Von Carolin Emcke
Mitschuld an den Ängsten der anderen
Und so wäre es an der Zeit, achtsamer mit der nicht ganz unberechtigten Furcht des anderen umzugehen, denn die Geschichte dieser kollektiven Ängste des jeweils anderen verweisen immer auch auf die Geschichte der eigenen Versäumnisse und Verbrechen. Jede dahingeworfene Beleidigung, jedes kränkende Wort wäre bedeutungslos, würden sie nicht in einen historischen Zusammenhang der Gewalt gerückt werden. Wer die eigene Mitschuld an den Ängsten des anderen bedenkt, der wird den Krieg gegen den Terror nicht fahrlässig als "Kreuzzug" bezeichnen, wer die eigene Verantwortung für die Folgen der Rede bedenkt, der wird nicht fahrlässig einen "Glaubenskrieg" gegen Künstler oder Satiriker ausrufen.
Das Wir, das die einen wie die anderen zu verteidigen meint, entsteht erst in dieser Auseinandersetzung mit dem anderen, den es einschließt.
Wenn wir es ernst meinen mit der Säkularisierung, dann bedeutet sie einen Freiraum, in dem individuelle oder kollektive Neigungen, Überzeugungen und Hoffnungen gelebt werden können - ohne dass der Staat oder Nachbar zu intervenieren aufgerufen ist. Sie bedeutet die Freiheit zu glauben oder nicht zu glauben. Die Freiheit, sich nach einer anderen Welt, nach einer anderen Ordnung zu sehnen - aber die rechtliche Ordnung der gesellschaftlichen Verfasstheit anzuerkennen. Das bedeutet im Übrigen auch, irrational sein zu dürfen, aus Liebe zu einem Text, einer Person, einer alten Geschichte, die eigene Herkunft, den kulturellen oder sozialen Kontext, die Wirklichkeit um einen herum überschreiten zu dürfen - im Glauben oder im Unglauben.
Diese Freiheit, sich selbst oder die Realität zu überschreiten, ist es, die Menschen kreativ sein lässt. Aus diesen Sehnsüchten erwächst die Kunst, die Musik, die Philosophie. Es mögen religiöse oder atheistische Visionen sein, die uns über uns hinaus wachsen lassen. Aber wir verarmten kreativ in unserem Gemeinwesen, in unserer Lebensfreude, wenn wir sie in die eine oder in die andere Richtung beschneiden wollten.
Entlarvt die Ideologen!
Und so wäre es auch an der Zeit, die rückwärtsgewandten Ideologen dort zu entlarven, wo sie wirklich zu finden sind: überall dort, wo soziale, ästhetische und politische Fragen als vermeintlich religiöse deklariert werden. Überall dort, wo Rassismus und Anti-Islamismus als Säkularisierung verklärt werden. Überall dort, wo christlicher Fundamentalismus als aufgeklärte Moderne ausgegeben wird. Überall dort, wo Rassismus als muslimische Selbstbestimmung verkleidet wird. Überall dort, wo Fragen der Integration, der Bildung, des Patriarchats, der sozialen Mobilität, der Anerkennung als angeblich religiöse Fragen ins Reich des Unbeantwortbaren abgeschoben werden. Die religiöse Lesart der Konflikte unserer Zeit kennzeichnet vor allem eine Verweigerungshaltung, uns mit ihnen auseinanderzusetzen und an einer Lösung zu arbeiten. Stattdessen ziehen wir uns auf unsere geliebten, vertrauten Gewissheiten zurück, loben die eigene Überlegenheit und schütteln den Kopf über die Unverständigkeit und Gewaltbereitschaft des anderen.
So aber erfüllen wir genau die perfiden Erwartungen der wirklich Gewaltbereiten und anverwandeln uns jenem verzerrten Bild, das die Fundamentalisten von uns zeichnen. Das jedoch wäre die eigentliche terroristische Bedrohung, möglicherweise nachhaltiger und gefährlicher als die traurigen Verluste unschuldigen Lebens, nämlich, dass es den Fanatikern gelungen sein könnte, uns im Kern unseres Selbstverständnisses zu treffen, und eine Reaktion zu provozieren, in der wir uns bar all jener demokratischen und liberalen Werte zeigen, die uns ursprünglich auszeichneten.
Dies jedoch ist eine Bedrohung, die wir innerhalb, nicht außerhalb unserer Kultur bekämpfen müssen.
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