Von Rüdiger Ditz
Wie sich die Ereignisse gleichen. Eilmeldungen, erste Bilder, Rettungswagen, blutende Menschen, Chaos, Sondersendungen, Experten-Talks, Presse-Konferenzen, Augenzeugenberichte, Bilder von Zerstörung, Entsetzten, Trauer und Blut den ganzen Tag. Der Terror-Tag von London fügte sich ein in die Reihe New York, Casablanca, Djerba, Istanbul, Riad und Madrid, die Orte, wo al-Qaida verheerende Anschlägen verübt hatte mit alles in allem Tausenden Toten und Zigtausenden Verletzten.
Doch nur auf den ersten Blick gleichen sich die Ereignisse von London und den vorherigen Terrorattacken. Es ist zwar höchstwahrscheinlich, aber noch nicht gesichert, dass al-Qaida hinter dem gestrigen Anschlag steckt. Aber das terroristische Prinzip, nachhaltig Angst und Schrecken in der Bevölkerung einzupflanzen, verfing nicht. Erstaunlich gelassen gingen die Briten mit der Extremsituation um. Blutende Menschen erzählten nach dem ersten Schock vor laufenden Kameras von ihren Erlebnissen, diszipliniert nahmen die Londoner in Kauf, dass die Millionenmetropole einen ganzen Tag lang lahm gelegt war. Keine Panik, keine Hysterie, kein Verzagen, keine Schuldzuweisungen an die eigene Regierung. Cool Britannia.
"Wir werden reagieren, wie wir immer reagiert haben. Ruhig, mutig: Wir werden uns nicht einschüchtern lassen", sagt der britische Botschafter in Berlin, Sir Peter Torry, im SPIEGEL ONLINE-Interview. "Sie werden sehen, dass London heute sein Bestes geben wird, um normal weiterzuleben. So sind wir." Eine Einstellung, die man gestern und heute immer wieder hören konnte, und die tief in der britischen Seele eingeprägt ist. Auch in schwierigen Zeiten Haltung bewahren und die steife Oberlippe zeigen.
Vor allem die Londoner haben Erfahrung mit existentiellen Bedrohungen: Die Erinnerung an den "Blitz", wie die Briten die brutalen Luftangriffe der Nazis im Zweiten Weltkrieg auf ihre Hauptstadt nennen, ist in London immer noch präsent. Die tägliche Terrorbedrohung kennen sie aus den siebziger und achtziger Jahren, als hinter jeder Ecke eine Bombe der IRA lauern konnte. In dieser Tradition reagieren auch die jungen Londoner, vermerkt anerkennend der "Guardian", "mit einer Kombination aus Ruhe und Mut".
Die Reaktion haben die Täter, die den 7/7-Anschlag zu verantworten haben, völlig falsch eingeschätzt. Sie wollten die Briten spalten, um einen Abzug der Truppen aus Afghanistan und Irak zu erreichen. Nach den Anschlägen in Madrid ging das Kalkül voll auf. Die konservative Regierung Aznar wurde weggefegt, Spanien zog seine Truppen aus Irak ab. Jetzt ist das Gegenteil der Fall: Die Menschen sammeln sich hinter ihrem bislang äußert umstrittenen Premier Tony Blair, der für seinen Schulterschluss mit US-Präsident George W. Bush viel Kritik einstecken musste. Vielmehr ist es die erste große Niederlage der islamistischen Terror-Drahtzieher - schlimmer noch als die Verluste, die sie durch Bushs und Blairs Kampf gegen den Terror gegen die Taliban und al-Qaida hinnehmen mussten. Denn es stellt ihre Strategie in Frage, auch wenn es ihnen gelang, mitten in London an diesem symbolischen Datum des G-8-Gipfels zuzuschlagen.
Geschlossenheit vermittelte auch das Bild, dass die G-8-Führer gestern abgaben: Demonstrativ versammelten sich die teilweise heftig zerstrittenen Staatenlenker hinter Blair, als er sagte: "Wir lassen uns nicht terrorisieren." Um im Anschluss dem Eindruck Taten folgen zu lassen. Erstaunlich schnell einigten sie sich auf eine Klimaschutzerklärung, und auch die Abstimmung in Sachen Handelsliberalisierung und Entschuldung der ärmsten Länder dürfte erfolgreich verlaufen. Ob es auch ohne diese Anschläge diese Sehnsucht nach Konsens gegeben hätte?
Tony Blair traf in seiner Rede an die Landsleute offenkundig den richtigen Ton: würdevoll, ungebrochen, kämpferisch, britisch. Die römische Zeitung "Il Messaggero" fühlt sich schon an eine politische Ikone Großbritanniens erinnert: Winston Churchill. Der sprach 1940 angesichts der Bedrohung der Insel durch eine Nazi-Invasion von der dunkelsten Stunde, durch die sein Land müsse, aber auch von der strahlendsten Stunde, sollte es siegen.
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