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Debatte Zu Risiken und Nebenwirkungen einer Mittelschicht-Utopie

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil wie Bürgerbeteiligung Elitestrukturen verfestigt

Arbeiter und Erwerbslose, das jedenfalls wissen wir aus unzähligen Studien und ähnlich vielen alltagsweltlichen Beobachtungen, sind in Bürgerinitiativen, Bürgerausschüssen, Elternräten oder dergleichen mehr kaum vertreten oder höchst unterrepräsentiert. Sie werden von den Etablierten und Aufsteigern mit Abitur und Hochschulabschluss an die Wand geredet und an den Rand gedrängt.

Die Fähigkeit zur Partizipation ist eben gekoppelt an besondere Voraussetzungen: Artikulationsvermögen, Kompetenz, Selbstbewusstsein, Informationen. Partizipation prämiert den privilegierten Zugang zu Bildungsgütern. Bei diesen so Privilegierten kann individuelles Nutzenkalkül und gemeinschaftliches, zivilgesellschaftliches Engagement insofern durchaus zusammenfallen. Aber zu einer Gesellschaft gleicher Chancen und gleicher Teilhabemöglichkeiten muss das keineswegs zwingend führen. Bürgergesellschaftliche Partizipation verfestigt und steigert, im Gegenteil, eher noch die Elitenstruktur modernen Demokratien; sie festigt und fördert dadurch die Oligarchisierung des Willensbildungsprozesses.

Bürgergesellschaftliche Partizipation ist dem Vermittlungsmechanismus der parlamentarischen Demokratie und des Parteienstaats deshalb eben nicht überlegen. Im demokratischen Minimalismus der repräsentativen Demokratie, dem Wahlakt, zählt schließlich jede Stimme gleich; in der Partizipationsdemokratie der Bürgergesellschaft zählen Sprachfähigkeit, Gewandtheit im Auftritt, Bildsamkeiten aber mehr. Parteien und Abgeordnete müssen sich, wollen sie Wahlen gewinnen, um alle Gruppen kümmern; die Bürgergesellschaft braucht nur auf die Partizipatoren zu hören, die sich vokalisieren, organisieren, Aufmerksamkeit erzielen können.

In der Bürgergesellschaft steigt die Zahl der Akteure - und der Veto-Spieler

In der Bürgergesellschaft, kurzum, wird die Schere noch größer zwischen denen, die durch erfolgreiche Teilhabe eine hohe gesellschaftliche Integration und Dominanz erreichen, und jenen abgedrängten, zahlenmäßig keineswegs kleinen Rest, an dem die Entwicklung der modernen Wissensgesellschaft vorbeiläuft und der auf diese Exklusion mit gegenwärtig noch stummer Abwehr, dumpfer Resignation reagiert, irgendwann vielleicht aber auch einmal mit wütender, aggressiver Rebellion antworten mag.

Große Illusionen sollte man sich jedenfalls nicht machen. Auch in bürgergesellschaftlichen Zeiten wird ein erheblicher Teil der Deutschen mit der Verlässlichkeit staatlicher Leistungen rechnen. Das Gros der Deutschen wird auch in Zukunft vom Staat kalkulierbare wohlfahrtliche Leistungen, moderne infrastrukturelle Angebote, Risikosicherungen erwarten. Doch das wird sich gerade unter bürgergesellschaftlichen Bedingungen nicht leicht bewerkstelligen lassen. In Bürgergesellschaften wirken schließlich viele Eigeninitiativen mit. Das mag das Gemeinwesen bei einigen sozialen Diensten entlasten. Das macht die Gesellschaft aber zugleich komplexer, heterogener, unübersichtlicher. Die Zahl der Akteure wird noch größer, damit aber auch die Zahl der Vetospieler und Obstrukteure.

Das alles minimiert die Steuerungsmöglichkeiten der Politik noch weiter. Politik wird daher noch moderierender und im Ergebnis noch inkonsistenter. Je komplexer aber die Gesellschaft, desto stärker wird und muss die Politik nach verhandlungsdemokratischen, gleichsam großkoalitionären Verfahren und Lösungen suchen. Die Bürgergesellschaft reklamiert bunte Offenheit, lebendigen Diskurs und pluralistische Vielfalt; die Politik indessen wird darauf mit Intransparenz, informellen Absprachen in kleinen Runden jenseits von Öffentlichkeit und Parlament antworten, um das schwierige Geschäft des "management of complexity" überhaupt noch einigermaßen sachrational bewerkstelligen zu können.

Die Menschen haben Delegation erfunden, weil sie Entlastung suchen

Aber man darf nun die Dinge natürlich nicht gar zu bange betrachten. Ganz so forsch bürgergesellschaftlich wird es in der deutschen Republik auch in Zukunft denn doch nicht zugehen. Die Menschen sind eben einfach nicht so, dass sie unermüdlich mitwirken, unentwegt teilhaben, dauernd partizipieren, sich stets engagieren und ständig aktivieren wollen. Dazwischen gibt es verlässlich lange Zeiten der Ermüdung, der Pflege des Intimen und Privaten, des Rückzugs, der Regeneration und Erholung. Deshalb suchen Menschen Entlastung, darum haben sie Delegation und Vertretung erfunden.

Und solche Repräsentation wird trotz all der fraglos sinnvollen Beteiligung zivilgesellschaftlicher Selbstinitiativen den friedensstiftenden Bestand an Institutionen im politischen System gewiss noch lange ausmachen.

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insgesamt 77 Beiträge
Emil Peisker 23.02.2006
Die Anzahl der ehrenamtlich Tätigen in Deutschland spricht eine klare Sprache. Hunderttausende opfern freiwillig ihre Freizeit für das Gemeinwohl. Katastrophenschutz, freiwillige Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, freiwillige [...]
Zitat von sysopIn Zeiten leerer Kassen singen Politiker das Lied von der Bürger- und Zivilgesellschaft. Doch wie realistisch ist das überhaupt? Hat der Bürger in der Hektik des Alltags überhaupt Zeit, sich um das Gemeinwohl zu kümmern?
Die Anzahl der ehrenamtlich Tätigen in Deutschland spricht eine klare Sprache. Hunderttausende opfern freiwillig ihre Freizeit für das Gemeinwohl. Katastrophenschutz, freiwillige Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, freiwillige soziale Dienste, freiwillige soziale Einrichtungen der Kirchen, Ehrenamtliche in Sportvereinen, usw., die Liste ist zwar nicht unendlich aber sehr lang. Wer sich nur für einen Augenblick mal vorstellt, diese gesamte Kultur der ehrenamtlichen Helfer gäbe es ab sofort nicht mehr, der käme mit dem Aufzählen der negativen Konsequenzen gar nicht mehr nach.
Umberto 23.02.2006
Wie Herr Peisker schon ausführte, gibt es doch reichlich Menschen, die sich ehrenamtlich um Mitmenschen kümmern. Weil die Kassen "leer" sind, bleibt den Politikern auch gar nichts anderes übrig als dieses Lied zu [...]
Zitat von sysopIn Zeiten leerer Kassen singen Politiker das Lied von der Bürger- und Zivilgesellschaft. Doch wie realistisch ist das überhaupt? Hat der Bürger in der Hektik des Alltags überhaupt Zeit, sich um das Gemeinwohl zu kümmern?
Wie Herr Peisker schon ausführte, gibt es doch reichlich Menschen, die sich ehrenamtlich um Mitmenschen kümmern. Weil die Kassen "leer" sind, bleibt den Politikern auch gar nichts anderes übrig als dieses Lied zu singen. Und den Faktor Zeit, sehe ich so: Zeit liegt nirgendwo herum, die muss man sich nehmen. Jeder wird seine frei verfügbare Zeit für Dinge verwenden, die ihm am Herzen liegen und die ihm wichtig sind. Leider ist es nur eine Minderheit (einige 100.000 von 80.000.000), die dann die Prioritäten so setzen, dass Mitmenschen davon profitieren können. Die Zahl derer, die sich um das Gemeinwohl kümmern, könnte/dürfte also erheblich größer sein. Das wir vielleicht sogar mal die "Nagelprobe" über den Wert unserer Gesellschaft.
Ein Teil der Bevölkerung wird durch die Bürgergesellschaft ausgegrenzt? Nein, niemand wird ausgegrenzt aber manche Bevölkerungsgruppe wollen sich nicht einbringen. Das mag auch an mangelnder Bildung und an den finanziellen [...]
Ein Teil der Bevölkerung wird durch die Bürgergesellschaft ausgegrenzt? Nein, niemand wird ausgegrenzt aber manche Bevölkerungsgruppe wollen sich nicht einbringen. Das mag auch an mangelnder Bildung und an den finanziellen Möglichkeiten dieses Teil der Bevölkerung liegen. Mehr Bildung führt zu mehr Interesse am Gemeinwohl und auch zu einer verbesserten persönlichen finanziellen Situation. Bildung muss deshalb für alle erschwinglich und zugänglich sein. Aber was ist mit denen, die nichts lernen wollen? Nun, denen kann man wohl nur psychologischen Hilfsprogramme anbieten. Aber zwingen kann und darf man niemand. AUsserdem ist Intelligenz auch biologisch bedingt. Also: es wird immer Personen geben die aussen vor bleiben. Aber hauptberufliche Interessenvertreter führen nicht wirklich zur Überwindung des Problems. Wie man sehen kann, werden diese nach kürzester Zeit dazu übergehen, die Interessen der eigenen Clique zu vertreten.
MAN 23.02.2006
... daher braucht der das alles, fragt sich nur, in welcher Form. Die Kritik des Göttinger Professors an der Bürgergesellschaft ist nicht ganz unberechtigt. Einerseits setzen wir sehr viel Aufwand für die Bildung ein, [...]
... daher braucht der das alles, fragt sich nur, in welcher Form. Die Kritik des Göttinger Professors an der Bürgergesellschaft ist nicht ganz unberechtigt. Einerseits setzen wir sehr viel Aufwand für die Bildung ein, andererseits gilt aber wohl der Satz: Sage mir, wer dein Papa und deine Mama ist, und ich sage dir, wer du bist. Die Bürgergesellschaft versucht dann die Diskussion auf so untaugliche Begriffe wie "Werte" zu bringen. Die meisten von uns Deutschen haben einen christlichen Glauben und ein christliches Menschenbild. Daneben gilt die Rechtsordnung, also das nach Möglichkeit "Einhalten der Gesetze". Kommt man einem "Deliquenten" mit keinem dieser bürgerlichen Instrumente bei, so hat er gegen irgend einen "Wert" verstoßen, der nirgends beschrieben ist, der aber wohl die Bürgergesellschaft ausmacht, eventuell ist die Beschreibung der Werte somit eigentlich die Beibehaltung des bestehenden Machtgefüges mit allen Mitteln. Diese Werte finde ich nun wiederum fraglich.
SaT 23.02.2006
Sie haben recht (ist glaube ich das erste mal, dass ich Ihnen recht gebe): ohne diese Menschen, würde unsere Gesellschaft zusammenbrechen. Der Sozialstaat hilft nicht, er baut immer nur eine riesige Bürokratie auf, die bald [...]
Zitat von Emil PeiskerWer sich nur für einen Augenblick mal vorstellt, diese gesamte Kultur der ehrenamtlichen Helfer gäbe es ab sofort nicht mehr, der käme mit dem Aufzählen der negativen Konsequenzen gar nicht mehr nach.
Sie haben recht (ist glaube ich das erste mal, dass ich Ihnen recht gebe): ohne diese Menschen, würde unsere Gesellschaft zusammenbrechen. Der Sozialstaat hilft nicht, er baut immer nur eine riesige Bürokratie auf, die bald mehr kostet als an Unterstützung an die Bedürftigen fließt. Zudem tyrannisiert er, mit schnüffeln in der Privatsphere, die Menschen, die von ihm in Abhängigkeit geraten sind. So muss man betteln, um das Geld was man einmal einzahlte wiederzubekommen. Jeder der einmal arbeitslos war, kennt diese Erniedrigungen.
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