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Gastkommentar Grundeinkommen - ein gefährlicher Traum

2. Teil: Der Steuersatz für Geringverdiener würde auf 80 Prozent steigen

Schlimmer noch – und das gilt für alle Grundeinkommensmodelle: Das Konzept blendet die Vielschichtigkeit von Armut vollkommen aus. Die heutige Unterschicht leidet keineswegs nur an Geldknappheit, sondern gerade auch an fehlenden Chancen aktiver Teilhabe, an mangelnder Bildung und der "Vererbung" sozialer Benachteiligung. Ein sozialer Staat ermutigt, aktiviert und befähigt deshalb seine Bürger zu Partizipation, Leistung, Kreativität. Er investiert in die Menschen, anstatt sie zu alimentieren. Nur der vorsorgende Sozialstaat, der Familien-, Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Integrationspolitik intelligent miteinander vernetzt, kann im 21. Jahrhundert soziale Gerechtigkeit herstellen.

Die Verfechter des Grundeinkommens hingegen wollen die Säulen der Sozialversicherung (Rente, Arbeitslosigkeit, Pflege, Unfall) einfach niederreißen, die Fürsorgesysteme und Maßnahmen zur Arbeitsförderung einstellen. Berufliche Weiterbildung, Ausbildung Benachteiligter, beschäftigungsbegleitende Leistungen – alle staatlichen Hilfen, mit denen die Menschen auf eigene Füße kommen sollen, würden abgeschafft. Der Staat zahlt ein Grundgehalt. Der Rest ist Sache der "zur Freiheit berufenen und aufgeforderten Individuen" (Althaus).

Es gibt genug Arbeit für alle

Die Befürworter des Grundeinkommens unterstellen, dass Vollbeschäftigung ein Wunschtraum ist. Das ist nachweislich falsch: Die Erwerbsquote in anderen europäischen Ländern ist viel höher als bei uns. Ja, die Arbeitswelt wandelt sich. Aber es gibt genug Arbeit zu tun. Schon jetzt zeichnet sich ein Fachkräftemangel ab. Allein im gesamten Sektor der Dienstleistungen oder im Bereich hochqualitativer Industriegüter entstehen täglich neue Arbeitsplätze. Nur müssen wir mit einer vernünftigen Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik sicherstellen, dass diese Arbeitsplätze überhaupt besetzt werden können – nicht anderswo, sondern hier bei uns. Darüber sollten wir in Deutschland debattieren.

Stattdessen verführt das Bürgergeld zu der Annahme, Arbeit sei etwas, was man je nach Lebensabschnittslaune tun oder eben lassen könne. Mehr noch: Mit einiger Wahrscheinlichkeit würde ein bedingungsloses Grundeinkommen die gesellschaftlichen Vorstellungen über den Sinn und Wert von Arbeit negativ verändern und die Motivation der Menschen mindern, sich zu qualifizieren.

Tendenziell würden die Bürger ihre Arbeit zugunsten von mehr Freizeit reduzieren. Dadurch würde die Produktivität unserer Wirtschaft sinken, was wiederum geringere Erlöse und steigende Preise zur Folge hätte. Ein Teufelskreis, weil das Grundeinkommen daraufhin erhöht werden müsste. Selbst für das Grundeinkommen gilt eben: Man kann nur das Geld verteilen, welches man zunächst erwirtschaftet hat.

Steuersatz von 80 Prozent für Geringverdiener?

Dass das Althaus-Konzept den Staat in extreme Finanznöte bringen würde, erkennen sogar die Autoren der jüngsten Studie der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung zum solidarischen Bürgergeld. Sie bescheinigen dem Modell des Thüringers eine Finanzierungslücke von sage und schreibe 190 Milliarden Euro. Insgesamt würde das solidarische Bürgergeld demnach 740 Milliarden Euro jährlich kosten. Dies entspricht knapp einem Drittel der Wirtschaftsleistung Deutschlands.

Um diese Summe aufzubringen, so die Studie, müsste der Einkommensteuersatz nicht bei 50 Prozent für Geringverdiener und 25 Prozent für Besserverdiener liegen, wie Althaus vorrechnet, sondern bei 80 und 30 Prozent. In der Welt des solidarischen Bürgergeldes könnte ein Geringverdiener von einem Euro Gehalt also gerade 20 Cent behalten. Wohlgemerkt, die meisten anderen Modelle sehen ein noch höheres – und damit noch teureres – Grundeinkommen vor.

Es ist deshalb unfassbar, dass CDU-Chefin Angela Merkel nun eine parteiinterne Kommission zum bedingungslosen Grundeinkommen einrichten will. Den Vorsitz soll Dieter Althaus übernehmen.

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insgesamt 118 Beiträge
sam clemens 22.04.2007
Die Schwächen des Althaus-Modells werden meiner Meinung nach durchaus treffend dargestellt. Aber der Autor benutzt diese Schwächen, um die Grundeinkommen-Idee generell zu diskreditieren. Das ist nicht ganz seriös, denn andere [...]
Die Schwächen des Althaus-Modells werden meiner Meinung nach durchaus treffend dargestellt. Aber der Autor benutzt diese Schwächen, um die Grundeinkommen-Idee generell zu diskreditieren. Das ist nicht ganz seriös, denn andere Grundeinkommen-Modelle sind vielleicht nicht so unausgewogen wie das Althaus-Modell. Die eigentliche Frage ist aber doch wohl: sind wir Menschen zu verantwortungsvollem, selbständigem Handeln in der Lage oder brauchen wir die "Anreize" der kapitalistischen Wirtschaft? Ich möchte glauben, daß wir diese Anreize nicht brauchen. Das Arbeiten gehört zum Menschsein - im positiven Sinne.
MEKWaldhauser 22.04.2007
Viele Übel der heutigen kapitalistischen und kommunistischen Gesellschaften wären durch die Garantie eines jährlichen Mindesteinkommens zu beseitigen. Diesem Vorschlag liegt die Überzeugung zugrunde, dass jeder Mensch [...]
Viele Übel der heutigen kapitalistischen und kommunistischen Gesellschaften wären durch die Garantie eines jährlichen Mindesteinkommens zu beseitigen. Diesem Vorschlag liegt die Überzeugung zugrunde, dass jeder Mensch gleichgültig, ob er arbeitslos ist oder nicht, das bedingungslose Recht hat, nicht zu hungern und obdachlos zu sein. Er soll nicht mehr erhalten, als zum Leben notwendig ist – aber auch nicht weniger. Dieses Recht scheint uns heute eine neue Auffassung auszudrücken, doch in Wirklichkeit handelt es sich um eine sehr alte Norm, die sowohl in der christlichen Lehre verankert ist als auch von vielen „primitiven“ Stämmen praktiziert wird: dass der Mensch das uneingeschränkte Recht zu leben hat, ob er seine „Pflicht gegenüber der Gesellschaft“ erfüllt oder nicht. Es ist ein Recht, das wir unseren Haustieren, nicht aber unseren Mitmenschen zugestehen. Durch ein solches Gesetz würde die persönliche Freiheit immens erweitert; kein Mensch, der von anderen wirtschaftlich abhängig ist (beispielsweise von den Eltern, dem Ehemann, dem Chef), wäre weiterhin gezwungen, sich aus Angst vor dem Verhungern erpressen zu lassen; begabte Menschen, die sich auf einen neuen Lebensstil vorbereiten wollen, hätten dazu Gelegenheit, wenn sie bereit sind, eine Zeitlang ein Leben in Armut auf sich zu nehmen. Die modernen Sozialstaaten haben diesen Grundsatz – beinahe – akzeptiert, das heißt „nicht wirklich“* Die Betroffenen werden nach wie vor von einer Bürokratie „verwaltet“, kontrolliert und gedemütigt. Ein garantiertes Einkommen würde bedeuten, dass niemand einen „Bedürftigkeitsnachweis“ zu erbringen braucht, um ein bescheidenes Zimmer und ein Minimum an Nahrung zu erhalten. Es wäre daher auch keine Bürokratie zur Verwaltung zur Verwaltung eines Wohlfahrtprogramms mit ihrer typischen Verschwendung und Missachtung der Menschenwürde vonnöten. Das garantierte jährliche Mindesteinkommen bedeutet echte Freiheit und Unabhängigkeit. Deshalb ist es für jedes auf Ausbeutung und Kontrolle basierende System … unannehmbar.
gutmensch 22.04.2007
Das Ganze erinnert mich fatal an folgenden alten Witz: Auf dem Bundesparteitag der Grünen wird einstimmig beschlossen, daß niemand mehr zu arbeiten braucht. Jeder erhält vom Staat ein Grundgehalt ohne Gegenleistungen. Die [...]
Das Ganze erinnert mich fatal an folgenden alten Witz: Auf dem Bundesparteitag der Grünen wird einstimmig beschlossen, daß niemand mehr zu arbeiten braucht. Jeder erhält vom Staat ein Grundgehalt ohne Gegenleistungen. Die Grünen-Parteispitzte erklärt, dies wäre problemlos zu finanzieren, da es ja noch genügend andere gäbe die arbeiten würden. Soll dieser Witz jetzt Wirklichkeit werden, oder sind unsere Politiker jetzt wirklich nur noch ein Witz?
Hitman747 22.04.2007
Deutschland hat die Chance eine revolutionäre Rolle einzunehmen. Wenn wir das bedingungslose Grundeinkommen einführten, gäbe es zwei Möglichkeiten. 1. Deutschland kollabiert oder 2. das Modell wird zum Exportschlager. Niemand kann [...]
Deutschland hat die Chance eine revolutionäre Rolle einzunehmen. Wenn wir das bedingungslose Grundeinkommen einführten, gäbe es zwei Möglichkeiten. 1. Deutschland kollabiert oder 2. das Modell wird zum Exportschlager. Niemand kann voraussehen wie sich dieses entwickeln würde. Idealistisch ist allerdings festzustellen, dass das Modell sich in seiner Konzeption eingesteht, dass eine Vollbeschäftigung im wirtschaftlichen/industriellen Bereich gar nicht mehr Zeitgemäß bzw. durch den technischen Fortschritt gar nicht mehr notwendig ist. Das bedingungslose Grundeinkommen wäre die Entkoppelung von Arbeit und Einkommen und somit ein essenzieller Schritt hin zur Befreiung des Menschen von Arbeit.
b8plth 22.04.2007
10% von 1000 = 100 10% von 10000 = 1000 d.h. wenn jemand 10x soviel verdient wie ein anderer zahlt er auch 10x so viel. jetzt die frage: was ist daran "höchst unsozial" ? wieso muss man bestraft werden wenn man [...]
10% von 1000 = 100 10% von 10000 = 1000 d.h. wenn jemand 10x soviel verdient wie ein anderer zahlt er auch 10x so viel. jetzt die frage: was ist daran "höchst unsozial" ? wieso muss man bestraft werden wenn man mehr verdient ? - alles nur neid - es ist total wiederlich
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