Von Franz Walter
Göttingen - Viel hört man derzeit nicht mehr von den Grünen in Deutschland. Zweifellos: Es hat schon erheblich bessere Zeiten für den Postmaterialismus in der Gesellschaft gegeben. Eben das, die Krise postmaterialistischer Einstellungen, macht der grünen Partei ersichtlich zu schaffen; wohl auch deshalb steht sie heute in der deutschen Republik flächendeckend ohne jede Macht da. Denn schließlich ist vieles von dem, was die Grünen hat entstehen und wachsen lassen, sozial und kulturell verflossen. Die alternativen Milieus haben sich im Zuge des beruflichen Aufstiegs ihrer Protagonisten in den achtziger Jahren aufgelöst. Die sozialutopischen Eruptionen jener Jahre fanden mit der etwas bizarren Kampagne gegen die Volkszählung 1987 ein bemerkenswert groteskes Ende. Der gegenkulturelle Habitus ist seither ganz und gar randständig, nachgerade karnevalesk geworden. Und auch das ökologische Thema ist trotz aller kollektiven Viren-Ängste und kalkulierbar regelmäßigen Lebensmittelskandale auf der politischen Agenda signifikant nach hinten abgerutscht. Die Option für eine weitere Energieversorgung aus Atomstrom ist im Wahlbürgertum zuletzt gar bemerkenswert gestiegen.
Franz Walter ist Professor für Politikwissenschaft und Leiter der "Arbeitsgruppe Parteienforschung" an der Universität Göttingen. Von ihm ist gerade auch das Buch "Die ziellose Republik" bei KiWi erschienen.
Doch ganz so apokalyptisch und trostlos sieht die Zukunft der Grünen nun doch nicht aus. Schließlich: Den Sprung über die Generationen- und Protestpartei haben die Grünen bereits im letzten Jahrzehnt souverän geschafft. Andernfalls hätten die Grünen mit dem Ende des ökopazifistischen Kampagnenkultur systematisch abflachen müssen. Aber gerade seit der ersten Hälfte der neunziger Jahre expandierten die Grünen auf kommunaler und regionaler Ebene kräftig. Sie gewannen weiterhin überproportional viel Jungwähler hinzu, die in den Jahren der Friedens- und Anti-AKW-Demos bestenfalls im Kindergarten, vielfach nicht einmal embryonal vorhanden waren. Und seit Mitte der neunziger Jahre fanden die Grünen sogar Zuspruch in gutbürgerlichen Wohnquartieren mit zuvor zäh tradierten frei- und christdemokratischen Parteineigungen.
Liebesentzug im linksliberalen Bürgertum
Indes: Die neue, gewissermaßen zweite Hausse bei Jungwählern und nun auch den Besserverdienenden und Arrivierten in den Villenvierteln der Republik hatte nichts mit politischer Kampagnefähigkeit oder gar mit ökologischer Prinzipienfestigkeit zu tun. Die Grünen waren vielmehr Teil eines zwischenzeitlich angesagten Lifestyles, galten eine Zeitlang im Vergleich zu den Altparteien irgendwie als beweglicher, kreativer, origineller. Die Grünen hatten ihren Joschka, und der galt seinerzeit als cool. So waren die Grünen chic auch für Kohorten und bürgerliche Schichten jenseits des verwesten Alternativmilieus.
Kurzum: Der ursprünglich erwartete kontinuierlichen Anstieg postmaterialistisch-alternativen Mentalitäten hat zwar keineswegs stattgefunden. Doch existiert in den modernen postindustriellen Gesellschaften gleichwohl ein stattliches Segment von Kultur-, Sozial- und Humandienstleistern, deren kommunikativ-partizipatorische und prononciert bildungsbürgerlich geprägte Lebensweise einer leicht elitären linkslibertären, auch kulturell expressiven Diskurspartei durchaus zugeneigt sind. Diese Sozial- und Mentalitätslage nährt und stabilisiert nach wie vor grüne bzw. linksliberale Parteien.
Das Problem allerdings ist: Loyale Parteisoldaten sind die linksliberal-ökologisch orientierten Individualisten in den Wählerschaften der modernen europäischen Demokratien nicht. Eben das macht sämtlichen linkslibertären Parteien zwischen Oslo und Lissabon in schöner Regelmäßigkeit arg zu schaffen. Ihr prinzipielles Potential hat sich in den letzten 25 Jahren fraglos gefestigt. Aber es ist jeweils nur durch spezifische Fertigkeiten außergewöhnlich begabter Parteikader zu aktivieren: durch die Fähigkeit zur politischen Autonomie, Unverwechselbarkeit, Projekt- und Zielorientierung, Kommunikation, durch Esprit, Witz und Mut. Mindestens in Regierungszeiten aber geht einiges davon unweigerlich verloren. Flair und Aura sind nun einmal schwer alltäglich zu verstetigen. Doch der Verlust an charismatischen Charme und inspirierender Originalität führt zyklisch zum Liebesentzug im linksliberalen Bürgertum. Exakt das haben die deutschen Grünen in den letzten Jahren auf Landes- und Bundesebene denkbar schmerzhaft erfahren müssen.
Indessen wird der Humus, auf dem der Bedarf nach einem spezifisch libertär expressiven politischen Stil gedeiht, in Zukunft keineswegs schwinden. Im Gegenteil: Schließlich ist der Typus des "kulturell Kreativen" - wie ihn der amerikanische Soziologe Paul H. Ray nennt - gesellschaftlich sehr sichtbar, vor allem bei den jungen und mittelalten akademischen Frauen. Dieser Typus ist nicht durch simple Lösungen, hohle Phrasen, tönende Megaphonappelle zu beeindrucken. Dieser Typus schätzt vielmehr die Differenzierung, die Überzeugungskraft der Argumentation, die gelungene Formulierung. Kulturell Kreative sind intensive Leser, sehen weniger fern, setzen sich aktiv mit Kunst auseinander. "In ihrem Streben nach Authentizität lehnen sie schlechte Qualität und Wegwerfartikel ebenso ab wie Markenwahn", so Paul H. Ray.
Gesäßgeografisch in der Mitte des Plenarsaals
Gleichwohl und nochmals: Parteien der "kulturell Kreativen" haben es nicht leicht, da sie ihre oft überkritische, politisch-ästhetisch prätentiöse Klientel immer neu überzeugen müssen. Aber eine Chance ist diese kulturell multiplikatorische Schicht und Mentalität für die Grünen doch auch. Nutzen können sie sie allerdings nur, wenn sie den spröden Buchhaltern und schlichten Krakeelern der Politik nicht nacheifern, sondern wenn sie deren kurzatmige Lösungsofferten politische Komplexität und intellektuelle Reflexivität entgegenstellen. Daran haben die Grünen in der unmittelbaren Parteienkonkurrenz mit den Lafontaines und Westerwelles während der nächsten beiden Jahre zu arbeiten, ebenso gründlich und hart wie eben auch nonchalant und kreativ.
Gelingt ihnen das, dann wird sich auch die Machtfrage wieder neu und eindringlich stellen: Denn: Die Grünen platzieren sich nicht nur gesäßgeografisch in der Mitte des Plenarsaals. Sie bilden ebenfalls politisch künftig die Klammerposition der Koalitionsbildung. Keine der beiden Volksparteien wird an den Grünen vorbeikommen, wenn sie in mittlerer Frist diesseits der Großen Koalition eine Regierungsmehrheit schmieden wollen. Die SPD weiß das; und die Union hat das im Herbst 2005 zu lernen begonnen. Spätestens im Jahr 2007 werden die Anführer beider Volksparteien ihre Netzwerkknüpfer zu den tonangebenden Grünen schicken.
Darin wurzelt der Vorzug einer Partei, die im Zentrum des Parlamentarismus steht. Sie ist Scharnier, nach links wie nach rechts. Aber darin verbirgt sich auch die Crux. Scharnierparteien geraten rasch in die Gefahr, farblos zu werden, in der diffusen Mitte zu verschwimmen, alle Ecken und Kanten abzuschleifen, um auf diese Weise hier wie dort allianzfähig zu bleiben. Doch insbesondere die Grünen mit ihrer akademisch-linkslibertären, hochkritischen Klientel können sich Konturenlosigkeit und chamäleonhafte Verwechselbarkeit nicht leisten. Die Grünen haben in Zukunft eine Menge Gelegenheiten. Gerade in diesen Chancen aber lauern tückischerweise ebenso viele Gefahren.
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