Ein Kommentar von Christoph Schwennicke
Peter von Matt hat in seinem Lob der Intrige von der trügerischen Teufelsmantis in der Pflanzenwelt über Odysseus’ trojanisches Pferd, Dantes Inferno bis zum talentierten Mister Ripley von Patricia Highsmith die Kultur- und Naturgeschichte dieses Kampfes aufgeschrieben. Kaum einer aber hat den archaischen, animalischen Mechanismus der Macht so gescheit und kühl analysiert wie Elias Canetti in "Masse und Macht". Dafür ist er in die Tiefe gegangen, in die "Eingeweide der Macht", wie das Schlüsselkapitel heißt.
Macht als Verdauungstrakt: Canetti beschreibt den Mächtigen als denjenigen, der den Konkurrenten und später Unterlegenen als Beute anpeilt, ihn buchstäblich auffrisst, dessen Nährstoffe im Verdauungsprozess aufnimmt und den Rest ausscheidet. "Es ist ein langer Weg, den die Beute durch den Körper geht. Auf diesem Wege wird sie langsam ausgesogen", schreibt Canetti. "Was immer verwendbar an ihr ist, wird ihr entzogen. Was übrig bleibt, ist Abfall und Gestank."
Dieser Vorgang sei "aufschlussreich für das Wesen der Macht überhaupt: Wer über Menschen herrschen will, sucht sie zu erniedrigen; ihren Widerstand und ihre Rechte ihnen abzulisten, bis sie ohnmächtig vor ihm sind wie Tiere." Etwas Fremdes werde "ergriffen, zerlegt, einverleibt und einem von innen her angeglichen; durch diesen Vorgang alleine lebt man. Setzt er aus, so ist man selber bald am Ende, so viel weiß man."
Kurt Beck wusste das, vermutlich, ohne es gelesen zu haben. Alle, die gegen den Rivalen oder die Rivalin gekämpft haben, wissen das. Sieg oder Ende. Er/sie oder ich. So einfach ist das.
Ohne klares Ergebnis kommt es zur Revanche
Man kann sich das Wesen der Macht nicht aussuchen. Man kann nicht sagen: Wie eklig, wie obszön, jetzt organisieren wir das mal anders. So wollen wir das nicht. Ist Sex eklig, schmutzig? Wollen wir ihn ändern? Könnten wir ihn ändern?
Wenn in einem Gemeinwesen, das sich eine Spitze sucht, zwei Rivalen aufeinandertreffen, sie beide ihre Kräfte als ebenbürtig einschätzen und nicht vorher einer abdreht, dann wird am Kampf kein Weg vorbeiführen. Und wenn Runde eins nicht zu einem klaren Ergebnis geführt hat, dann wird es zur Revanche kommen. Und dieser Kampf um die Herrschaft wird zum Besten des Gemeinwesens geführt.
Es ist ein Trugschluss zu glauben, man könne die von Canetti beschriebenen Ursprünge der Macht ändern, weil wir nicht mehr barbarisch leben, sondern zivilisiert. Ebenso gut kann man sich die Erdanziehung wegwünschen. Oder den Sexualtrieb.
Der Unterschied zur Barbarei und zum Naturzustand ist nicht, dass Machtkämpfe anders ausgetragen würden. Der Unterschied und zivilisatorische Fortschritt liegt darin, dass Rivalität und Revanche in der zivilisierten Welt nicht mehr mit Waffengewalt ausgetragen werden.
Das Nebel dampfende Feld im Morgengrauen ist nicht mehr der finale Schauplatz. Jedenfalls kaum noch.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Wahl-Countdown 2009 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH