Arbeiter und Erwerbslose, das jedenfalls wissen wir aus unzähligen Studien und ähnlich vielen alltagsweltlichen Beobachtungen, sind in Bürgerinitiativen, Bürgerausschüssen, Elternräten oder dergleichen mehr kaum vertreten oder höchst unterrepräsentiert. Sie werden von den Etablierten und Aufsteigern mit Abitur und Hochschulabschluss an die Wand geredet und an den Rand gedrängt.
Die Fähigkeit zur Partizipation ist eben gekoppelt an besondere Voraussetzungen: Artikulationsvermögen, Kompetenz, Selbstbewusstsein, Informationen. Partizipation prämiert den privilegierten Zugang zu Bildungsgütern. Bei diesen so Privilegierten kann individuelles Nutzenkalkül und gemeinschaftliches, zivilgesellschaftliches Engagement insofern durchaus zusammenfallen. Aber zu einer Gesellschaft gleicher Chancen und gleicher Teilhabemöglichkeiten muss das keineswegs zwingend führen. Bürgergesellschaftliche Partizipation verfestigt und steigert, im Gegenteil, eher noch die Elitenstruktur modernen Demokratien; sie festigt und fördert dadurch die Oligarchisierung des Willensbildungsprozesses.
Bürgergesellschaftliche Partizipation ist dem Vermittlungsmechanismus der parlamentarischen Demokratie und des Parteienstaats deshalb eben nicht überlegen. Im demokratischen Minimalismus der repräsentativen Demokratie, dem Wahlakt, zählt schließlich jede Stimme gleich; in der Partizipationsdemokratie der Bürgergesellschaft zählen Sprachfähigkeit, Gewandtheit im Auftritt, Bildsamkeiten aber mehr. Parteien und Abgeordnete müssen sich, wollen sie Wahlen gewinnen, um alle Gruppen kümmern; die Bürgergesellschaft braucht nur auf die Partizipatoren zu hören, die sich vokalisieren, organisieren, Aufmerksamkeit erzielen können.
In der Bürgergesellschaft steigt die Zahl der Akteure - und der Veto-Spieler
In der Bürgergesellschaft, kurzum, wird die Schere noch größer zwischen denen, die durch erfolgreiche Teilhabe eine hohe gesellschaftliche Integration und Dominanz erreichen, und jenen abgedrängten, zahlenmäßig keineswegs kleinen Rest, an dem die Entwicklung der modernen Wissensgesellschaft vorbeiläuft und der auf diese Exklusion mit gegenwärtig noch stummer Abwehr, dumpfer Resignation reagiert, irgendwann vielleicht aber auch einmal mit wütender, aggressiver Rebellion antworten mag.
Große Illusionen sollte man sich jedenfalls nicht machen. Auch in bürgergesellschaftlichen Zeiten wird ein erheblicher Teil der Deutschen mit der Verlässlichkeit staatlicher Leistungen rechnen. Das Gros der Deutschen wird auch in Zukunft vom Staat kalkulierbare wohlfahrtliche Leistungen, moderne infrastrukturelle Angebote, Risikosicherungen erwarten. Doch das wird sich gerade unter bürgergesellschaftlichen Bedingungen nicht leicht bewerkstelligen lassen. In Bürgergesellschaften wirken schließlich viele Eigeninitiativen mit. Das mag das Gemeinwesen bei einigen sozialen Diensten entlasten. Das macht die Gesellschaft aber zugleich komplexer, heterogener, unübersichtlicher. Die Zahl der Akteure wird noch größer, damit aber auch die Zahl der Vetospieler und Obstrukteure.
Das alles minimiert die Steuerungsmöglichkeiten der Politik noch weiter. Politik wird daher noch moderierender und im Ergebnis noch inkonsistenter. Je komplexer aber die Gesellschaft, desto stärker wird und muss die Politik nach verhandlungsdemokratischen, gleichsam großkoalitionären Verfahren und Lösungen suchen. Die Bürgergesellschaft reklamiert bunte Offenheit, lebendigen Diskurs und pluralistische Vielfalt; die Politik indessen wird darauf mit Intransparenz, informellen Absprachen in kleinen Runden jenseits von Öffentlichkeit und Parlament antworten, um das schwierige Geschäft des "management of complexity" überhaupt noch einigermaßen sachrational bewerkstelligen zu können.
Die Menschen haben Delegation erfunden, weil sie Entlastung suchen
Aber man darf nun die Dinge natürlich nicht gar zu bange betrachten. Ganz so forsch bürgergesellschaftlich wird es in der deutschen Republik auch in Zukunft denn doch nicht zugehen. Die Menschen sind eben einfach nicht so, dass sie unermüdlich mitwirken, unentwegt teilhaben, dauernd partizipieren, sich stets engagieren und ständig aktivieren wollen. Dazwischen gibt es verlässlich lange Zeiten der Ermüdung, der Pflege des Intimen und Privaten, des Rückzugs, der Regeneration und Erholung. Deshalb suchen Menschen Entlastung, darum haben sie Delegation und Vertretung erfunden.
Und solche Repräsentation wird trotz all der fraglos sinnvollen Beteiligung zivilgesellschaftlicher Selbstinitiativen den friedensstiftenden Bestand an Institutionen im politischen System gewiss noch lange ausmachen.
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