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19.11.2008
 

Sieg des politischen Machttriebs

Wir brauchen Wölfe

Ein Kommentar von Christoph Schwennicke

Clinton gegen Obama, Ballack gegen Löw, Beck gegen Müntefering - 2008 ist das Jahr der Machtkämpfe. Genau das braucht die Politik: Sie muss das Verhalten der Wolfsrudel lernen, um endlich das Mittelmaß zu besiegen.

2008 Jahr wird das Jahr der Rache, Revanche und Rivalität sein. Selten haben sich so viele Macht- und Zweikämpfe in so kurzer Zeit abgespielt. Was haben sie sich in der Wolle gehabt dieses Jahr! In der CSU, in der SPD, in der Fußball-Nationalmannschaft, in Europa, bei den amerikanischen Demokraten.

Edmund Stoiber rächte sich mit Horst Seehofer an Günther Beckstein und Erwin Huber, Franz Müntefering triumphierte über Kurt Beck. Andrea Ypsilanti scheiterte an Jürgen Walter. Michael Ballack forderte Joachim Löw heraus. Hillary Clinton kämpfte verzweifelt gegen Barack Obama. Nicolas Sarkozy rangelt mit Angela Merkel um die Vorherrschaft in Europa.

Halten wir uns nicht lange bei individuellen Erklärungen auf. Merkel gegen Sarkozy ist einfach: kleiner Mann, starke Frau, nun ja - normal. Ballack gegen Löw ist unergründlicher, der Zwist trägt Züge eines Rosenkriegs. Müntefering gegen Beck dagegen - ganz einfach: Beck hatte Müntefering gedemütigt und vorläufig ausgeschaltet. Ein Jahr später schlug Müntefering zurück, final. Ypsilanti und Walter war blinder Eifer. Und Hillary Clinton kämpfte in Wahrheit gegen ihren Ehemann.

Die spezifischen Hintergründe erklären aber nicht das Phänomen. Diesem ist Kurt Beck in einem Augenblick näher gekommen, als er dachte. Im Abtritt als SPD-Chef sagte er trotzig: "Ich will und werde mir nicht einreden lassen, dass es ein Vorteil in der Politik sei, wenn man den Umgangsstil eines Wolfrudels miteinander pflegt."

Die SPD will mal wieder einen Hirschen zur Strecke bringen

Sollte er sich aber einreden lassen, besser noch: einsehen. Politik muss den Umgangsstil eines Wolfrudels pflegen. Das ist kein Makel, sondern ein Vorzug. Ein Wolfsrudel ist das sozial intakteste Gemeinwesen, das es auf der Welt gibt. Die Tiere passen aufeinander auf, sie bilden Kindergärten für die Jungen, die Gesunden jagen für die Kranken. Ein Wolfsrudel ist ebenso wie eine Partei oder eine Weltklasse-Fußballmannschaft darauf angewiesen, dass es ein perfekt organisiertes Gemeinwesen ist. Andernfalls würde ein so relativ kleines Tier wie ein Wolf keinen Hirschen zur Strecke bringen.

Das Wolfsrudel ist dann gesund, wenn der Leitwolf, das Alphatier, unumstritten ist, in der vollen Kraft seines Körpers und der Blüte seiner Erfahrung steht. Jeder darunter weiß, wo sein Platz ist. Die Meute ist im Vollbesitz ihrer kollektiven Kraft. Das kommt allen zugute.

Die SPD will auch mal wieder im Vollbesitz ihrer Kräfte sein, sie wollte auch mal wieder einen Hirschen zur Strecke bringen oder nächstes Jahr eine Kanzlerin. Also unterstützte sie Müntefering.

Die Partei hat es sehr lange mit Beck ausgehalten. Das ist nicht untypisch. Wir in Deutschland mögen es mittel.

Wir haben Probleme mit Exzellenz, Elite und Führung, mehr als andere. Die Gründe dafür mögen darin liegen, dass sich in diesem Land einmal einer zum "Führer" und Größten aufgeschwungen hat, der sich als Größenwahnsinnigster erwies und früher als solcher hätte erkannt werden müssen. Das Land folgte ihm. Ein Irrtum mit furchtbaren Folgen.

Bis in die Begrifflichkeit hinein scheuen wir seither Führung. Führung? Führer? Wir sagen lieber leadership und leader.

Das kommt erschwerend zu einem allgemeinen Prinzip hinzu, ist sozusagen der deutsche Faktor. Jenseits dessen aber neigen Gemeinwesen überall dazu, in einem Binnenauswahlprozess immer einen Repräsentanten des Mittelmaßes zu nominieren. Der personifizierte Durchschnitt soll an die Spitze, als einer wie alle und stellvertretend für alle. Gerhard Schröder hatte mit dem "Kartell der Mittelmäßigkeit" in seiner Partei schon recht.

Wir brauchen das Elitäre

Der Mittelmäßige wird aus den eigenen Reihen erkoren. Dann aber realisiert dieses egalitäre Gemeinwesen: Es gibt nicht nur ein Drinnen, es gibt auch ein Draußen. Es registriert: Wir stehen in Konkurrenz, im Wettbewerb. Die SPD mit der CDU, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit der von Brasilien oder Italien. Und mit einem Mal funktioniert das Mittelmaß-Kartell nicht mehr. Und die das Mittelmaß liebende Masse merkt: So haben wir keine Chance. So verlieren wir. An der Wahlurne oder auf dem Platz. Wir mögen zwar das Egalitäre. Aber wir brauchen das Elitäre.

In dieser Situation entsteht der gesunde Wettkampf zwischen Amtsinhaber und Rivale. Zum unguten Gefühl der Masse gesellt sich ein Führungsanspruch eines Einzelnen, des Herausforderers. Im günstigen Fall ist der Betreffende nicht nur willens, sondern auch fähig zu führen. Damit sind wir wieder beim Leitwolf. Leitwolf und Rudel, das hört sich furchtbar an, so tierisch. Der arme Wolf ist außerdem schwer belastet: der Wolf, der Rotkäppchen täuscht und frisst, der Mensch als Wolf des Menschen, wie Hobbes formuliert hat.

Lösen wir uns davon. Lösen wir uns vom Stigmatisieren und vom Beschönigen gleichermaßen. Der Machttrieb ist wie der Sexualtrieb, sie sind Geschwister. Der Machttrieb ist so gut oder schlecht wie der Sexualtrieb, und er hat eine ebenso gesunde Funktion. Er dient wie sein erotischer Bruder der Arterhaltung. Übertragen heißt das: dem Wahlsieg oder dem Erringen der Weltmeisterschaft.

Macht ist archaisch, sie funktioniert nach viehischen Gesetzen, hat sie immer und wird sie immer. Sie ist ein Biest, sie muss so sein. Das ist aber nicht schlimm. Ist Sex schlimm? Ein Alpha-Wolf, eine Alpha-Wölfin will das Beste für sich, ja, aber damit auch für seine oder ihre Meute. Und er oder sie will führen. Ja. Und? Wo ist das Problem?

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insgesamt 61 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
25.11.2008 von pax: Form und Inhalt

Hier leigt (abgesehen von der offensichtlichen Verbitterung uüber den Zustand der SPD) eine Verwechslung zwischen Form und Inhalt vor. "Leitwolf" bedeutet nicht unbedingt, dass dieser keinen Kompromiss der Partei [...] mehr...

24.11.2008 von Ilja: Unlogisch

Das ist ungefähr so logisch wie der Glaube an die "Vernunft" des Marktes, weil ja jeder zwangsläufig zum Gemeinwohl beträgt, wenn er seinem Egoismus frönt. Wenn er nämlich nur an der Macht bleibt, wenn er korrupt [...] mehr...

24.11.2008 von groucho: Goldig

Im Abtritt als SPD-Chef sagte er trotzig: "Ich will und werde mir nicht einreden lassen, dass es ein Vorteil in der Politik sei, wenn man den Umgangsstil eines Wolfrudels miteinander pflegt." Die SPD will mal wieder [...] mehr...

21.11.2008 von Enola1976: ...

Also bitte, innerhalb einer demokratischen Partei gibt es keinen Führer sondern einen Partei-Chef der die Interessen der gesamten Partei und Wählerschaft vertreten muss. Ein Partei-Chef hat das Parteiprogramm nicht zu diktieren [...] mehr...

21.11.2008 von pax: Handlungsziele und Handlungsgründe

Das Wort Intention ist hier sehr uneindeutig. Ein skrupelloser Machtmensch , wie ich ihn konstruiert habe, hat keinerlei politischen Intentionen, daher ist es ihm egal , welches er tun muss allein es zählt, dass er an die [...] mehr...

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