Zynischer Machtkampf Ringen um die wirksamste Killer-Strategie

Nach der Exekution Scheich Jassins tobt ein verdeckter Machtkampf unter den Kronprinzen der Hamas. Die Rivalen: Abdel Asis Rantisi und Chalid Maschal. Rantisi will den Terror über die Grenzen Palästinas hinaustragen. Maschal dagegen will gezielt gegen israelische Politiker und Militärs vorgehen.

Von Alexander Schwabe


Rantisi: Hält sich für den legitimen Jassin-Nachfolger
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Rantisi: Hält sich für den legitimen Jassin-Nachfolger

Über den Zuschauerrängen des Jarmouk-Stadions in Gaza-Stadt, wo sich gewöhnlich die palästinensische Nationalmannschaft die Füße vertritt, prangt ein großes Wandgemälde von Jassir Arafat. Die Menschen, die nach der Liquidierung Scheich Jassins, 67, zu Tausenden in der Sportarena zusammengekommen sind, sehen Arafat nicht. Sie sitzen in langen Reihen auf weißen Plastikstühlen in einem riesigen Zelt, das im Stadion errichtet wurde, und trauern um den "Helden", wie sie den Scheich nannten.

Drei der höchsten Hamas-Funktionäre haben seit Montagabend viele Stunden in dem Zelt verbracht, um Beileidsbezeugungen wegen des Todes des Hamas-Gründers entgegenzunehmen. Alle drei zeigen Präsenz, denn sie galten als mögliche Nachfolger Jassins: Mahmud Zahar, Sprecher der Hamas und Jassins Leibarzt, ein Hardliner, der jeden Kompromiss ablehnt - selbst mit der palästinensischen Autonomiebehörde (PA), Ismail Hanieh, Mitglied des Politbüros der Hamas und bisher Verbindungsmann der islamistischen Fundamentalisten zu Arafats PA und Abdel Asis Rantisi, die bisherige Nummer zwei in der Hierarchie.

Gaza: Trauerzug mit Jassins Sarg
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Gaza: Trauerzug mit Jassins Sarg

So sehr die Trauer in dem Zelt geordnet war, so wenig war das Erbe Jassins geregelt. Hinter den Kulissen tobt ein Machtkampf unter den Prinzen der Hamas. Rantisi, 56, erklärte sich am Dienstagabend zum neuen Führer der Extremistenorganisation. Um die Rechtmäßigkeit seiner Proklamation zu untermauern, ließ er einen der Diadochen, Hanieh, verkünden, Rantisi sei in geheimer Wahl zum Nachfolger Jassins gewählt worden. "Wenn Ahmed Jassin noch am Leben wäre, hätte er Rantisi als seinen Erben bestimmt", tat Hanieh kund.

Doch Rantisi war es nicht gelungen, alle Mächtigen der Fundamentalisten hinter sich zu scharen. Kurz nach seiner Selbstkrönung verlautete aus Hamas-Kreisen, ein anderer, Chalid Maschal, sei Jassins Nachfolger - worauf das Rantisi-Lager konterte, Maschal habe sogar sein Amt als Leiter des Politbüros an Rantisi verloren. Scheich Said Sejan, ein weiterer hochrangiger Funktionär, erklärte, Rantisis Machtbereich beschränke sich auf den Gaza-Streifen. Für das Westjordanland und die internationale Vertretung würden demnächst gesondert Führer benannt.

Abgeschnitten von den "Soldaten"

Das Ringen um die Herrschaft zwischen Rantisi und Maschal spiegelt einen Konflikt wider, der sich bereits in der PLO abspielte. In der mächtigsten Palästinenserorganisation war es zu Streitigkeiten gekommen zwischen denen, die zeitlebens im Land unter israelischer Besatzung ausgeharrt und gelitten hatten und denjenigen, die aus dem vergleichsweise bequemen Exil die Geschicke der Palästinenser vertreten zu können meinten. Zu letzteren gehörte unter anderen Jassir Arafat.

So stellt sich nun für Hamas die Frage: Wer verkörpert die Interessen der Bewegung am besten? Während Rantisi im Gaza-Streifen lebt und engen Kontakt zur Basis hat, agiert Maschal vom Ausland, wahrscheinlich von Damaskus aus - was ihn vor dem Zugriff der Israelis schützt - abgeschnitten von den "Soldaten" der Selbstmordbrigaden.

Maschal: "Gegenschlag gegen die großen zionistischen Chefs"
AFP

Maschal: "Gegenschlag gegen die großen zionistischen Chefs"

Der Kampf an der Hamasspitze ist darüber hinaus ein Richtungsstreit. Die Rivalen sind sich zwar einig in ihrem Ziel: der Zerstörung Israels. Doch wie soll die künftige Strategie aussehen? Maschal tritt dafür ein, dass allein Palästina Operationsfeld der Hamas ist. In einem Interview mit der arabischen Zeitung "al-Hayat" sagte er: "Wir beschränken die Schlacht auf Palästina. Innerhalb Palästinas sind aber alle Optionen offen." Es sei das "Recht des Widerstands, einen Gegenschlag gegen die großen zionistischen Chefs zu führen" - was so viel heißt wie: Nach Jassin ist Ariel Scharon dran. Hamas verteilte diese Woche bereits Spielkarten mit den Namen israelischer Politiker und Militärs, ähnlich wie sie die Amerikaner mit der ehemaligen irakischen Führung herausgebracht hatten.

"Wir werden dir unser Blut und unsere Seelen opfern"

Rantisi dagegen stellte den Kämpfern der Hamas nach dem Tod Jassins einen Persilschein aus: "Die Tür ist offen für euch, an jedem Ort, zu jeder Zeit und mit allen Mitteln anzugreifen." Seine Trauerrede für Jassin war ein Kriegsaufruf - wie schon so oft: "Wir werden sie überall bekämpfen. Wir werden sie überall treffen. Wir werden sie überall jagen", rief er, und die Menge antwortete: "Wir werden dir unser Blut und unsere Seelen opfern."

Wenn Rantisi zu den Massen spricht, redet er von "meinem geliebten Volk". Und "sein" Volk spricht darauf an. Als er sich der Trauergemeinde im Stadion von Gaza als der erwählte Nachfolger Jassins präsentierte, feierten ihn Zehntausende. Jeder einzelne der führenden Hamas-Funktionäre stand auf und bezeugte ihm seine Loyalität.

Scheich Jassins zerstörter Rollstuhl: Gezielte Liquidierung
AP

Scheich Jassins zerstörter Rollstuhl: Gezielte Liquidierung

Das Vorpreschen Rantisis passte nicht allen. Jassin-Leibarzt Mahmud Zahar, der sich damit brüstet, dass ihn die Israelis bereits zweimal eliminieren wollten, versuchte, die Euphorie zu bremsen. Der künftige Führer der Hamas werde erst nach der dreitägigen Trauer für Jassin gewählt. Das Ergebnis solle dann nur dem palästinensischen Volk bekannt werden, nicht der Weltöffentlichkeit, damit die Israelis keine Gelegenheit hätten, erneut einen Hamas-Führer gezielt zu töten.

Nicht erst seit dem tödlichen Anschlag auf Jassin war den politischen Agitatoren der Hamas klar, dass sie ebenso Ziel israelischer Liquidierung sein können wie die militärischen Aktivisten der al-Qassam-Brigaden. Bereits vergangenen Juni war es zu einem Angriff auf Rantisi gekommen, bei dem dieser lediglich verletzt wurde.

Die Führungsclique zog Konsequenzen. Gründungsmitglieder wie Rantisi, Hanieh oder Zahar gingen in den Untergrund. Öffentlich zeigten sie sich bestenfalls umgeben mit Kindern und Zivilisten, die als Schutzschild vor Angriffen dienen sollten. Nach außen hin trat Hamas mit einer neuen Garde von Sprechern auf, die ausschließlich dem karitativen Zweig der Bewegung entstammen.

Egal, wer die dominierende Figur sein wird, der Terror wird weitergehen. Die dreitägige Trauer für Jassin ist zu Ende. Prompt verkündete ein maskierter Aktivist der Qassam: "Unsere Botschaft an die Zionisten ist: Erwartet ein Erdbeben, wie ihr es noch nie gesehen habt, das Erdbeben Vergeltung."



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