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23.08.2007
 

Retuschierte Wahrheit

Rolex weg, Fleck weg, Speck weg

Von Barbara Hans

Bilder ohne Bauchfett, protestfreie Plakate, durchgestylte Wirklichkeit: Mit ein paar Klicks am Computer werden Fotos für Brachial-PR ins rechte Licht gerückt. Der Fall Sarkozy ist da noch einer der harmlosen - früher wurden Kritiker gleich ganz eliminiert.

Hamburg - Das Plakat passte nicht ins Bild. Das Politiker-Trio Bill Clinton, Helmut Kohl und Bernhard Vogel hingegen schon: der US-Präsident, der Kanzler und der damalige Thüringer Ministerpräsident 1998 Seit an Seit, effektvoll positioniert vor einer großen Menschenmenge. Ideal für eine Werbebroschüre. Das reklametaugliche Idyll störte nur einer. In großen Lettern hatte ein Demonstrant seine Botschaft auf ein Plakat geschrieben: "Ihr habt auch in schlechten Zeiten dicke Backen".

Für die Broschüre der Thüringer Landesregierung wurde der unliebsame Protest kurzerhand aus dem Foto der Nachrichtenagentur Reuters getilgt - und die Lücke mit Bildern weiterer Köpfe ausgefüllt.

Immer wieder erregen solche Versuche von Extrem-PR öffentlich Aufsehen. Da werden Bilder oder Ausschnitte gelöscht, ersetzt, geschönt, so gut es geht. Dank moderner Technik mutierte jetzt Sarkozys Plauze zu einem straffen Waschbrettbauch, schon früher verschwanden Angela Merkels Schweißfleck von ihrem Kostüm und die Luxusuhr des Siemens-Chefs, die so gar nicht zu den Sparplänen des Unternehmens passte.

Bilder sagen mehr als tausend Worte. Aber eben nicht immer die Wahrheit.

Schuld war nur die Haltung

Dabei ist Sarkozys Speckfalte weniger von politischer als ästhetischer Bedeutung. Sie mag nicht schön sein, aber sie macht den 52-Jährigen auf einfache Weise wunderbar volksnah.

Das sahen Redakteure der Zeitschrift "Paris Match" anders. Sie retuschierten das Hüftgold auf dem Foto, das den Präsidenten paddelnd mit seinem Sohn zeigt, kurzerhand weg. Die Begründung: Die gekrümmte Haltung lasse den Speck übertrieben hervortreten. Deswegen habe man "die Schatten korrigiert". Doch das Ansinnen der Journalisten, es sich mit dem Präsidenten nicht zu verscherzen, ist nicht unbegründet: Vor zwei Jahren wurde der Chefredakteur der Zeitschrift entlassen, weil er ein Bild von Sarkozys Gattin Cécilia an der Seite eines anderen Mannes veröffentlichte. "Paris Match" gehört zum Zeitschriftenimperium von Arnauld Lagardère. Der wiederum gehört zum engsten Freundeskreis Sarkozys.

Schuld war der Fotograf

Offensichtlicher war da schon das Ansinnen im Fall Siemens/Kleinfeld. Als Konzernchef Klaus Kleinfeld Anfang 2005 die Leitung übernahm, hatte man dort gerade einen Profitrekord eingefahren - wollte aber 1350 Stellen streichen. Es galt, Kleinfeld als bescheidenen Lenker zu inszenieren. Da passte eine teure Luxusuhr überhaupt nicht ins Konzept. Die aber war auf einem Foto zu sehen, dass Siemens im Sommer 2004 von Kleinfeld veröffentlichte. Auf einer neuen Variante des Pressefotos war die Uhr verschwunden. Ansonsten ähneln sich die Bilder verblüffend: schwarzer Anzug, lachsfarbene Krawatte, sogar die Finger scheinen identisch gespreizt zu sein. Nur die Rolex fehlt.

Kein Zufall, bestätigte damals die zuständige Kommunikationsagentur dem "Hamburger Abendblatt": "Wir haben das Foto digital am Bildschirm bearbeitet. Das war der Wunsch von Herrn Kleinfeld. Er hatte keine Zeit für ein zweites Shooting." Bei Siemens wollte man von einer Bearbeitung des Fotos nichts wissen: Man habe nicht retuschiert. Vielmehr habe es zwei Fotoserien gegeben, eine mit und eine ohne Uhr. Die Bilder mit der Uhr werde man in Zukunft nicht mehr verwenden - die Rolex sei "visuell überbetont", das Ganze ein "Fehler des Fotografen".

Schuld war der freie Mitarbeiter

Wo Retuschen sind, da sind auch Ausreden. Als der Bayerische Rundfunk (BR) im Juli 2003 auf seiner Homepage ein Foto von Kanzlerin Merkel zeigte, war der auf anderen Bildern deutlich sichtbare Schweißfleck plötzlich verschwunden. Es hagelte Proteste vom Deutschen Journalisten-Verband, der darauf hinwies, technisch bearbeitete Pressefotos müssten als solche gekennzeichnet sein. Der BR wies die Schuld von sich: Ein freier Mitarbeiter des Senders habe das Bild bearbeitet und so gegen dessen Prinzipien verstoßen.

Die Liste der Retuschen ist lang: Das US-Magazin "Time" tünchte das Gesicht von O.J. Simpson nach dessen Verhaftung um einige Schattierungen dunkler - und ließ ihn so bedrohlicher erscheinen. US-Vertriebsfirmen machten Paul McCartney auf dem Cover des Beatles-Albums "Abbey Road" kurzerhand zum Nichtraucher. Der Grund: Sie wollten angesichts des Todes von George Harrison ein Zeichen setzen. Er hatte zeitlebens geraucht.

Die Menschen versuchen, Bilder zu verändern, seit es sie gibt. Schon in der Antike übte man sich in der "damnatio memoriae" - dem Auslöschen der Erinnerung. Stalin ließ seinen Kontrahenten Leo Dawidowitsch Bronstein, genannt Trotzki, von allen Fotos beseitigen, um ihn aus der geschichtlichen Erinnerung zu löschen. Auf späteren Bildern der Rede, die Lenin am 5. Mai 1920 auf dem Swerdlow-Platz in Moskau hielt, waren Trotzki und Kamenew verschwunden. Sie wurden auf dem Bild durch fünf Holzstufen ersetzt.

Bill Gates hat einmal gesagt: "Wer die Bilder beherrscht, beherrscht die Köpfe der Menschen."

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