Deutschland und die Euro-Krise: Wut auf die Retter

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Zypern ist gerettet, Deutschland hat sich durchgesetzt - aber zu welchem Preis? In vielen Staaten Europas wächst die Wut auf die Berliner Sparkommissare. Die Bundesregierung kann kaum etwas gegen das Buhmann-Image tun.

Berlin - Die Ränder unter den Augen sind tief, die Stimme ist heiser. Die Erschöpfung ist Wolfgang Schäuble anzumerken, als er am Montag im Bundesfinanzministerium den neuen Rettungsplan für Zypern erklärt. Das Ende der dramatischen Verhandlungsnacht in Brüssel liegt erst ein paar Stunden zurück, und ein Journalist will wissen, ob das nun ein "total german victory" sei, wie es ein Kommentator bezeichnet habe.

Ein totaler deutscher Sieg - der Finanzminister kneift verständnislos die müden Augen zusammen. Er spricht von vertrauensvoller, von gegenseitigem Respekt getragener Zusammenarbeit. Sein zyprischer Amtskollege Michael Sarris habe sich am Ende bei ihm bedankt, betont Schäuble. "Europa ist solidarisch, Europa bleibt solidarisch."

Alle glücklich und zufrieden also, Zypern ist gerettet, Europa hält zusammen? Schäuble weiß selbst, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Tatsächlich hinterlässt das Ringen um das Überleben des Inselstaates in der Euro-Zone tiefe Wunden.

Der Preis der Rettung ist hoch: Deutschland steht wieder einmal als Buhmann da. Es war in Irland so, in Portugal, Spanien und Griechenland, und so ist es jetzt in Zypern. Die gebeutelten Menschen sind wütend auf Kanzlerin Angela Merkel und ihren Chef-Verhandler Schäuble, Hass schlägt ihnen entgegen, weil sie, angeblich getrieben von teutonischen Allmachtsphantasien, ihr Spardiktat in ganz Europa durchsetzen würden - ohne Rücksicht auf Verluste. Der britische Historiker Brendan Simms sprach in der Wochenzeitung "New Statesman" jüngst von einer Welle der "Germanophobie" in Europa.

"Längst überwundene Vorurteile"

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Zypern und Co.: Antideutsche Töne in der Euro-Krise
Nach außen nehmen Merkel und Schäuble die antideutschen Töne gelassen hin. Doch völlig kalt lassen die Ressentiments die Bundesregierung nicht. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) bedauert gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass die Zypern-Verhandlungen "von manchen schrillen, mitunter auch unfairen und verletzenden Tönen" in der Öffentlichkeit und in den Medien begleitet wurden. Er mahnt: "Wir Europäer sollten nicht vergessen, dass wir alle in einem Boot sitzen und nur gemeinsam die europäische Schuldenkrise überwinden können. Alle, die Verantwortung in und für Europa tragen, sollten deshalb respektvoll und fair miteinander umgehen und sicher nicht längst überwundenen Vorurteilen zu neuem Leben verhelfen."

Westerwelle wird damit nicht nur jene meinen, die gegen Deutschland poltern und in alten Reflexen mit den immer gleichen Nazi-Vergleichen kommen. So wie die Demonstranten, die auf den Straßen Nikosias Plakate tragen, auf denen Angela Merkel als Nazi verunglimpft wird. Oder der spanische Ökonomieprofessor, der in der Zeitung "El País" die Kanzlerin mit Adolf Hitler verglich. Der Artikel wurde inzwischen von der Internetseite des Blattes genommen.

Nein, auch Deutschland selbst trägt eine besondere Verantwortung. Denn der Grat für den respektvollen Umgang miteinander ist schmal, gerade, wenn es um kleine Länder geht. Das musste Finanzminister Schäuble während der Zypern-Rettung erfahren. Als er öffentlich das "Geschäftsmodell" Zyperns kritisierte - gemeint war der aufgeblähte Bankensektor -, hob Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn mahnend den Finger. Berlin, betonte er, müsse aufpassen, dass es andere Staaten nicht verletze. Schließlich prangere auch niemand Deutschland wegen seiner überproportionierten Auto- oder Waffenindustrie an.

Schäuble fühlt sich nicht angemessen beschrieben

Asselborn kennt das Spiel, er ist lange im Geschäft. Maltas Finanzminister Edward Scicluna dagegen ist frisch im Amt - und seine erste Begegnung mit dem deutschen Finanzminister hat einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen. In der Verhandlungsnacht über das erste Hilfspaket für Zypern saß Scicluna neben Schäuble, ihnen gegenüber der Zyprer Sarris. In der "Times of Malta" schrieb Scicluna anschließend, wie Sarris den Bedingungen Schäubles nach fast zehnstündiger Bearbeitung körperlich und geistig ausgelaugt und "mit der Pistole am Kopf" zugestimmt habe.

Das ist kein schönes Bild von der Verhandlungsführung des Deutschen. Schäuble sagt dazu am Montag nur, dass er sich "manchmal unsinnig beschrieben" fühle. Aber auch der 70-Jährige ahnt wohl, dass manches hätte besser laufen können in diesem Drama. Dem Eindruck etwa, Deutschland habe sich dafür eingesetzt, auch Kleinsparer müssten ihren Obolus zur Rettung beitragen, hätte man in Berlin nicht nur schneller und vehementer widersprechen müssen. Man hätte es erst gar nicht zu einem Ergebnis mit solch fataler Signalwirkung kommen lassen dürfen.

Ob es etwas am Image der Deutschen in Zypern geändert hätte? Womöglich wäre es nicht zu einem solchen Showdown wie am Wochenende gekommen. Ob sich der Ruf grundsätzlich verbessern lässt? Wahrscheinlich nicht. An der Tonlage lässt sich zwar immer etwas ändern, doch als stärkste Volkswirtschaft Europas kann sich Deutschland kaum im Hintergrund halten, wenn es darum geht, die Währungsunion wieder zu stabilisieren. Und weil das ohne schmerzhafte Reformen kaum möglich ist, werden Merkel und Schäuble immer wieder ins Visier derer geraten, die unter diesen Reformen zu leiden haben.

Was der Bundesregierung bleibt, ist die Hoffnung, dass der Zypern-Plan aufgeht und sich die Lage in der Euro-Zone schnell wieder beruhigt. Bis der nächste Pleitekandidat gerettet werden muss. Dann werden die Deutschen sicher wieder in die Kritik geraten.

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insgesamt 630 Beiträge
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1. SO ein Land besuche ich nicht mehr !
iffel1 25.03.2013
Da lasse ich keinen einzigen Cent meines Urlaubsbudgets. Ich glaube nicht, dass sich deutsche Touristen gerne ein Hitlerbärtchen anmalen lassen wollen, oder sich in den Ferien beschimpfen lassen. Nie wieder Zypern !!!
2. man kann sehr leicht etwas gegen das Buh Image tun
wally1 25.03.2013
raus aus dem Euro und alle jene Bankroteure die mit Geld nicht umgehen können, an die Wand fahren lassen
3. Okay...
Der_zu_spät_geborene 25.03.2013
Zitat von sysopZypern ist gerettet, Deutschland hat sich durchgesetzt - aber zu welchem Preis? In vielen Staaten Europas wächst die Wut auf die Berliner Sparkommissare. Die Bundesregierung kann kaum etwas gegen das Buhmann-Image tun.
...wieso Sparkommisare? Was versteh ich da nicht? Watt denken die Zyprioten, Griechen und andere denn was die Alternative ist? Einfach weitermachen? Jane, is klar. Geld kommt ausse Steckdose....das wissen bei uns sonst nur die Grünen.
4. Gerettet?
waverider1 25.03.2013
Zypern ( und der Euro) gerettet? Dies kann wohl nur jemand schreiben, der an den Weihnachtsmann und das Christkind glaubt!
5. Die Zyprer haben das Geld ausgegeben - nicht wir !
iffel1 25.03.2013
Und von den Russen und den EU-Steuerzahlern lassen sie nun ihre Schulden zurückzahlen - durch Enteignung und Betrug. Denn weder ihre Bankanleihen und -Anteilsscheine, noch die 10 Mrd. EU-Kredite werden die Zyprioten je zurückzahlen, das wissen sie schon jetzt. Aber beleidigt sein - na toll...
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