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05.02.2009
 

Vatikan-Debakel

Papst am Pranger

Den alten "Benedetto" gibt es nicht mehr: Mit dem Piusbrüder-Debakel hat Papst Benedikt XVI. seinen Status als Popstar endgültig ruiniert. Der Skandal birgt noch eine weitere Lehre, findet Henryk M. Broder: Der öffentliche Umgang mit dem Thema Holocaust ist verheerend widersprüchlich.

Sic transit gloria mundi - zu Deutsch: So vergeht der Ruhm der Welt. Eben waren wir noch alle Papst, jetzt brechen wir den Stab über den Pontifex. Gäbe es eine Möglichkeit, den Stellvertreter Gottes zu degradieren wie einen Offizier, der seine Kompetenzen überschritten oder missbraucht hat, wäre der Heilige Vater schon auf dem Weg in ein Dorf in Kalabrien, um dort jeden Sonntag die Glocken zu läuten.

Mensch Ratzinger: Einen Beitrag zur Demokratisierung der Kirche geleistet
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AP

Mensch Ratzinger: Einen Beitrag zur Demokratisierung der Kirche geleistet

Weil der Papst aber – neben Robert Mugabe, Muammar al-Gaddafi und Kim Jong Il – so ziemlich das einzige Staatsoberhaupt der Welt ist, das nicht zur Verantwortung gezogen, abgerufen oder vom Volk abgewählt werden kann, wird er jetzt wie ein Häretiker an den Pranger gestellt. Und wie jeder gewöhnliche Ketzer hat auch der Papst nur die Wahl zwischen falsch und verkehrt. Widerruft er seine Entscheidung und hebt die Ex-Exkommunikation des bischöflichen Antisemiten Richard Williamson auf, ist seine Autorität dahin. Tut er es nicht, hat er die moralische Basis seines Amtes demoliert. So herum oder so herum – "Benedetto" wird nie wieder das, was er noch vor kurzem war: ein Heiliger Vater zum Anfassen, dem sogar Jugendliche zujubeln, die sonst nur bei Auftritten der Jungs von Tokio Hotel ausrasten, ein Intellektueller, der auch Vorlesungen über Philosophie halten kann, ein Mann des Ausgleichs und des Dialogs.

Und das ist gut so. Mögen die Romantiker unter den Gläubigen aller Konfessionen ein Idol verloren haben, die Realisten sind um eine positive Erfahrung reicher: Auch der Papst ist nur ein Mensch, der sich irren kann. Egal ob er falsch beraten wurde oder wirklich von den Umtrieben Williamsons keine Ahnung hatte, nicht nur die Katholiken müssen ihm dankbar sein, dass er einen Beitrag zur Demokratisierung der Kirche geleistet hat. Anders als bei den 68ern kommt der antiautoritäre Impuls diesmal nicht von unten, sondern von ganz oben. Die Basis steht Kopf, und sogar leitende Mitarbeiter der Kirche, wie der Berliner Bischof Georg Kardinal Sterzinsky, sparen nicht mit offener Kritik am Firmenchef.

Wann hat es das in der katholischen Kirche schon mal gegeben? Giordano Bruno wurde verbrannt, Oskar Panizza ("Das Liebeskonzil") musste wegen Schmähung der Religion ins Gefängnis, der Kirchenkritiker Karlheinz Deschner ("Kriminalgeschichte des Christentums") als säkularer Fanatiker diffamiert.

Offenbar wollen die Katholiken angeleitet, aber nicht in den Abgrund geführt werden. Viele setzen sich lieber mit Protestanten, Muslimen und Juden an einen Tisch als mit Antisemiten, Rassisten und Reaktionären aus den eigenen Reihen. Klarheit ist wichtiger als Einheit. Es kommt nicht darauf an, wo einer herkommt, sondern wohin er will.

So weit, so gut. Trotzdem haftet dem Sturm der Empörung, der dem Papst ins Gesicht weht, etwas Wohlfeiles an. Eine Äußerung oder Entscheidung des Papstes hat eine ganz andere Fallhöhe als das Statement eines Mullahs. Andererseits kann man bei dem Papst davon ausgehen, dass er nichts unternehmen wird, das seine Kritiker das Leben kosten könnte. Er mag sich beschweren und empören, wie vor kurzem über den "gekreuzigten Frosch" von Martin Kippenberger in einer Ausstellung des Museums für moderne Kunst in Bozen, er wird die Schweizer Garde nicht mobilisieren, keine Selbstmordattentäter losschicken, nicht einmal eine "Fatwa" aussprechen. Man kann also mit dem Papst gefahrlos Schlitten fahren, während jeder, der sich mit Mohammed und seinen Erben anlegt, von Salman Rushdie über Kurt Westergaard bis Robert Redeker, ein unkalkulierbares Risiko eingeht.

Eine Beleidigung für jeden, der den Holocaust überlebt hat

Vom Papst geht keine Bedrohung aus, es sei denn, man würde seine grenzenlos naive Nächstenliebe als gefährlich empfinden.

Ebenso wohlfeil ist der Casus belli, um den es bei der Affäre geht. Ein vom Papst ex- und wieder in-kommunizierter Bischof leugnet den Holocaust. Das ist absurd und widerlich, eine Beleidigung für jeden, der den Holocaust überlebt hat und sich nun anhören muss, die "Gaskammern" hätten der Desinfektion gedient. Aber es ist auch eine Idiotie, wie die Überzeugung, die Erde sei eine Scheibe, die noch weiter verbreitet ist als die, der Holocaust sei eine Erfindung.

Der Papst und die Piusbruderschaft

Papst

Der Papst ist das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und des Staates Vatikanstadt . Als Völkerrechtssubjekt wird das Kirchenoberhaupt Heiliger Stuhl genannt. Zur Leitung und Verwaltung der Kirche sind dem Papst verschiedene kirchliche Behörden unterstellt, die zusammen die römische Kurie bilden.
Der Papst wird im Konklave , einer Versammlung von Kardinälen , auf Lebenszeit gewählt – als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden.
Amtssitz des Papstes ist der Vatikan. Seit 1871 residiert er im Apostolischen Palast neben dem Petersdom .

Römische Kurie

Piusbrüder

Antisemitismus

Der Unsinn, den Williamson verbreitet, wärmt die Herzen der Revisionisten, ist aber politisch irrelevant. Nicht einmal der britische Holocaust-Leugner David Irving hat sich hinter ihn gestellt. Die wirkliche Gefahr lauert nicht in den Verliesen der Vergangenheit, sondern in den Labors der iranischen Atomlobby.

Vieles deutet darauf hin, dass Iran in der Zukunft atomar gegen Israel vorgehen möchte - ein Abbruch der diplomatischen oder wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Teheraner Regime wäre nach Ansicht der Experten aber "unverhältnismäßig" und "kontraproduktiv". Man wartet lieber ab, ob und wann die Mullahs ihre Drohungen wahr machen und hält sich zurück. Die Trauer um die toten Juden verpflichtet die Trauergemeinde nicht dazu, sich Sorgen um die Zukunftsaussichten der lebenden Juden zu machen.

So schafft es der Papst, sich vom Antisemitismus jeder Art zu distanzieren, zugleich aber einem unbußfertigen Antisemiten die Hand zur Versöhnung zu reichen. Der soll sich jetzt von seinen eigenen Ansichten distanzieren, die er seit 20 Jahren offen vertritt. Das ist, als würde eine betrogene Ehefrau von ihrem Mann nach dem Sündenfall einen Treueschwur verlangen. Gibt er ihn ab, darf er wieder ins gemeinsame Schlafzimmer, verweigert er sich, muss er auf dem Sofa nächtigen.

Schon möglich, dass der Papst das alles nicht bedacht hat. Die Liste der Dinge, die er aus taktischer Rücksichtnahme übersieht, wird immer länger. Er fährt in die Türkei, ohne sich nach der Lage der Armenier zu erkundigen, 90 Jahre nach einem Völkermord, von dem die Türken behaupten, er habe nie stattgefunden. Er tritt für einen Dialog mit den Mullahs ein, ohne zu fragen, wie es den Kopten in Ägypten und den Baha'i in Iran geht. Er handelt nach der Maxime "Nur nicht provozieren. Es könnte noch schlimmer werden!"

Die nötigen Grausamkeiten müssen am Anfang begangen werden, nicht am Ende. Jetzt kann nur noch der Allmächtige seinem Vertreter aus der vatikanischen Bredouille helfen.

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09.02.2009 von Andree Barthel: *

Broder bedient doch nur alte Klischees – beispielsweise wenn er schreibt, der Papst wäre das einzige Staatsoberhaupt, das nicht abberufen oder zur Verantwortung gezogen werden könnte, was doch nicht anderes impliziert, als dass [...] mehr...

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09.02.2009 von drum: ?

Welchen Beitrag meinen Sie? Den SpOn-Artikel von H.M.Broder? Dann würde mich mal interessieren, was Sie denn konkret daran auszusetzen haben. mehr...

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