Sonntag, 22. November 2009

Politik



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28.05.2007
 

Demografie

Das Leiden der jungen Männer

Von Franz Walter

Alle klagen über die Vergreisung Deutschlands. Dabei hätte die Gesellschaft ganz andere Probleme, wenn sie jünger wäre. Eine Studie zeigt, wie verloren junge Männer sich fühlen - in der Geschichte stets ein Grund für Unheil.

Deutschland ist zu alt. In diesem knappen Urteil treffen sich die meisten Interpreten der gesellschaftlichen Zustände. Zwar hat man derzeit den Eindruck, dass die allergröbsten apokalyptischen Bilder über ein vergreistes Volk tattriger Deutscher den Zenit alarmistischer Resonanz schon überschritten haben. Doch wird die Sorge über den Mangel an Vitalismus und elastischer Dynamik in der Bundesrepublik der nächsten 50 Jahre so bald nicht nachlassen.

Junge Männer: Fehlende Vorstellung vom guten Leben
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DDP

Junge Männer: Fehlende Vorstellung vom guten Leben

Nun sind solche Bedenklichkeiten ja keinesfalls rundum abstrus. Und doch darf man sich ein kleines bisschen wundern, dass gerade die Deutschen dem Mythos der Jugend nicht etwas resistenter gegenüberstehen. Schließlich ist es noch nicht gar so lange her, dass die Deutschen in Europa die jüngste Nation bildeten, dass sie das rasanteste Bevölkerungswachstum auswiesen - und nicht zuletzt dadurch eine Menge martialischer Schrecken verbreiteten. Zum Ende des 19. Jahrhunderts war keine Bevölkerung auf diesem Erdteil jünger als die deutsche, mit einer Ausnahme: die des zaristischen Russlands. In beiden Gesellschaften fand man - hier ökonomisch, dort kulturell - fraglos ungewöhnlich vitalistische Bewegungen, aber eben auch bedenklich gereizte, nervöse, überspannte, aggressive Mentalitäten. Das führte ziemlich direkt in den Weltkrieg Numero Eins und in die "Große Sozialistische Oktoberrevolution".

In Deutschland strömten die Angehörigen des riesigen Geburtenberges der Jahrhundertwende dann in den Zeiten der Weimarer Republik auf den Arbeitsmarkt. Präziser: Sie versuchten, dorthin zu strömen. Aber der überfüllte Markt wies sie rigide ab. Die Frustration der kraftstrotzenden, aber ökonomisch nicht nachgefragten jungen deutschen Menschen nährten sodann den juvenilen Politikextremismus von NSDAP und KPD. Und ganz ähnliche Erscheinungen findet man auch aktuell in den jungen Nationen jenseits von Europa. Die überschüssigen Kräfte einer oft nicht gebrauchten männlichen Jugend übersetzen sich abermals in Bandenmilitanz verschiedenster Couleur.

ZUM AUTOR

Uni Göttingen
Franz Walter, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Göttingen. Bei KiWi ist sein Buch "Träume von Jamaika" erschienen.
Kurzum: In der "Jeunesse" einer Nation liegt nicht nur Glück und Segen. Mehr noch: Hätte die Berliner Republik in den letzten fünf Jahren über eine ähnliche demographische Struktur wie die der Weimarer Gesellschaft verfügt - rund ein Viertel der Bevölkerung war seinerzeit zwischen 14 und 25 Jahren - dann hätten wir uns vermutlich mit einigen zusätzlichen sozialen und politischen Problemen von denkbar höchster Brisanz herumschlagen müssen. Schließlich zeigt eine neuere Untersuchung, die das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend beim Heidelberger Sinusinstitut in Auftrag gegeben hat, wie verunsichert auch so schon die im Grunde eher privilegierten jungen männlichen Erwachsenen mit Abitur auf die gesellschaftliche Lage reagieren.

Studie: Junge Männer haben Angst vor Versagen

Die Expertise handelt von den Lebensentwürfen und Rollenbildern "20-jähriger Frauen und Männer heute". Die Ergebnisse der Studie sind in der Tat eindrucksvoll. Sie illustrieren markant, wer das genuine Ferment der gegenwärtig vielzitierten Chancen- und Optionsgesellschaft ist: Die jungen, besser ausgebildeten jungen Frauen. Ihr Weltbild ist durch und durch optimistisch gefärbt. Sie äußern sich vergnügt, das nach dem Abitur etwas Neues beginnt. Sie freuen sich auf den Orts- und Wohnungswechsel, auf das Studium, auf die Chance ins Ausland zu gehen. Und sie sind überwiegend bemerkenswert zuversichtlich, demnächst in einem interessanten, ausfüllenden Beruf arbeiten zu können. Sie vertrauen dabei auf ihre eigene Intelligenz, Durchsetzungsfähigkeit und Disziplin, erwarten keine Hilfen von administrativen Gleichstellungsregelungen, appellieren nicht primär an staatliche Sekundanz.

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