Zyklon "Nargis": Sturmkatastrophe in Burma bringt Junta-Machtplan durcheinander

Von Jürgen Kremb, Singapur

Katastrophenalarm in Burma: Der Zyklon "Nargis" hat Zehntausende Häuser zerstört, Straßen blockiert, den Flughafen lahm gelegt - jetzt bricht die Versorgung im Land zum Teil zusammen. Die Militärjunta reagiert überfordert. Ihr Masterplan für den Machterhalt gerät durcheinander.

Burmas regierende Generäle sind angeblich sehr abergläubisch. Vor jeder wichtigen politischen Entscheidung konsultiert Junta-Chef Than Shwe, 75, seine Wahrsager und lässt sich von Hofastrologen die Karten lesen. Die Ereignisse vom Wochenende müssten dem Chefmilitär einen Schock versetzt haben.

Genau eine Woche, bevor die Junta am Samstag das Volk zum ersten Mal in zwei Jahrzehnten zur Wahlurne bitten wollte, verwüstete der verheerende Wirbelsturm "Nargis" große Teile des südostasiatischen Landes.

Ein halbes Jahr nach der blutigen Niederschlagung der Mönchsproteste sollte die Bevölkerung am 10. Mai in einem landesweiten Referendum dem Verfassungsentwurf der Generäle zustimmen. Der verspricht zwar freie Wahlen für 2010, doch gleichzeitig wollten sich die Militärs mit dem Verfassungsentwurf 25 Prozent der Parlamentssitze sichern. Damit würden sie über eine Art Sperrminderheit verfügen, die in Zukunft jedwede Verfassungsänderungen fast unmöglich machen würde. Ob das Referendum jetzt noch durchgeführt werden kann, erscheint Beobachtern als äußerst fraglich.

Seit Freitagnacht fegte "Nargis" mit Spitzengeschwindigkeiten von über 220 Stundenkilometer über den gesamten Süden der 47-Millionen-Einwohner-Nation. Im Irrawaddy-Delta sollen danach einige Städte und Dörfer völlig zerstört sein. In den fünf Distrikten und Gliederstaaten Irrawaddy, Rangun, Pegu, Mon und Karen wurde der Notstand ausgerufen. Augenzeugen berichteten von einem bisher nie dagewesen Maß an Verwüstung. Da der Zyklon durch zum Teil extrem dicht besiedelte Wohngegenden gerast ist, sind nach Schätzungen der Uno mehr als sieben Millionen Menschen von den Auswirkungen des Unwetters betroffen.

Nach ersten Angaben der Regierung sollen mehr als 350 Menschen dem Zyklon zum Opfer gefallen sein. Da aber normalerweise ohnehin weite Teil des Landes von der Militärregierung stark abgeschottet werden, wird es nach Ansicht von Uno-Experten noch Tage dauern, bis auch nur das annährende Ausmaß der Schäden erkennbar wird.

Normalerweise gewährt die fremdenfeindliche Junta ausländischen Hilfskräften keinen Zugang zu dem Land. Selbst nach dem Tsunami im Jahr 2004 lehnte die kruden Generäle jede Hilfe des Auslands ab. Über die genaue Zahl der Verletzten liegen auch deshalb noch keine verlässlichen Angaben vor. Selbst das Rote Kreuz hat keine nennenswerte Präsenz in Burma. Ein Sprecher der Regierung berichtete lediglich, dass vier Schiffe im Irrawaddy-Delta gesunken seien. Die tatsächlichen Zahlen dürften viel höher liegen.

Augenzeuge: Wie bei Hurrikan "Katrina"

In der Ex-Hauptstadt Rangun, mit sechs Millionen Einwohnern die größten Metropole des Landes, sind nach Berichten von Augenzeugen Brücken über den Irrawaddy so stark zerstört, dass sie nicht mehr passierbar sind. Auch wurde der Fährverkehr in der Hafenstadt weitgehend eingestellt. Am schwersten hat der Sturm in der Nacht vom Freitag und am Samstagmorgen aber im bitterarmen Irrawaddy-Delta gewütet. Dort sind offenbar Zehntausende Menschen obdachlos geworden.

Auch in Rangun hat der Wirbelsturm verheerende Schäden angerichtet. Überall liegen entwurzelte Bäume auf den Straßen. Autos wurden umgeworfen, Hunderte von Dächern hat der Sturm abgedeckt. Ein pensionierte Regierungsbeamter verglich den Landfall des Wirbelsturms mit den Auswirkungen des Hurrikans "Katrina" in den USA. Die Telefonverbindungen ins Ausland sind zusammengebrochen.

Nach den ersten Informationen kann der internationale Flughafen von Rangun nicht mehr angeflogen werden. Die Stromversorgung für dort gestrandete Passagiere kann nur noch mit Notstromaggregaten aufrecht erhalten werden. Derweilen ist in dem Wirtschaftszentrum des Landes neben der Stromversorgung auch die Versorgung mit Trinkwasser zusammengebrochen. Nur wer über einen funktionierenden Dieselgenerator verfüge, bekomme noch Trinkwasser, berichtet das Exilmagazin "Mizzima".

Auch das Wahrzeichen der Stadt, die Shwedagon-Pagode hat durch den tropischen Wirbelsturm offenbar schweren Schaden genommen. Mehr als die Hälfte der kleineren Pagoden in der Andachtsstätte, die sich um einen mehr als hundert Meter hohen, mit Blattgold verzierten Turm scharen, sollen durch den Zyklon zerstört worden sein. Auch die Sule-Pagode im Geschäftsviertel Ranguns bietet nach Augenzeugen ein Bild der Zerstörung.

"Wo sind all die Uniformierten?"

Wie das Irrawaddy-Magazin, einer Zeitschrift der burmesischen Exilopposition in Thailand beklagt, sind die Hilfsmassnahmen der Regierung noch nicht angelaufen. Als Nachteil erweist sich jetzt, dass die Militärregierung ihren Regierungssitz vor drei Jahren in die Dschungelenklave Naypyidaw im zentralen Hochland verlegt hat.

Offenbar ist es noch nicht gelungen, von dort genügend Nachschub für die notleidende Bevölkerung im Süden des Landes herbeizuschaffen, weil die Hilfskonvois auf den mit Bäumen und zerstörten Häusern versperrten Straßen stecken blieben.

Das führt zum Unmut bei den Bewohnern Ranguns. "Wo sind all die Uniformierten, die so schnell Mönche niederschlagen können", zitiert das Irrawaddy-Magazin einen Bewohner der Metropole. "Sie sollten in voller Stärke anrücken, um die Stadt aufzuräumen und die Stromversorgung wieder herstellen."

Seit Samstag sind auch in weiten Teilen des Landes die Telefonleitungen zusammengebrochen. Weil auch die Rundfunk- und Fernsehanstalten nur noch sporadisch auf Sendung gehen können, besteht bei der Bevölkerung noch Unklarheit über angeordnete Evakuierungsmaßnahmen.

Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet, dass auch Regierungsgebäude von dem Sturm schwer beschädigt seien. "Fast alle Satellitenschüsseln, die von den Behörden und Privatleuten auf Dächern angebracht wurden, hat es in Stücke geschlagen."

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