Als ich geboren wurde, war der Krieg schon vorbei. Heute würde man sagen: Die Mission war beendet, the mission was accomplished.
Aber die Aggression lebte weiter. Soldaten standen an beinahe jeder Straßenecke, die Gewehre im Anschlag. Im Innern meiner Stadt gab es vier Sektoren und immer wieder kam es dort zu Zwischenfällen. Manchmal hörte ich nachts Schüsse. Mein Kinderbett stand keine 600 Meter von einem der Kontrollpunkte entfernt.
Wenn mein Vater und ich auch nur in die Nähe des Grenzpostens kamen, erinnerte er mich an die eiserne Regel jener Jahre, die da lautete: Klappe halten! Ein falsches Wort oder auch nur ein albernes Grinsen reichten aus, eine ganze Familie in Schwierigkeiten zu bringen.
Die Lage hat sich mit jedem Friedensjahr weiter verschlechtert. Hätte die damaligen Generäle "Benchmarks" erfüllen müssen, wären sie daran gescheitert. Die rivalisierenden Gruppen in meiner Stadt konnten sich auch 16 Jahre nach Kriegsende partout nicht einigen, weshalb die Männer mit der Kalaschnikow schließlich eine hohe Mauer durch unsere Straße zogen. Sie rissen Häuser ab, um Platz zu schaffen für eine Zone aus Sand, Stacheldraht und Tretminen.
Meine Geburtsstadt heißt Berlin, nicht Bagdad. Dass die Angelegenheit für uns Berliner schließlich einen so erfreulichen Ausgang nahm, verdanken wir den amerikanischen Soldaten und ihrem Oberbefehlshaber, dem US-Präsidenten. Das dachte ich bisher.
Mittlerweile denke ich, dass wir die Freiheit Berlins der Tatsache verdanken, dass in Washington noch nicht die Meinungsforscher das Sagen hatten. Hätten damals schon Blitzumfragen, Focus Groups und jene ominösen, keinem Wähler verantwortlichen Strategischen Berater das Sagen gehabt, um die Freiheit in den westlichen Sektoren Berlins wäre es nicht gut bestellt gewesen. Was heute von General Petraeus, dem Oberbefehlshaber der US-Armee in Bagdad, verlangt wird - statistisch nachweisbare Erfolge an der militärischen und der politischen Front - hätte auch der US-Oberbefehlshaber der damaligen Zeit nicht liefern können. Nach den heute in Washington gültigen Erfolgskriterien wäre es wahrscheinlich das Beste gewesen, West-Berlin feierlich an die Sowjets zu übergeben.
Gott sei Dank hießen die Vokabeln der damaligen Zeit nicht "Rückzug" und "Zeitplan", das wichtigste Wort damals hieß "Freiheit" - und nicht "Exit-Strategie".
Das heutige Bagdad und das damalige Berlin sind sich ähnlicher als viele glauben. Die Iraker besaßen noch nie eine demokratische Kultur, wird gemeinhin eingewandt. Hinter dem Präsidentenpalast führe der Weg schnurgerade zur nächsten Moschee. Da sei nichts mehr dazwischen, keine Zivilgesellschaft, keine Gewerkschaften, kein Parlament und keine freie Presse.
Wer so spricht, verklärt das Deutschland des Jahres 1945. Es gab bis zum Einmarsch der alliierten Armeen auch bei uns keine blühende demokratische Tradition. Adolf Hitler kam nicht durch Putsch, sondern durch Wahlen an die Macht, auch deshalb weil die Deutschen mit der noch flatterhaften, jungen Demokratie nicht viel anzufangen wussten. Zucht und Ordnung fand eine Mehrheit wichtiger als Rechtstaat und Parlament. Deutschland war eine Republik ohne Republikaner.
Der Irak aber sei doch ein wildes Sammelsurium von Volkstämmen und Religionsgemeinschaften, wird vorgebracht. Der Fanatismus sei in diesem Teil der Erde geradezu Teil des menschlichen Gen-Code, so lautet das hinter vorgehaltener Hand verabreichte Argument.
Widerspruch! Wenn der Fanatismus eine Brutstätte hatte, dann lag sie zwischen Berlin und München. Die Baath-Partei und ihre Anführer können es mit dem Führer in Berlin in keiner Disziplin aufnehmen. Die Deutschen verehrten Hitler, auch als das Morden schon begonnen hatte: "Führer befiehl, wir folgen", skandierten sie auf den Straßen.
Aber die Amerikaner wurden von den Deutschen nicht jeden Tag auf offener Straße attackiert. Das stimmt, dafür aber waren die Verluste der US-Armee im regulären Krieg um so höher. Hier sind die offiziellen amerikanischen Verluste vom europäischen Schlachtfeld: getötet: 116.991; verletzt: 386.356; in Gefangenschaft geraten: 73.759; vermisst: 14.528.
Die Geduld der Amerikaner
Allein die Ardennenoffensive Hitlers, dieses Anrennen im Auge der sich schon abzeichnenden Niederlage, war doch in Wahrheit ein einziger großer Selbstmordanschlag. Über hunderttausend Soldaten starben, mehr Deutsche als Amerikaner übrigens.
Es gibt viele Unterschiede zwischen dem damaligen Berlin und dem heutigen Bagdad. Vergleichen heißt nicht gleichsetzen. Aber ein wichtiger Unterschied ist in keiner der beiden Städte zu suchen, sondern in Washington. Die Amerikaner der damaligen Zeit waren nicht weniger besorgt um das Erreichen ihres Kriegszieles. Aber sie zogen aus ihrer Sorge einen anderen Schluss. Sie waren deutlich geduldiger.
Als es besonders bedrohlich war, kam aus Washington der Präsident nach Berlin angereist. Er hat sich nicht heimlich in einer Kaserne verschanzt, sondern sich auf den Balkon des Rathauses (in unserem Sektor) gestellt. Von dort rief er: "Ich bin ein Berliner". Er hieß John F. Kennedy, was vor allem eines klar macht: Man muss kein Neokonservativer sein, um für die Freiheit einzustehen.
Die heutigen Republikaner und Demokraten sollten vielleicht einfach das tun, was ihre Vorfahren in der Berlin-Frage auch getan haben. Zähne zusammen beißen, durchhalten, gemeinsam geduldig sein und vor allem der Versuchung widerstehen, den Augenblicksvorteil für sich zu nutzen. Der größte Feind der Freiheit in diesen Tagen ist eine wachsende strategische Ungeduld. Die wahlkämpfenden Kandidaten mögen wegrennen, aber verstecken können sie sich ohnehin nicht: Ihr Berlin heißt Bagdad.
Dieser Kommentar erschien heute auch im "Wall Street Journal" .
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Ach, die Amis sind schon längst so abgehoben das sie glauben sie bräuchten das nicht und die Hirn und Herzen der überfallenen Völker müssten ihnen von selber zufliegen. Dumm nur das die USA den Menschen heute NICHTS mehr zu [...] mehr...
Mal wieder einer der typischen amerikatreuen Steingart Artikel. Das er den Unterschied zwischen Berlin und Bagdad nicht erkennen kann, gut, wir Deutschen haben ja eines der schlechteren Bildungssystem in Europa. In Geschichte [...] mehr...
Eher "Halb zog sie ihn, halb sank er hin". Der Aufbau der Demokratie in Deutschland hatte vor allem seine Ursache in der Niederlage im 2. Weltkrieg, war nach einer gewissen Phase der Erholung und Besinnung aber [...] mehr...
Hätten wir nicht so moderne Kriege, in denen der eine Gegner auf sich gestellt ist und manipuliert wird (durch Glaube und Gebiets denken) und der andere diesen Krieg durch einen privatwirtschaftlichen Betrieb führen lässt wäre, [...] mehr...
Leute sind ueberall auf der Welt immer dafuer, wenn etwas gut geht und erfolgreich ist und immer dagegen, wenn etwas schlecht laeuft oder schief geht. Der Irak Krieg ist da keine Ausnahme. Ein gutes altes englisches Sprichwort [...] mehr...
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