Steinmeier in Wolgograd Allein in der Heldenstadt

Außenminister Steinmeier versucht in Wolgograd, der russischen "Stadt der Helden", einen fast unmöglichen Balanceakt: Er will der russischen Opfer des Nazi-Gräuels gedenken, ohne Moskau dabei in der Ukraine-Krise entgegenzukommen

Steinmeier auf Soldatenfriedhof: "Vergangenheit nicht instrumentalisieren"
AP

Steinmeier auf Soldatenfriedhof: "Vergangenheit nicht instrumentalisieren"

Aus Wolgograd berichtet


Eineinhalb Stunden lang lag eine würdevolle Stille über dem Besuch von Frank-Walter Steinmeier in Russland, eine ehrfürchtige Ruhe angesichts des Schreckens, den die deutsche Wehrmacht auf den Schlachtfeldern von Stalingrad angerichtet hatte. Schweigend schritt der deutsche Minister von Soldatenfriedhöfen zu Kriegerdenkmalen, begleitet von Sergej Lawrow, seinem russischen Amtskollegen.

Und die denkbare Frage, wie dieser Besuch politisch zu werten ist, ob es vielleicht ein Problem sein könnte, dass er, der deutsche Außenminister mitten in der Ukraine-Krise nach Wolgograd reist, um den Heldentag der Russen an der Seite seines russischen Amtskollegen zu begehen, schien sich erst gar nicht zu stellen.

Aber dann wird ihm Frage doch noch gestellt. Es ist die eine, die einzige Frage, die ihm bei dieser Reise gestellt wird. Warum ist er hier, mitten in der Ukraine-Krise?

Steinmeier sitzt im Großen Konferenzsaal des Hotels Wolgograd vor einer Kulisse der Nationalflaggen von Russland und Deutschland, neben ihm Lawrow. "Wir wollen Vergangenheit nicht instrumentalisieren", sagt Steinmeier und hatte damit eigentlich alles gesagt, um die Frage zu klären. Aber dann ergreift Lawrow das Wort. Er sagt, dass er die Frage komisch findet, dass sie ihn, genauer gesagt, ärgert, weil westliche Politiker ja dauernd die Ukraine besuchen, aber diese Frage niemals gestellt würde. "Niemand fragt, ob man mit den Besuchen die Ukraine dazu ermutigt, sich nicht an die Vereinbarungen des Minsker Abkommens zu halten."

"Gemeinsame Verantwortung für den Frieden in Europa"

Es ist ein Balanceakt, auf den sich Steinmeier begeben hat, und in diesem Moment im Großen Konferenzsaal des Hotels Wolgograd, zeigt sich, dass dieser Versuch fast unmöglich ist. Deutschland will der russischen Opfer der Deutschen Wehrmacht gedenken, der Schrecken des Naziregimes, aber es will gleichzeitig Distanz halten zu einem Land, das in der Ukraine-Krise als Aggressor auftritt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel versucht das, indem sie die Einladung Wladimir Putins zur Militärparade am 9. Mai ausschlug, ihn dafür aber am 10. Mai in Moskau besucht, um am Grabmal des Unbekannten Soldaten einen Kranz niederzulegen. Steinmeier besucht Wolgograd, das ehemalige Stalingrad, die russische "Stadt der Helden", ohne Russland dabei in der Ukraine-Krise entgegenzukommen.

In eineinhalb Stunden besucht er mit Lawrow alle wichtigen Gedenkstätten der Schlacht um Stalingrad. Auf dem russischen Soldatenfriedhof in Rossoschka legt er einen Kranz nieder, besucht danach kurz auch den deutschen Teil des Soldatenfriedhofs, fährt zur Kranzniederlegung an der Zentralen Gedenkstätte der Russischen Föderation zur Erinnerung an die "Schlacht von Stalingrad" und trägt sich im Pantheon in das Goldene Buch ein.

Er schreibt: "70 Jahre nach dem unermesslichen Leid, das Deutsche über die Stadt gebracht haben, sind wir nicht allein in der Erinnerung. Russen, Deutsche und alle Länder Europas verbindet ein gemeinsames "Nie wieder" und eine gemeinsame Verantwortung für den Frieden in Europa."

Gemeinsam, nie wieder, er sagt es immer wieder auf der Reise. Es klingt wie ein Schwur. Aber kann er Russland damit gewinnen?

"Die Menschen von Stalingrad sind Helden"

Nach der Pressekonferenz, am Ende seiner eintägigen Reise, soll er eine kurze Rede auf der Bühne auf dem Paradeplatz vor dem Hotel Wolgograd halten. Russland ehrt hier an diesem Abend seine Helden mit einem Konzert der Osnabrücker und Wolgograder Symphoniker, aber bevor Steinmeier reden darf, wird er von Lawrow über eine steile Treppe und mit Fanfahrenmusik auf die Bühne begleitet, als ginge es zur Oscar-Verleihung. Steinmeier sieht nicht so aus, als fühle er sich dabei wohl. Er steht auf der Bühne etwas verloren herum und wippt auf seinen Fußspitzen, während Lawrow zunächst selbst eine Rede hält.

Schließlich tritt Steinmeier ans Mikrofon. Er sagt, dass "wir Deutsche" den Opfern des Krieges nicht nur ein ehrendes Gedenken bewahren sollten, sondern auch Lehren ziehen sollten aus ihrem Leid. "Die Menschen von Stalingrad sind nicht nur Helden, weil sie vor 70 Jahren mit ihrem Blut die Wende im Krieg erzwungen haben. Sie sind auch Helden, weil sie uns bis heute zum Frieden ermahnen." Er macht jetzt immer kürzere Pausen, in denen die Dolmetscherin seine Worte ins Russische übersetzen kann, um ihnen mehr Bedeutung zu geben. Dann richtet er sich mit einem letzten Satz an die Russen. "Hören wir gemeinsam auf ihre Warnung!"

Vorsichtiger kann man es kaum sagen.



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