Von Franz Walter
Deutschland ist zu alt. In diesem knappen Urteil treffen sich die meisten Interpreten der gesellschaftlichen Zustände. Zwar hat man derzeit den Eindruck, dass die allergröbsten apokalyptischen Bilder über ein vergreistes Volk tattriger Deutscher den Zenit alarmistischer Resonanz schon überschritten haben. Doch wird die Sorge über den Mangel an Vitalismus und elastischer Dynamik in der Bundesrepublik der nächsten 50 Jahre so bald nicht nachlassen.
Nun sind solche Bedenklichkeiten ja keinesfalls rundum abstrus. Und doch darf man sich ein kleines bisschen wundern, dass gerade die Deutschen dem Mythos der Jugend nicht etwas resistenter gegenüberstehen. Schließlich ist es noch nicht gar so lange her, dass die Deutschen in Europa die jüngste Nation bildeten, dass sie das rasanteste Bevölkerungswachstum auswiesen - und nicht zuletzt dadurch eine Menge martialischer Schrecken verbreiteten. Zum Ende des 19. Jahrhunderts war keine Bevölkerung auf diesem Erdteil jünger als die deutsche, mit einer Ausnahme: die des zaristischen Russlands. In beiden Gesellschaften fand man - hier ökonomisch, dort kulturell - fraglos ungewöhnlich vitalistische Bewegungen, aber eben auch bedenklich gereizte, nervöse, überspannte, aggressive Mentalitäten. Das führte ziemlich direkt in den Weltkrieg Numero Eins und in die "Große Sozialistische Oktoberrevolution".
In Deutschland strömten die Angehörigen des riesigen Geburtenberges der Jahrhundertwende dann in den Zeiten der Weimarer Republik auf den Arbeitsmarkt. Präziser: Sie versuchten, dorthin zu strömen. Aber der überfüllte Markt wies sie rigide ab. Die Frustration der kraftstrotzenden, aber ökonomisch nicht nachgefragten jungen deutschen Menschen nährten sodann den juvenilen Politikextremismus von NSDAP und KPD. Und ganz ähnliche Erscheinungen findet man auch aktuell in den jungen Nationen jenseits von Europa. Die überschüssigen Kräfte einer oft nicht gebrauchten männlichen Jugend übersetzen sich abermals in Bandenmilitanz verschiedenster Couleur.
Studie: Junge Männer haben Angst vor Versagen
Die Expertise handelt von den Lebensentwürfen und Rollenbildern "20-jähriger Frauen und Männer heute". Die Ergebnisse der Studie sind in der Tat eindrucksvoll. Sie illustrieren markant, wer das genuine Ferment der gegenwärtig vielzitierten Chancen- und Optionsgesellschaft ist: Die jungen, besser ausgebildeten jungen Frauen. Ihr Weltbild ist durch und durch optimistisch gefärbt. Sie äußern sich vergnügt, das nach dem Abitur etwas Neues beginnt. Sie freuen sich auf den Orts- und Wohnungswechsel, auf das Studium, auf die Chance ins Ausland zu gehen. Und sie sind überwiegend bemerkenswert zuversichtlich, demnächst in einem interessanten, ausfüllenden Beruf arbeiten zu können. Sie vertrauen dabei auf ihre eigene Intelligenz, Durchsetzungsfähigkeit und Disziplin, erwarten keine Hilfen von administrativen Gleichstellungsregelungen, appellieren nicht primär an staatliche Sekundanz.
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