Zwangsversetzte Griechen "Ich will mein Leben zurück"

Sie lebten ihren Traum als hochdotierte Zugführer der griechischen Eisenbahn, doch dann kam die Krise. Nun müssen viele Beamte in Athener Krankenhäusern schuften. Die Geschichte eines staatlich organisierten Abstiegs.

Aus Athen berichtet

SPIEGEL ONLINE

Will man den ehemaligen Lokführer Georgios Fotiadis besuchen, muss man sich sehr weit hineinwagen in das Innere eines Molochs, der als größte Klinik Griechenlands gilt. Es geht durch dunkle Treppenhäuser und verwinkelte Flure hinab in das Kellergeschoss des Athener Evangelismos-Krankenhauses. Fäulnis und Verwesung liegen in der Luft, es ist heiß hier unten, ein Stockwerk unter dem Krematorium. "Tiefer kann ein Mensch nicht mehr sinken", sagt Fotiadis, 51.

Seit drei Wochen arbeitet der Beamte nun in der Wäscherei des Hauses und muss, wie er angewidert berichtet, die mit Blut und anderen Körperflüssigkeiten verschmutzte Bettwäsche reinigen. Außerdem sei es seine Aufgabe, sämtliche Abwasserschächte von Ungeziefer zu befreien. Voller Verbitterung stößt er hervor: "Das wollte ich schon mein ganzes Leben lang machen."

Man kann das Ausmaß des Abstiegs, den Georgios Fotiadis erlitten hat, nur verstehen, wenn man in seiner Biografie etwas zurückgeht, in das Jahr 2005 zum Beispiel. Damals steuerte er auf der prestigeträchtigen Strecke zwischen Athen und Thessaloniki die Schnellzüge der Staatsbahn OSE. Es war sein Traumjob, der dem verbeamteten Lokführer netto bis zu 3500 Euro monatlich einbrachte. Fotiadis kaufte sich in Piräus eine Wohnung, vier Zimmer, 75 Quadratmeter, heiratete zum zweiten Mal und wurde wieder Vater. Das Leben war sehr gut zu ihm.

Doch es gab einen Fehler im System, von dem er nichts ahnte.

Immer weiter hatten Konservative und Sozialisten die griechische Verwaltung in den vergangenen Jahren aufgebläht. Pro Einwohner leistete sich das Land fünfmal mehr öffentlich Bedienstete als etwa Großbritannien. Der Apparat verschlang mehrere Dutzend Milliarden Euro im Jahr - Geld, das der Staat nie hatte. Das Bruttoinlandsprodukt Griechenlands ist nur etwas höher als das von Hessen.

Jahr für Jahr lieh sich die Regierung deshalb an den internationalen Finanzmärkten frisches Kapital - und brachte es ebenso munter wie großzügig unter die Leute. Die Einführung des Euro erleichterte das Schuldenmachen sogar noch, denn mit dem Beitritt zur Gemeinschaftswährung sanken die Zinsen, die Griechenland bezahlen musste, auf ein nie für möglich gehaltenes Niveau.

"Als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen"

Dann aber platzte die Blase. Auf einmal musste Griechenland sparen. Radikal sparen.

Am Anfang seien es nur Gerüchte gewesen, erinnert sich Jannis Sileos, 52, der zuletzt als Chefzugführer in der OSE-Leitstelle gearbeitet hatte. Von Versetzungen sei die Rede gewesen, auch von solchen ins chronisch defizitäre Gesundheitswesen, doch die Personalräte hätten immer abgewiegelt. Dann aber sei ihm eines Morgens eine Liste mit 44 Namen in die Hände gefallen, es waren die der dienstältesten und somit bestbezahlten Lokführer der staatlichen Eisenbahn. Und ganz oben stand "Jannis Sileos". "Da wurde mir eiskalt, es war, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen."

Sileos, der vor seiner Degradierung noch für 20.000 Euro an einer Fernuniversität als Führungskraft geschult worden war, arbeitet inzwischen als Techniker in einem Athener Krankenhaus, wobei "arbeitet" es eigentlich nicht ganz trifft. "Ich soll mich um die Anlagen des Gebäudes kümmern, aber ich kenne mich damit überhaupt nicht aus. Ich bin Eisenbahner." Also versuche er, möglichst wenig kaputtzumachen und irgendwie den Tag herumzukriegen.

Doch die Versetzung von Fotiadis und Sileos und 2200 anderen Bahnbeamten, die entbehrlich schienen, weil der Staat aus Kostengründen Strecken und Züge gestrichen hatte, schlägt nicht nur auf die Psyche der Betroffenen. Sie ist auch mit finanziellen Einbußen verbunden, die massiver kaum ausfallen könnten: Fotiadis und Sileos verdienen plötzlich nur noch 1200 und 1400 Euro netto - wovon ihnen allerdings monatelang kein Cent ausgezahlt werden soll.

Sie müssten Kredite bedienen, hätten Frauen, Kinder, Autos, Wohnungen und keine Ahnung, wie es weitergehen solle, sagen sie. Plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Und in das Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit mischt sich allmählich auch Verzweiflung und unbändige Wut. "Ich will mein Leben zurück", ruft Fotiadis. "Gebt mir mein Leben zurück!"

Natürlich sei ihnen bewusst, sagen die Ex-Eisenbahner, dass es in Griechenland zu viele Beamte gebe, aber sie hätten die ja nicht eingestellt. "Jetzt werden diejenigen bestraft, die keinerlei Schuld an der Krise tragen", ist Sileos überzeugt. Er sieht die Verelendung seiner Heimat heraufziehen und hat längst resigniert. "Es gibt keine Lösung für unsere Situation." Traurig schüttelt er den Kopf.

Jedes Mal wenn das Handy klingelt, hofft Georgios Fotiadis, es sei der erlösende Anruf, und er dürfe endlich zurück auf die Lok. Jedes Mal wird er wieder enttäuscht. Neulich habe er in seinem Krankenhausverlies den Kopf gegen die Wand geschlagen, erzählt er, und dabei geschrien: "Was habe ich verbrochen, was, was? Sagt es mir!" Doch niemand habe ihm geantwortet.

Es tat bloß schrecklich weh.

Mitarbeit: Ferry Batzoglou

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insgesamt 335 Beiträge
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pirx64 28.06.2011
1. Eine Runde Mitleid
Eine Runde Mitleid. 3.500€ NETTO, nicht schlecht. Und jetzt muss er auch noch arbeiten?? Der arme Kerl *schnief*
sfb 28.06.2011
2. mein Traum
Zitat von sysopSie lebten ihren Traum als hochdotierte Zugführer der griechischen Eisenbahn, doch dann kam die Krise. Nun müssen viele Beamte in Athener Krankenhäusern schuften. Die Geschichte eines staatlich organisierten Abstiegs. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,770889,00.html
Jaaaaaaaaaaaaaaa!! Das ist mein Traum: Der allergrößte Teil unseres Beamtenadels, auf den man bei einer Vereinfachung des Systems leicht verzichten kann, muss sich eine richtige Arbeit suchen!!
wolltsnursagen 28.06.2011
3. WolltsnurSagen
3 500 € Netto Lohn als Lokführer? Waaaahnsinn. Ich verdien ca. 2 000 € Netto habe dafür 4 Jahre studiert. Ich glaub ich sollte nach Griechenland auswandern, brauchen die Ingenieure? Wenn ich das so überschlage müsste ich dann ca. 8 000 € Netto verdienen.. ick pack mal mene Sachen.
Mathe-Freak 28.06.2011
4. ....
Bei den Gehältern, hält sich mein Mitleid stark in grenzen.
VorwaertsImmer, 28.06.2011
5. 3500 Euro netto - Wer hat das schon in Deutschland?
Also ich kenne viele Architekten, Juristen, die schuften 50+ stunden und haben keine 3500 Euro netto, haben weniger als ein griechischer Lokführer. Selbst die beklagten 1500 Euro netto werden einige Deutsche derzeit nicht haben. Jetzt aber hilft Deutschland mit 200 Milliarden Euro, das macht pro Erwerbstätigen ca 5000 Euro aus, die zusätzlich an Steuern in den nächsten Jahren bezahlt werden müssen. Das heist: die deutschen Nettolöhne sinken noch weiter! Wir bekommen in Deutschland eine Netto-Armut!
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