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25.10.2006
 

Kommentar

Alptraumbilder aus den Killing Fields

Von Claus Christian Malzahn

Heute hat das Kabinett die Verlängerung des KSK-Einsatzes in Afghanistan beschlossen - kurz nachdem der Skandal um makabre Bundeswehr-Bilder an die Öffentlichkeit gelangte. Hat die deutsche Armee out of area die Bodenhaftung verloren?

Berlin - Die Bundeswehrsoldaten, die im Frühjahr 2003 während einer Patrouille vor den Toren Kabuls ihre makabren Spiele mit einem Totenschädel trieben und diese nekrophilen Späße gleichzeitig auch noch fotografisch festhielten, müssen mit disziplinarischen und strafrechtlichen Konsequenzen rechnen.

Nach den Zweifeln am gesetzestreuen Verhalten von Mitgliedern des Kommandos Spezialkräfte (KSK) in Afghanistan passt diese unappetitliche Geschichte heute bestens ins Bild einer durchgeknallten deutschen Armee, die in Afghanistan langsam, aber sicher die Bodenhaftung zu Verfassung und Grundgesetz verloren hat.

Denn die Würde des Menschen ist im Krieg durchaus antastbar, egal ob bei Misshandlungen von Gefangenen oder bei Streifenfahrten, bei denen man zum Zeitvertreib Basketball mit Totenköpfen spielt. Solche Vorkommnisse sind nicht zu entschuldigen, auch nicht mit der besonderen Dauerstresssituation, mit der Soldaten in Krisen- und Kriegsgebieten fertig werden müssen.

Auch die Regierung ist verantwortlich

Doch es wäre heuchlerisch, die Verantwortung für solche Ungeheuerlichkeiten nur bei den unmittelbaren Tätern abzuladen. Die Bilder stammen aus einer Gegend, in der Alpträume heller Alltag sind. Die Verantwortung für das Fehlverhalten der Soldaten trifft deshalb auch die politische und militärische Führung der Armee. Besonders die rot-grüne Regierung hat die Out-of-area-Einsätze der Bundeswehr heuchlerisch als bewaffnete Sozialarbeiterkommandos getarnt.

Über die Aktivitäten der KSK hüllte man sich aus Sicherheitsgründen in Schweigen. Das war verlogen: Es ging bei diesem Schweigegelübde nicht um die militärische Sicherheit der Soldaten, sondern um die politische Sicherheit der Regierung, die nicht zugeben wollte, dass deutsche Soldaten im Ausland nicht nur Bonbons an Kinder verteilen und Schulen aufbauen - sondern auch feindliche Kämpfer töten müssen.

Hätte es mehr und vor allem selbstverständlicheren öffentlichen Zugang von Journalisten in Richtung des KSK und der Isaf-Schutztruppe gegeben, wären manche Skandale sicher längst aufgeflogen. Die Große Koalition hat bisher keinen Anlass gesehen, diese selektive Informationspolitik der Bundeswehr zu ändern, gegen die das Embedment-Programm der US-Armee geradezu ein Freibrief für unabhängige Recherche ist.

Der Einsatz in Afghanistan ist die bisher heikelste Mission der Bundeswehr. Seit 2002 verloren insgesamt 18 Soldaten ihr Leben. Die Soldaten agieren inzwischen ständig in einer Zone potentiellen Todes. Es ist kaum anzunehmen, dass die Soldaten den weißen Schädel ausgegraben haben. Massengräber werden in Afghanistan kaum getarnt. Am Hindukusch herrscht seit fast 30 Jahren Dauerkrieg, Totenschädel gehören dort mancherorts zum Landschaftsbild.

Vor einigen Jahren recherchierte ich im Norden des Landes ungeheuerliche Gerüchte über ein Massaker an Kriegsgefangenen. Mehrere hundert Taliban-Kriegsgefangene, so hieß es, seien von der Nordallianz in der Wüste bei Masar-i-Scharif hingemetzelt worden. Die Täter hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen. Ich lief buchstäblich über Killing Fields, ein Meer von Skeletten und Patronenhülsen lag vor meinen Augen. Begraben wurden die Toten nur vom heißen Wüstensand, den der Wind über ihren Gebeinen und Kleiderfetzen auftürmte. Soviel zum Thema Störung der Totenruhe in Afghanistan: Die Toten dort ruhen nicht, ihre Überreste blitzen oft genug in der Sonne. Vielleicht ist das auch eine Erklärung für das merkwürdige Verhalten dieser deutschen Soldaten, die einen Totenkopf wie eine Trophäe in die Höhe halten. Entschuldigen soll das nichts - aber es macht deutlich, dass die Mitglieder dieser Patrouille nicht nur ein Staatsanwalt erwarten sollte, sondern auch ein Psychologe.

Politik und Gesellschaft erwarten von der Bundeswehr im Kriegsgebiet eine ganze Menge: Sie sollen ihren Job als Bürger in Uniform in einer Gegend erledigen, in der unsere Regeln von zivilgesellschaftlichem Miteinander vollkommen außer Kraft gesetzt sind. Manche Soldaten sind damit überfordert - sollte uns das wundern? Diese Menschen brauchen weder Häme noch Hysterie - sondern Hilfe. Hilfreich wäre es deshalb, in Kabul auf dem Gelände der Bundeswehr weniger auf die strenge Einhaltung von TÜV-Normen oder Mülltrennung zu achten, sondern vor allem darauf, wie junge Männer, die von der Bundesrepublik in Todeswüsten geschickt werden, unbeschadet an Leib und Seele wieder nach Hause kommen können.

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