Von Christoph Schwennicke
Die Lohnabschlüsse der vergangenen Jahre quer durch alle Branchen waren in jedem Fall maßvoller als das Renditeziel von Josef Ackermann oder der Größenwahn von Wendelin Wiedeking. Und die Veranstaltungen am 1. Mai sind nicht dazu missbraucht worden, die Massen aufzurühren. Abermals ging es im Großen und Ganzen besonnen zu.
Ja doch, der DGB-Vorsitzende Michael Sommer hat vor sozialen Unruhen gewarnt. Genauso tat das allerdings Jean-Claude Juncker - und den luxemburgischen Elder Statesman von Europa wird niemand einen Zündler oder Heißsporn heißen.
Warum darf man eigentlich eine reale Gefahr nicht beschreiben? Darf man nicht mehr in die nahe Zukunft blicken? Darf man etwa zu Beginn eines Jahres nicht Folgendes schreiben:
"Im kommenden Jahr werden die Börsen mit Wertpapieren handeln, ohne dass sich auch nur ein Spieler darüber Gedanken macht, womit er eigentlich spielt: mit der Arbeitskraft von Proletariern, die mit 60 Jahren wenigstens wissen, wofür sie das ganze Leben geschuftet haben: für eine Tuberkulose."
Wenn das nicht geht, müssen wir alle ein paar Bücher aus unseren Bücherschränken verbannen. Denn Kurt Tucholsky hat das Krisenjahr 1929 mit diesen Zeilen begrüßt.
Folgt jetzt der Höhenflug der Könner im Blaumann?
Gefallene Helden und neue Hoffnungsträger: Wendelin Wiedeking hat sich mit VW und Porsche verzockt. Heinrich von Pierers Siemens geriet in den Ruch der Korruption. Und Josef Ackermann hat nichts begriffen.
Die Helden der vergangenen Jahre haben ihren Nimbus verloren und nicht mehr per se recht. Deutsche Betriebsräte und Gewerkschafter dagegen sagen und tun inzwischen gelegentlich vernünftige Dinge.
Vielleicht erleben nach den Nieten in Nadelstreifen jetzt die Könner im Blaumann einen Höhenflug.
Ein großes Kompliment haben die deutschen Arbeitnehmervertreter übrigens schon vor 30 Jahren von ganz unerwarteter Seite bekommen. Manche hätten vorgeschlagen, das korporatistische deutsche Modell der Mitbestimmung auf Großbritannien zu übertragen, schreibt Lady Thatcher eingangs ihrer "Downing Street Years". So einfach ließe sich das deutsche Modell aber nicht übertragen - schon deswegen nicht, befand die große Dame prägnant, weil "die deutschen Gewerkschaften viel vernünftiger sind als unsere".
Was das alles heißt? Es hat eine Eiszeit begonnen für den "Davos Man". Er wird evolutionsgeschichtlich zurückgeworfen. Was noch lange nicht heißt, dass er aussterben wird.
Die Hoffnung wäre, dass er sich zu einem humaneren Wesen weiterentwickelt: in Richtung Mensch, in Richtung Sozialwesen.
Merkel hat schnell vom Klassiker Steuersenkung abgelassen
Sein Gegenbild, der "Attac Man", hat es dagegen derzeit so leicht wie seit langem nicht. Eine Studie der PR-Firma Edelman im Herbst 2008 ergab, dass das Vertrauen der US-Bevölkerung in die Wirtschaft von 58 auf 38 Prozent gefallen ist. Nur noch 49 Prozent denken, dass dem freien Markt weiter alle Freiheiten gelassen werden sollten, auf dass er Gutes für alle hervorbringe.
Nicht mehr alle glauben also an die Flut-und-Schiffe-Theorie der Margaret Thatcher. Es heißt auch, dass die Zeit des "Es gibt keine Alternative"-Sprechs vorbei ist.
Was hat man sich vor Jahren noch amüsiert über die Idee des Nobelpreisträgers James Tobin, Steuern auf internationale Devisengeschäfte zu erheben. Wer die Tobin-Steuer als überlegenswert bezeichnete, setzte sich selber die Narrenkappe auf: Gar nicht machbar in der grenzenlosen Welt des "Davos Man"! Lächerlich!
Jetzt denken viele Parteien hierzulande über strukturell ähnliche Instrumente nach. Die SPD hat die Börsenumsatzsteuer ins Programm für die Bundestagswahl aufgenommen. Die Börsenumsatzsteuer ist nicht das Gleiche wie die Tobin-Steuer, sie gehorcht aber der gleichen Logik: Steuern nicht nur auf produzierende Arbeit, sondern auch auf Geschäfte, die aus Geld Geld machen.
In dieser Eiszeit des Davos Man wird sich jeder schwertun, gegen den Mindestlohn zu schimpfen und den Kündigungsschutz. Das ist im bevorstehenden Wahlkampfduell der Volksparteien ein Vorteil für die SPD. Wenn man es recht bedenkt, weiß man im Moment gar nicht wirklich, was die Union in dieser Zeit zum Thema machen soll - außer der Person Angela Merkel. Am Klassiker Steuersenkung hat die Kanzlerin sich jedenfalls nur ganz kurz die Finger verbrannt und schnell wieder davon abgelassen.
Der "Economist" zieht vorläufig die Bilanz, dass richtige Regulierung fortan genauso wichtig sei wie die Befreiung der Märkte, ein effizienter öffentlicher Sektor ebenso viel zähle wie effiziente private und öffentliche Investitionen in Verkehr, Schulen und Gesundheitssystem.
Gut möglich, dass das Pendel alsbald wieder zurückschwingt. Aber dieser neue Grundton im Zentralorgan des "Davos Man" - es hat sich offenbar schon was geändert.
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