Zweites Kraftwerk: Iran baut Atomprogramm aus
Iran zeigt sich unbeeindruckt vom Druck der Staatengemeinschaft. Die umstrittene Urananreicherung geht unvermindert weiter, die Kontrolle einer Anlage wird behindert - und nun plant Teheran auch noch ein weiteres Kernkraftwerk. Die Sorge vor einer neuen Atommacht wächst.
Teheran - Die Verhandlungen zwischen Iran und den fünf Vetomächten des Uno-Sicherheitsrats sowie Deutschland im Atomstreit sind bisher ergebnislos verlaufen. Vor den nächsten offiziellen Gesprächen, die Mitte Juni in Moskau stattfinden sollen, zeigt sich die Regierung in Teheran unbeeindruckt - und kündigte an, an ihrem Atomprogramm festzuhalten.
So soll die umstrittene Urananreicherung nicht ausgesetzt werden. Mehrere westliche Regierungen verdächtigen Iran, unter dem Deckmantel eines zivilen Atomprogramms heimlich an einer Atombombe zu arbeiten. Teheran weist dies zurück.
Teheran habe "keinen Grund", die Anreicherung auf 20 Prozent zu stoppen, wurde der Chef des iranischen Atomprogramms, Feridun Abbasi Dawani, am Sonntag von der Zeitung "Korrassan" zitiert. Das Uran werde für einen Forschungsreaktor benötigt. Für die Energieerzeugung wird kein so hoch angereichertes Uran benötigt, für Atomwaffen hingegen ein deutlich höherer Wert zwischen 80 und 90 Prozent. Die Anreicherung auf 20 Prozent gilt als wichtiger technologischer Schritt zum Bau von Atomwaffen.
Iran hatte 2010 mit der Urananreicherung auf 20 Prozent begonnen. Zuletzt waren die Kapazitäten in der unterirdischen Atomanlage Fordo vergrößert worden. Abbasi spielte herunter, dass die internationale Atomenergie-Aufsichtsbehörde IAEA auf 27 Prozent angereichertes Uran in Fordo entdeckt hatte. Er machte technische Fehler dafür verantwortlich.
Am Sonntag wurde außerdem bekannt, dass Iran ein zweites Atomkraftwerk errichten will. Das berichtete das iranische Staatsfernsehen unter Berufung auf Dawani. Die Bauarbeiten sollen schon im kommenden Jahr im südlichen Buschehr beginnen. Bei der Zeitangabe bezog er sich auf den iranischen Kalender, bei dem das Jahr 2013 im März beginnt.
In Buschehr ist seit Herbst 2011 das bisher einzige iranische Atomkraftwerk in Betrieb. Der Bau war vor der iranischen Revolution 1979 von Deutschland unterstützt worden. 1995 hatte Russland die Arbeiten fortgesetzt und liefert auch den notwendigen Brennstoff. In Teheran betreibt Iran außerdem einen Forschungsreaktor. Das neue Atomkraftwerk soll eine Leistung von 1000 Megawatt haben, kündigte Dawani an. Ob Russland auch am Bau des neuen Kraftwerks beteiligt ist, sagte Dawani nicht.
Schließlich untersagte die Regierung internationalen Kontrolleuren weiter den Zugang zu der Atomanlage Parchin. Es habe bisher keine Einigung mit der IAEA gegeben, sagte Abbasi der Nachrichtenagentur Isna am Sonntag. "Die IAEA wird von einigen Ländern dazu gedrängt, die Anlage Parchin zu kontrollieren, aber wir haben uns noch nicht darauf verständigt." Die "nötigen Dokumente", die eine Kontrolle rechtfertigten, habe Teheran noch nicht erhalten, sagte Dawani.
Die IAEA fürchtet, dass Iran verdächtige Spuren eines möglichen Atomwaffenprogramms in der Forschungsanlage Parchin beseitigen könnte. In Parchin seien lange keine besonderen Aktivitäten beobachtet worden, aber jetzt gebe es rund um die Gebäude so viel Betrieb, dass der Verdacht bestehe, eine wirksame Überprüfung solle verhindert werden.
Iran habe mittlerweile genug Uran für fünf Atomwaffen, behauptet nun das Institute for Science and International Security, ein amerikanischer Think-Tank. Das berichtet der "Guardian". Das Institut beruft sich auf Zahlen der IAEA, wonach das Land mehr als rund 6,2 Tonnen auf mindestens 3,5 Prozent angereichertes Uran verfüge. Dies seien 750 Kilogramm mehr als beim letzten Bericht im Februar. Iran habe seine Produktionskapazitäten um ein Drittel erhöht. Sollte diese Menge Uran weiter angereichert werden, würde es für mindestens fünf Atomwaffen ausreichen.
Allerdings weist das Institut laut "Guardian" auch darauf hin, dass Teile der Uranmenge für den Einsatz als Brennstoff in Kraftwerken konvertiert und damit nicht unmittelbar für die Waffenproduktion verfügbar seien.
ore/AFP/dpa
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Sonntag, 27.05.2012 – 14:20 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 93 Kommentare
für die Inhalte externer Internetseiten.
MEHR AUS DEM RESSORT POLITIK
-
Abgeordnete
Bundestagsradar: Alle Fakten, alle Abstimmungen, alles Wissenswerte -
Regierung
Schwarz-gelbe Koalition: Das ist Merkels Kabinett -
Umfragen
"Sonntagsfrage": Der aktuelle Trend anhand von Umfragen -
Nachgefragt
Abgeordnetenwatch auf SPIEGEL ONLINE: Ihr direkter Draht in die Politik -
Rundgang
Kanzleramt, Bundestag, Ministerien: Das ist das politische Berlin

