage-Vorrichtungen seien allem Anschein nach während des Krieges 2006 von israelischen Soldaten platziert worden, so die Unifil. Dies stelle einen Verstoß gegen das Waffenstillstandsabkommen dar, genauso wie die andauernden Flüge über libanesisches Territorium durch israelische Drohnen und Jets.

Verhaftungen wegen Spionageverdachts

Israel hat sich zu den Vorwürfen, Abhöranlagen auf libanesischem Gebiet zu betreiben, bislang nicht geäußert. So lange die Regierung in Beirut jedoch keine komplette Kontrolle über ihr Territorium ausübe, behalte sich Jerusalem vor, in der Hisbollah-Hochburg Südlibanon nachrichtendienstlich tätig zu sein, sagte ein Regierungssprecher nach den Explosionen in Hula.

Verdachtsmomente, dass Israels Auslandsgeheimdienst Mossad im Libanon aktiv sein könnte, hat es in den vergangenen Monaten zuhauf gegeben. Seit dem Frühjahr wurden Dutzende Männer und Frauen wegen des Verdachts auf Spionage für Israel verhaftet. Am Samstag gab es dazu erstmals eine offizielle Replik aus Jerusalem. Vize-Ministerpräsident Mosche Jaalon habe zugegeben, dass Israel im Libanon Spionage-Netzwerke unterhalte, meldete der israelische TV-Kanal 10.

Nicht nur Israel bricht die Uno-Sicherheitsrats-Resolution 1701: Im Juli hatte es in der von den Blauhelmen kontrollierten Zone südlich des libanesischen Litani-Flusses mehrere Explosionen gegeben. Nach Angaben sowohl der Uno als auch israelischer Sicherheitskreise seien dabei jeweils Waffenlager der Hisbollah in die Luft gegangen. Die Existenz der Lager in der Sicherheitszone sei eine schwere Verletzung des Waffenstillstandsabkommens, heißt es bei der zuständigen Unifil.

Bei westlichen Nachrichtendiensten gilt es als sicher, dass es der Hisbollah in den vergangenen Monaten gelungen ist, unter den Augen der wachhabenden Unifil-Truppen massiv aufzurüsten. Von einem waffenfreien Südlibanon könne absolut keine Rede sein, ist aus Diplomatenkreisen zu hören.

Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass eine eventuelle Eskalation in der unruhigen Grenzregion trotzdem wohl nicht von der hochgerüsteten Hisbollah, sondern von Israel ausgehen würde. Ronen Bergman, gut informierter Redakteur für Sicherheitsbelange der israelischen Tageszeitung "Yedioth Achronoth" schrieb jüngst, dass die Hisbollah heute militärisch zwar deutlich stärker sei als zum Ende des Krieges 2006, ihre politische Bewegungsfreiheit sei jedoch auf Grund von Differenzen mit der Hisbollah-Schutzmacht Iran erheblich eingeschränkt. Dies mache eine Offensive der Schiiten-Miliz gegen Israel unwahrscheinlich.

Die Sorge, Israel könne ausgerechnet jetzt zu einem Schlag gegen die Schiiten-Miliz ausholen, nährt sich auch aus Berichten über ein Manöver, dass in diesen Tagen in Israel abgehalten wird. Der US-amerikanische Zerstörer USS Higgins liegt bereits seit zehn Tagen im israelischen Hafen Haifa, noch einmal so lange wird das mit der neuesten Raketen-Abwehrtechnik bestückte Schiff noch bleiben. Gemeinsam mit israelischer Marine und Armee trainiert die Besatzung, eingehende Flugkörper noch in der Luft abzufangen. Beobachter in Beirut glauben, sollte Israel einen Militärschlag gegen die Hisbollah ausführen, könnte die USS Higgins dabei helfen, als Vergeltung abgefeuerte Hisbollah-Raketen unschädlich zu machen.

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