Von Claus Christian Malzahn
Der polnische Präsident Lech Kaczynski, der sein Land bald im Verein mit Zwillingsbruder Jaroslaw regieren wird, nennt einen satirischen Artikel in einer deutschen Zeitung ein Verbrechen.Von der Bundesregierung fordert er eine Entschuldigung, weil er dort unter anderem als Kartoffel tituliert wird.
Jetzt geht das wieder los. Vor nicht allzu langer Zeit forderten Botschafter aus islamischen Ländern von der dänischen Regierung, sich für eine Reihe von Cartoons zu entschuldigen, die eine Tageszeitung veröffentlicht hatte. Die Regierung in Kopenhagen wies dieses Ansinnen höflich, aber bestimmt zurück: Für Karikaturen und Satire könne eine demokratische Regierung keine Verantwortung übernehmen, solche Veröffentlichungen unterlägen der Pressefreiheit.
Von interessierter islamistischer Seite wurde der Casus dann hochgespielt, eine Welle der Gewalt walzte anschließend durch die muslimische Welt. Nun müssen wir zwar nicht fürchten, dass bald schwarz-rot-goldene Fahnen brennen werden in Warschau. Aber aus dem 18. Brumaire des Louis Bonaparte von Karl Marx wissen wir, dass sich Geschichte zum ersten Mal als Tragödie, zum zweiten Mal als Farce wiederholt. Was sich zur Zeit in den deutsch-polnischen Beziehungen abspielt, ist eine groteske Mischung aus beidem.
Antisemitische und antideutsche Ressentiments
Auf die meisten Deutschen dürfte die Forderung des polnischen Präsidenten, die Bundesregierung solle sich für eine Satire der "taz" entschuldigen, wie eine Farce wirken. Doch für die Polen könnte der außenpolitische Kurs ihrer Staatsführung bald tragische Folgen haben. Denn die Regierung in Warschau isoliert sich immer mehr von seinen direkten Nachbarn - das gilt nicht nur für die Bundesrepublik - und von der Europäischen Union.
Dem konservativ-populistischen Kabinett gehört ein Bildungsminister an, der an den Schulen Patriotismusunterricht einführen will - also nationalistische Ideologie statt vom Gedanken der Aufklärung getragene Geschichtsschreibung. In seiner Partei pflegt man antisemitische Ressentiments. Mit diesem Mann wolle man nicht zusammenarbeiten, erklärte jetzt der israelische Botschafter in Warschau. Der scheidende polnische Botschafter in Berlin, Andrzej Byrt, kritisierte heute offen Lech Kaczynski wegen der Ernennung dessen Bruders zum Premier und bezeichnete die Reaktion auf die Satire als übertrieben. Ein polnischer Diplomat, der auf deutschem Boden seinen Präsidenten kritisiert: Das ist ein in der Nachkriegsgeschichte einmaliger Vorgang. Byrt beweist erstens großen Mut und zweitens, dass nicht die ganze politische Elite seines Landes den Verstand verloren hat.
Die Kaczynskis, die Polen nun in beklemmend brüderlicher Zweisamkeit beherrschen - was übrigens die große Mehrheit der Polen für bedenklich hält - haben offenbar kein Interesse an einer gedeihlichen Nachbarschaft mit der Bundesrepublik. Sie sind nicht bereit, moderne politische Standards der Europäischen Union zu akzeptieren. Die politischen Überzeugungen der Kaczynskis wurzeln im Nationalkatholizismus und in einer tief empfundenen Skepsis gegenüber Deutschland. Und sie leiten aus der unstrittigen Opferrolle Polens, die mit der ersten Teilung des Landes 1772 begann und erst 1989 mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums endete, einen problematischen Opfermythos ab.
Jux und Dollerei
Auch wenn es manche Partypatrioten nach der WM erst recht nicht mehr hören können: Die Gründe dafür liegen vor allem in der Katastrophe des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges. Es gibt für Deutsche deshalb keine Veranlassung, sich aus Jux und Dollerei über den Wertekanon der Kaczynskis lustig zu machen. Immerhin haben diese Kaczynskis als Aktivisten der Solidarnosc in den achtziger Jahren mehr für die Freiheit in Mittel- und Osteuropa getan als manche ihrer heutigen Kritiker.
Allerdings gibt es eine Menge Gründe zu bedauern, dass die politische Führung Polens offenbar gar nicht in jenem Europa ankommen möchte, für das sie damals in Danzig gestreikt und gekämpft hat. Im Gegenteil. Jeder noch so alberne Vorwand wird von den Kaczynskis genutzt, um in den alten, verstaubten Nationalstaat zurück zu marschieren, in dem selbst die Jungfrau Maria einen polnischen Pass besitzt und historisch gewachsene Mythen noch immer wichtiger sind als historische Wissenschaft.
Es ist kein Zufall, dass das Standardwerk über die polnische Geschichte von einem Briten verfasst wurde. Jeder Pole, der es wagen würde, die polnische Geschichte mit Fußnoten zu entzaubern, müsste zur Zeit mit der Bannbulle seines Präsidenten rechnen.
Unheimlicher Nachbar
Die deutsch-polnischen Beziehungen jedenfalls waren nach dem Zweiten Weltkrieg selten so schlecht wie heute. Selbst Willy Brandt hatte ein besseres Verhältnis zu den Machthabern in Warschau - übrigens lag das nicht an seinem Kniefall vor dem Ghetto-Mahnmal, den die Kommunisten eher für störend hielten. Antideutsche Ressentiments sind in Polen, 61 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, in der tagespolitischen Auseinandersetzung jederzeit mobilisierbar und abrufbar.
Vor allem die Kaczynskis haben immer wieder auf dieser Klaviatur gespielt - und zwar nicht nur im Wahlkampf, wie sich jetzt zeigt. Doch das geschichtlich gewachsene Ressentiment gegen dem unheimlichen deutschen Nachbarn, der Polen vor zwei Generationen noch verwüstet hat, ist inzwischen in offene Europafeindlichkeit umgeschlagen, die antiwestliche Züge trägt. Wohin wollen die Kaczynskis Polen eigentlich führen? Nach Osten? Das wäre ein Treppenwitz. Offenbar glauben die Brüder, Polen würde sich selbst genügen, im bilateralen Zweifel reiche der heiße Draht nach Washington.
Doch die Zeit der Nationalstaaten in Europa ist lange vorbei - die Ära der Kabinettskriege übrigens auch. Zum Glück sind die Polen immer schlauer als ihre Regierungen. Nach der Wende wählten sie konservativ und liberal, um den Kommunismus los zu werden. Später votierten sie links, weil sie den Postkommunisten eher zutrauten, das Land in die EU zu führen.
Die harten Kaczynskis kamen an die Macht, weil Polen unter Korruption leidet wie manche afrikanische Staaten unter Malaria. Auch deshalb ist das Vertrauen der Polen in die europäische Demokratie viel stärker ausgeprägt als in nationale Institutionen. Wenn die Polen bemerken, dass die Kaczynskis künftig nicht mehr die Mafia, sondern westliche Freizügigkeit und Liberalität bekämpfen, werden sie deshalb im Orkus der polnischen Geschichte landen. Denn die Polen - das kosmopolitischste Volk unseres Kontinents - wissen sehr genau, dass ihre Zukunft in Europa liegt. Die Kaczynskis wären nicht die ersten Politiker im Warschau der Nachwendezeit, die kometenhaft aufstiegen, tief stürzten - und schließlich in Vergessenheit gerieten.
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