Von Gabor Steingart, Washington
Washington - Für Millionen junge Amerikaner war die heutige Nacht die harte, geradezu unbarmherzige Lektion in Sachen Realpolitik. Der Fixstern ihrer politischen Träume, der 46-jährige Senator Barack Obama aus Illinios, hat seinen kometenhaften Aufstieg nicht fortsetzen können.
Es gibt keinen Grund zur Schadenfreude. Nach den sieben Jahren, in denen Amerika lausig regiert wurde, ist die Sehnsucht nach einer anderen Politik die natürliche Gegenreaktion. Präsident George W. Bush ist nicht der Präsident, den Amerika verdient hat. In der Außenpolitik rührte er eine geradezu toxische Mischung an. In der Wirtschafts- und Finanzpolitik hinterlässt er eine Mittelklasse, die heute weniger in der Tasche hat als zu Zeiten von Bill Clinton.
Was liegt da näher, als sich das Gegenteil der Gegenwart zu wünschen: sanft statt agressiv, mitfühlend statt zynisch, jung statt alt, endlich Hoffnung anstelle der ewigen Furcht, die einer wie Bush geradezu mit Wollust verbreitet.
Hauptsache Wechsel also.
Auf die Nacht folgt der Tag. Auf Richard Nixon, den Fiesling unter den Präsidenten, folgte nach dem Übergangspräsidenten Gerald Ford der Gutmensch Jimmy Carter. Warum also jetzt nicht Bühne frei für Barack Obama, das frische Gesicht der amerikanischen Innenpolitik?
Zumal es ja drei handfeste Gründe gibt, die den Aufstieg des Jungsenators beflügelt haben. Diese Gründe werden mit der gestrigen Nacht nicht obsolet. Auch ein auf Lebensgröße geschrumpfter Obama dürfte ein Faktor der amerikanischen Politik bleiben.
Grund eins: Barack Obama berührt die Seele seiner Zuhörer. Hillary Clinton dringt nur bis zum Kopf vor. Obama gegen Clinton - das ist für viele wie Liebesheirat gegen Vernunftehe.
Grund zwei: Barack Obama zu wählen ist demokratisch, nicht dynastisch. Viele jüngere Wähler sind gegen Bush, aber die Babyboomer aus den eigenen Reihen würden sie auch gern loswerden. Bill und Hill Clinton, wie das demokratische Ehepaar spöttisch genannt wird, gelten als Spaßbremse. Sie werden als ähnlich progressiv empfunden wie jene Eltern, die es bei der letzten Kellerparty gewagt haben, das Licht anzuschalten, angeblich "um mal kurz hallo zu sagen".
Grund drei: Obama bietet kein traditionelles Programm, sondern eher eine Stimmung. Er ist nicht links, auch nicht rechts - er ist angenehm. Dreieinhalb Stunden bevor der Wahltag in New Hampshire begann, sagte er folgendes: "Es liegt etwas in der Luft. Ihr könnt es fühlen. Jetzt seid ihr dran. Steht auf. Die Zeit für einen Wechsel ist gekommen."
Richtig ist: Das klingt dünn und durchsichtig. Wichtiger aber für seine Anhänger: Es tut gut. Nach all den militanten Vokabeln der letzten Jahre, als vom "preemptive strike", dem "war against terror" und dem "prison camp Guantanamo" die Rede war, gibt es eine Sehnsucht nach dem politischen Ruheraum. Obama ist der Kandidat für die Chill-Out-Zone.
Nun gibt es im wahren Leben und erst recht im Leben einer Weltmacht gute Gründe, den eigenen Sehnsüchten zu misstrauen. Womit wir bei den drei wichtigsten Gründen sind, die den Durchmarsch Obamas verhinderten.
Erstens: Der Senator redet von "change", aber er kann nicht belegen, dass er den umfassenden Wandel auch hinbekommt. Ein professioneller Redner ist noch kein großer Politiker. Es drängt sich vielmehr der Verdacht auf, dass er seine "change"-Rhetorik dem Archiv bedeutender Demokraten entliehen hat.
John F. Kennedy rief den Delegierten des Nominierungsparteitags im Juli 1960 in Los Angeles zu: "It's time for a change." Bill Clinton, 32 Jahre später in New York: "It's time for a change in America." Bei Obama heißt es nun: "Change we can believe in."
Die Mehrzahl der demokratischen Wähler in New Hampshire misstraute dieser Rhetorik. Je älter und je städtischer die Bürger, desto größer war das Misstrauen. Das hat nichts mit Reformfeindlichkeit zu tun, aber viel mit Lebenserfahrung.
Zweitens: Es gibt eine Gegenbewerberin, die nicht halb so mitreißend ist, aber doppelt so vernünftig. Bei Obama besticht die Frische, bei ihr fallen die Narben aus durchgestandenen Kämpfen auf. Ihr größter Verdienst ist es, dem sanften Populisten Obama bisher widerstanden zu haben.
Der rasche Abzug der US-Truppen aus Irak, wie er ihn verspricht, ist ein Wahlkampfschlager, aber zugleich nicht frei von Risiken. Wer füllt das Machtvakuum? Werden die killing fields das nächste Mal rund um Bagdad zu besichtigen sein, wenn das Land nach dem Abzug der Amerikaner im Bürgerkrieg versinkt? Eine Präsidentin Clinton will ebenfalls den Irak verlassen, aber behutsam. Dafür braucht sie politischen Manövrierraum und das heißt: keine Festlegungen im Wahlkampf.
In der Gesundheitspolitik ist sie ähnlich unbequem, fast schon starrhalsig. Zwar besitzen 47 Millionen Amerikaner keinerlei Absicherung im Krankheitsfall, aber eine kollektive, vom Staat verordnete Pflichtversicherung ist unpopulär. Obama lehnt die Zwangsversicherung ab. Er will schließlich als der große Versöhner zwischen den Parteilagern dastehen. Hillary Clinton hingegen verteidigt eisern ihren – deutlich radikaleren – Reformansatz.
Fast alles hat sie getan, um diese gestrige Wahl im Nordosten der USA zu gewinnen: Sie hat Süßholz geraspelt, sie hat unermüdlich von "change" geredet, sie hat Ehemann Bill nach vorn und wieder nach hinten in die Kulisse geschoben: Aber sie hat die Realpolitik nicht verraten. Vielleicht lautet die Antwort auf Bush ja nicht Wandel, sondern Vernunft.
Der dritte Grund, warum Obama scheiterte, ist eine Gegenkandidatin, die nicht nur politisch erfahren ist, sondern auch über die nötige Portion Schlitzohrigkeit verfügt. In geradezu atemberaubendem Tempo hat sie auf Emotion umgeschaltet. Die kleine Träne vom Vorwahltag war gut investiert.
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