14. Dezember 1995. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger tritt vom Amt der Justizministerin zurück. Dieser Schritt ist das, was viele Deutsche als Erstes mit dem Namen Leutheusser-Schnarrenberger verbinden - abgesehen von der Kompliziertheit des Namens selbst. Denn es war kein Rücktritt wie so viele in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Ministerin nahm aus Überzeugung ihren Hut, nachdem sich die Mitglieder der FDP für den Großen Lauschangriff ausgesprochen hatten. Eine solche "Teilaufgabe eines Grundrechts" wollte sie nicht mittragen. Über Parteigrenzen hinaus gilt die Politikerin seither als besonders glaubwürdig. "Ihr Rücktritt hat bei mir ein hohes Maß an Respekt ausgelöst", sagt auch der politische Gegner Cem Özdemir.
Grüne halfen ihr ins Parlament
Der Weg bis in die Regierung verlief bei Sabine Leutheusser-Schnarrenberger alles andere als zielstrebig. In einer sehr politischen Familie aufgewachsen - ihr Vater war CDU-Bürgermeister in Minden, ein Onkel, Wolfgang Stammberger, unter Adenauer Justizminister - begeisterte sie sich zwar schon früh für den "liberalen Reformgedanken", in die Partei trat sie aber erst 1978 ein. Beruflich wollte die Juristin damals nichts mit Politik zu tun haben. Ihre erste Kandidatur für den Bundestag ergab sich 1987 durch Zufall, als sie für einen Parteikollegen in ihrem Wahlkreis einspringen musste. Drei Jahre später schaffte sie dann ganz knapp den Sprung in den Bundestag - auch dank der Grünen, die im Westen an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterten und den Liberalen auf diese Weise mehr Mandate übrig ließen.
Auch die Berufung zur Ministerin war alles andere als geplant: Als Außenminister Hans-Dietrich Genscher überraschend seinen Rückzug zum Mai 1992 bekannt gab, wurde in einer turbulenten Nachfolgediskussion der ehemalige Justizminister Klaus Kinkel in dieses Amt berufen. Seinen bisherigen Posten übernahm Leutheusser-Schnarrenberger und damit als erste Frau ein "klassisches Ressort". "Das entschied sich alles an einem Tag", erzählt die Politikerin. "Da konnte man nicht lange überlegen."
Wieder auf diesen oder einen anderen Kabinettssessel zurückzukehren, sei für sie nicht wichtig, sagt Leutheusser-Schnarrenberger. "Ich war nie auf eine bestimmte Funktion fixiert. Wenn man einen Posten unbedingt haben will, bekommt man ihn meistens doch nicht." Derzeit treiben die Politikerin vor allem zwei Ziele um: Erstens will sie die FDP im nächsten Jahr nach langer Absenz in den bayerischen Landtag bringen. Und zweitens: "Ich will dafür sorgen, dass die FDP endlich wieder als Partei mit Prinzipien und Bekenntnis für Pluralität wahrgenommen wird." In Zeiten von Möllemann-Affäre und Spaßpolitik kein einfaches Unterfangen. Özdemir sieht seine Kollegin damit ohnehin auf verlorenem Posten. "Sie gehört dem unter Artenschutz stehenden Flügel der FDP an, der sich sozialliberal nennt", sagt er. "Sie will den liberalen Flügel in der FDP stärken. Ein vergebliches Projekt."
Kompetenz und schwäbische Sparsamkeit
Aber auch Özdemir selbst schwamm nicht immer im Mainstream seiner Partei. Nach seinem frühen Eintritt in die Partei mit nur 16 Jahren war er sich nicht immer ganz grün mit den Grünen. In den frühen Jahren schien ihm die Partei oft noch zu fundamentalistisch. "Ich habe eine Allergie gegen Ideologien", sagt der zweite türkischstämmige Abgeordnete im Deutschen Bundestag. Seine Eltern kämen schließlich aus einem Land, in dem religiöser Fundamentalismus eine starke Rolle spiele. Das habe ihn geprägt.
Der realpolitische Pragmatismus des Grünen gefällt auch Leutheusser-Schnarrenberger. Özdemir sei gerade auf seinen Spezialgebieten Ausländerrecht, Einwanderung und Staatsangehörigkeitsrecht ein sehr kompetenter Kollege. "Er ist sehr an der Sache orientiert und lässt sich bei der Arbeit nicht von Fraktionsgrenzen abschrecken."
Geboren wurde Özdemir in Bad Urach. Und es sind seine schwäbischen Eigenschaften, die manchen der Flurnachbarn im Bürogebäude der Abgeordneten schon mal zu kleinen Spötteleien veranlassen. In keinem der Büros brennt je ein unnötiges Licht. Dafür sorgt Özdemir. Aber vielleicht ist es ja auch nur der Grüne in ihm, der sich gegen solche Ressourcenverschwendung wehrt. Als der Politiker in der Sendung "Zimmer frei" einmal vom Ärger mit seiner Freundin erzählte, die immer zu lange dusche, fand der gelernte Sozialpädagoge prompt Beziehungstipps im Gästebuch auf seiner Homepage. Er solle doch etwas mehr Verständnis für seine Partnerin haben. Auch Leutheusser-Schnarrenberger attestiert dem Kollegen, der sich für Herrenausstatter auch schon mal als Model betätigte, zwar eine gute Figur, aber auch ein "dominantes Auftreten". Als großen Verfechter der Gleichberechtigung könne sie ihn sich nicht unbedingt vorstellen.
Gelber Banküberfall, grüner Existenzkampf
Über den größten Fehler des jeweils anderen sind sich die Politiker jedoch einig: die Parteizugehörigkeit. Wenn Özdemir die FDP erwähnt, ist die respektvolle Art, mit der er zuvor noch von deren Vertreterin Leutheusser-Schnarrenberger sprach, wie weggeblasen. "Populismus pur" betrieben die Liberalen, schimpft er mit Blick auf die Möllemann-Affäre. "Sie haben eine Bank überfallen und sagen jetzt: Sorry, das machen wir nie wieder. Aber die Beute wollen sie behalten." Die Beute, das seien die Wähler am rechten Rand.
Von solchen Vorwürfen will Leutheusser-Schnarrenberger nichts wissen, obwohl sie in den letzten Wochen zu den stärksten parteiinternen Kritikern von FDP-Populist Jürgen Möllemann gehörte. Es sei zwar verständlich, dass Rot-Grün die Affäre zu instrumentalisieren versuche, die Gefahr einer Haiderisierung der FDP bestehe nun aber wirklich nicht. Den Grünen empfiehlt die Politikerin, sich mehr um ihr eigenes Überleben zu sorgen. In den vier Jahren der Regierung hätte die Partei zu viele ihrer Grundüberzeugungen preisgegeben. "Der eigentliche Existenzkampf steht den Grünen noch bevor", prophezeit Leutheusser-Schnarrenberger.
Einen Trost gibt es für beide. Sollten sie sich irgendwann in der eigenen Partei nicht mehr so ganz zu Hause fühlen - es gibt eine Alternative: "Der wäre auch in der FDP gut aufgehoben", sagt Leutheusser-Schnarrenberger über ihren Konkurrenten. Und der wiederum meint: "Sie hätte einen guten Platz bei den Grünen." 100 Tage haben die beiden nun Zeit, sich eines Besseren zu belehren.
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