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24.09.2006
 

Essay

Entlarvt die Ideologen!

Von Carolin Emcke

Er wollte eine innerchristliche Debatte anregen und löste einen Proteststurm von Muslimen aus. Der Konflikt um die Papst-Worte zum Islam belegt, wie wenig Religionen miteinander umzugehen wissen. Ihre Identität wahren sie nur, wenn sie das Recht verteidigen zu glauben - und nicht zu glauben.

Was konnte den Verfechtern des "Kampfs der Kulturen" gelegener kommen als das? Das Oberhaupt der katholischen Kirche kritisiert den Propheten Mohammed. Die Vertreter der religiösen Institutionen des Islam vereinen sich in einem Aufschrei der Empörung über die infame Beleidigung und verlangen eine Entschuldigung. Der Papst bedauert die Missverständnisse. Die Proteste gegen den Vatikan verteilen sich über die muslimische Welt. Die westlichen Kommentatoren echauffieren sich über die Rückständigkeit der Muslime. Und in all der Aufgeregtheit stilisieren sich die einen zu Verteidigern des Glaubens und des geschützten Worts des Propheten, die anderen zu Verteidigern der Säkularisierung und des ungeschützten Worts des Individuums.

Dass der Papst weder den Propheten Mohammed noch den Islam kritisiert hat, interessiert bei dieser Spirale der gegenseitigen Vorwürfe kaum jemanden. Es gehört zu den ironischen Facetten dieser religiös aufgeladenen Zeiten, dass ausgerechnet eine Rede des Papstes, die die theologische Rolle der Vernunft hervorzuheben suchte, als Projektionsfläche für diese Kontroverse dient. Schon jetzt kursiert die Angst, der Papst bereite einen neuen Kreuzzug vor. Stattdessen war die Argumentation des kirchlichen Oberhaupts eher dazu angetan, innerchristliche Debatten auszulösen. Denn Benedikt XVI zielte keineswegs auf den Islam, sondern auf jene Denkschule, die den Einfluss der griechischen Philosophie und ihres Logos-Gedankens auf die christliche Gottesvorstellung abwehrt. Darin, in dieser Aufwertung der Vernünftigkeit im Glauben, liegt eine philosophische Position, die sich sowohl zur modernen Entwicklung Europas als auch zu anderen Religionen und Kulturen anderer Teile der Welt hin öffnen ließe.

Doch ein einziger Satz wird aus dem Zusammenhang gerissen, was ein bloßes Zitat der Sekundärliteratur war, wird dem Sprecher selbst zugeschrieben, das filigrane Argument des Vortrags auf ein Schnipsel reduziert. Der Tempowahn des globalen Medienzeitalters zeigt hier ebenso seine selbstzerstörerischen Züge wie die gedankliche Kurzatmigkeit der religiösen wie atheistischen Ideologen.

Reflexhafte Verletztheit

Wie der kleine Spielzeugvogel mit der unausgeglichenen inneren Balance, der, einmal angestoßen, immer nur mit dem Kopf abwärts picken kann - so agieren beide Seiten reflexartig im ewig selben Affekt der Verletztheit und der selbstzufriedenen Gewissheit, der reinen Lehre zu dienen. Seht her, scheinen die einen zu sagen, schon wieder ein Beleg für den demütigenden Hochmut des christlichen Westens gegenüber dem Islam, erneut ein Anzeichen für die verletzende Missachtung gegenüber der muslimischen Religionsgemeinschaft. Seht her, scheinen die anderen zu sagen, schon wieder ein Beleg für die aggressive Natur der muslimischen Gemeinschaft, erneut ein Anzeichen für die vormoderne Unfähigkeit des Islam, mit Kritik umzugehen.

In diesem hysterischen Schauspiel verlieren alle, denn niemand ist sich treu. Der christliche Theologe, der einen universalen Glauben predigt, aber nicht bedenkt, dass seine Rede auch global gehört und (miss-) verstanden wird. Der muslimische Gläubige, der einen Propheten der Schrift-besitzenden Religion verteidigt, aber nicht bereit ist, Schriften in ihrer Gänze zu lesen. Der europäische Kritiker, der sich der Aufklärung rühmt, aber die Unmündigkeit immer nur am anderen erkennen will.

Was alle eint, ist die Überzeugung, die eigene Identität verteidigen zu müssen gegen die Identität der anderen. Was alle eint, ist die Illusion, dies ohne den jeweils anderen zu können. Dabei bestätigt dieses erneute Aufbrechen der gegenseitigen Vorwürfe und Ängste doch vor allem, wie abhängig jede Kultur von den anderen, wie verwoben die jeweiligen Welten sich exakt in dem Moment erweisen, in dem sie auf ihrer Verschiedenartigkeit insistieren.

Atheist muss mit dem Gläubigen für Glaubensfreiheit streiten

Warum sonst sollte es Muslime in Indien oder Ägypten kränken, wenn ein christlicher Theologe bei einem Vortrag in der Universität Regensburg einen byzantischen Kaiser aus dem 14. Jahrhundert zitiert, der sich in einem Gespräch mit einem persischen Gegenüber über das Verhältnis von Glauben und Zwang unterhält? Warum sonst sollte es Atheisten in Berlin oder Stockholm stören, wenn sich muslimische und christliche Gläubige über heilige Propheten oder göttlichen Willen entzweien? Warum sonst sollte es Liberalisten ereifern, wenn sie sprachlich beschimpft werden?

Weil jede Identität sich erst im Dialog, mit und durch den anderen ausbildet. Weil wer wir sind, nicht allein durch unsere Herkunft, unsere Sprache, unser Begehren, unsere Erzählungen und unseren Hoffnungen bestimmt wird, sondern auch dadurch, wer wir für und durch andere sind. Anerkennung wie Missachtung, Zustimmung wie Ablehnung, prägen unser Selbstverständnis gleichermaßen. In dieser Abhängigkeit von anderen, in dieser sprachlichen Verletzbarkeit liegt unsere Menschlichkeit begründet - und in dieser Gemeinsamkeit liegt die Quelle für Zerwürfnisse wie für Versöhnung.

So wäre es an der Zeit, sich darauf zu einigen, das Eigene mit dem anderen zu verteidigen. Wer seinen orthodoxen Glauben erhalten will (ob Muslim, Jude oder Christ), muss mit dem Atheisten gemeinsam für eine säkulare Ordnung ringen - denn nur in diesem geschützten Rahmen lassen sich die religiösen Verschiedenheiten leben. Wer seine Ungläubigkeit erhalten will, muss mit dem Religiösen für die Glaubensfreiheit streiten, denn nur so lässt sich die Vielheit der Lebensformen aushalten. Wessen Glaube abweichende Überzeugungen nicht ertragen kann, der ist nicht gefestigt im Glauben. Wessen Atheismus traditionelle Gläubigkeit nicht ertragen kann, der ist nicht frei von Orthodoxie. Wessen Feminismus gläubige Frauen nicht akzeptieren kann, der ist nicht für die Selbstbestimmung der Frau. Wessen Toleranz nur die Toleranz Gleichgesinnter meint, der ist nicht tolerant. Wessen Glaubensfreiheit nur den eigenen Glauben meint, der gestattet keine Freiheit. Wessen Überzeugung keine Kritik aushält, der hat keine guten Gründe für die eigene Überzeugung. Wessen Selbstbild sich nur mit Beleidigung anderer stärkt, der traut sich nicht viel zu.

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