Von Franz Walter
Doch die politischen Repräsentationen und hochzentralisierten Organisationszüge der Industriegesellschaft, der Arbeiterbewegung und ihrer Parteien schwinden seit einem Vierteljahrhundert rapide. Der Entstrukturierungseifer der postindustriellen Gesellschaftseliten hat politische Repräsentationen beschädigt, öffentliche Güter dezimiert, intermediäre Brücken zwischen Gesellschaft und Staat abgebrochen, Bindungen gelockert - und so kulturell-soziale Hohlräume der Integration hinterlassen. Wo immer in den vergangenen zwanzig Jahren in Europa unorganisierte und unvorhergesehene Krawalle ausbrachen, dort wird man verlässlich auf solche gesellschaftliche Leerstellen, auf entbundene Räume, sodann auf die Rückkehr des "Mobs" treffen.
Und man wird ebenfalls darauf stoßen, dass sich die politische Linke zuvor still und grußlos aus diesen Sozialquartieren der Gesellschaft verabschiedet hat. Die frühere Organisationskraft und -kontinuität der Linken hatte im 19. und 20. Jahrhundert noch dafür gesorgt, dass die Energien und Aktivitäten der Unterschichten nicht nach kurzen Höhepunkten rasch wieder abflachten und versandeten, sondern verstetigt und institutionell stabilisiert wurden. Die ideologischen Deutungsansprüche der Linken hatten dem Alltagsunmut, der Verbitterung und Wut in der "Underclass" Sinn, Richtung und Ziel gegeben. Indes: Zumindest die sozialdemokratische und linkslibertär-ökologische Linke ist zu solchen Organisations- und Sinngebungsleistungen seit Jahren bereits nicht mehr in der Lage. Eine irgendwie bemerkenswerte Haltung von Sozialdemokraten und Grünen etwa zum Gipfel-Spektakel der vergangenen Woche ist jedenfalls und beispielhaft nicht erinnerlich.
Sozial marginalisiert, momentan im Mittelpunkt
Und wo die Zukunftsversprechen der traditionellen Organisationen und Ideologien verschwunden sind, da kehrt der Kult des Augenblicks, die Befriedigung der Unmittelbarkeit, der Endorphinenausstoß der direkten Aktion zurück. In diesen Aktionen erfährt der sonst Ohnmächtige einen kurzen, aber berauschenden Moment der Macht. Er sieht die Angst, den Schweiß, die Panik im Gesicht des verhassten Gegners. So wird der Straßenkampf zum Fest, die Gewalt zur Orgie gefühlter Omnipotenz.
Politisch wird der postindustrielle "Mob" kaum einmal ernst genommen, sozial sind etliche darunter marginalisiert, aber nun stehen sie im Mittelpunkt der Medienaufmerksamkeit, sind Helden in den Aufnahmen der Straßenschlachten. Natürlich fehlt dann auch nicht das uralte Symbol des Feuers, das Licht in die Dunkelheit einer verabscheuten Gegenwart bringen soll, das alles Böse auslöscht, jegliche Privilegien in Asche verwandelt - auf diese Weise, für die Stunden des "Kampfes" jedenfalls, die ersehnte Egalität herstellt.
Auch die Medien lieben alle diese Bilder: Flammen, Kämpfe, zertrümmerte Autos, Schurken und Helden, die uniformierten Guten und die vermummten Bösen. Insofern trägt auch die Mediengesellschaft zur Wiederkehr des "Mobs" bei. Das Gefährliche daran ist: Die Gier des "Mobs" nach immer stärkeren Drogen der direkten Aktion, das Interesse der Medien an neuen, die Emotionalitäten noch verstärkenden Events der Provokation - all das enthält eine innere Dynamik der Dosissteigerung. Der Kapitalismus ist dadurch nicht bedroht. Aber für eine besonnen-liberale Innenpolitik wird es in einer solchen Atmosphäre der Erregungseskalation noch ein Stückchen schwieriger.
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Sie stehen für nichts als für dumpfe anarchische Gewalt. Sie sind vom braunen Mob kaum zu unterscheiden. Ob Holligans, braune Schlägertrupps oder schwarzer Block, es geht letzlich nur um Gewalt als Selbstzweck die in den [...] mehr...
Ihren Unmut über Thor Steinar Werbung kann ich verstehen und teilen. Die Erwähnung der Onkelz kann ich mir jedoch nur mit Uninformiertheit und/oder Vorurteilen erklären. Ich kenne genug "Linke" die Onkelz + Hosen [...] mehr...
Vielleicht liegen deshalb Welten zwischen Ihrer Welt und meiner Welt, weil ich 12 Jahre in dem von Ihnen bewundertem Frankreich lebte. Dort hat übrigens kein Linker darauf verzichtet mit einem Liberalen zu diskutieren;o). [...] mehr...
Einverstanden. GewaltFREIE Gegendemos selbstverständlich. Aber es geht nicht anders: die Gerichte entscheiden, ob eine Kundgebung stattfinden darf oder nicht. Wenn Ja, MUSS die Polizei die schützen. Es kann nicht angehen, dass [...] mehr...
Ich sprach von Menschen, die unkritisch sind und alles fressen, was ihnen vorgesetzt wird. Psychologe bin ich aber übrigens keiner. Knapp daneben ;-) ---Zitat--- Andere nehmen als Vorwand für Ihre Gewaltausübung z.B. eine [...] mehr...
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