Von Annett Meiritz
Hamburg - Der Satz liest sich trocken wie Wüstenstaub, und steckt doch voller Brisanz: "Außer in Deutschland stieg die Bruttogeburtenziffer zwischen 2007 und 2008 in allen Mitgliedstaaten an." Überall in Europa mehr Kinder - nur nicht in Deutschland.
Die ernüchternde Bilanz einer Studie des europäischen Statistikamts (Eurostat) bescheinigt Deutschland als einzigem EU-Mitglied keinen Geburtenzuwachs. Darüber hinaus kommen, bezogen auf die Einwohnerzahl, in keinem anderen EU-Land so wenig Kinder zur Welt wie bei uns: Pro 1000 Einwohner wurden im vergangenen Jahr nur 8,2 Kinder geboren - der europäische Schnitt liegt bei 10,9.
Es dauerte nur ein paar Stunden, bis das Familienministerium in Berlin die Zahlen als "falsch oder veraltet" zurückwies. Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) seien im vergangenen Jahr etwa 682.500 Kinder geboren worden - die Luxemburger Studie geht lediglich von rund 675.200 Babys für 2008 aus.
Richtig ist: Die Eurostat-Zahlen sind in der Tat nicht auf dem neuesten Stand. Für die aktuelle Studie wurden Angaben verwendet, die Destatis im Frühjahr veröffentlicht und am 18. Mai an das Luxemburger Institut weitergeleitet hatte.
Doch die Geburtenziffer verändert sich von Monat zu Monat, da die Informationen aus Kliniken, Standesämtern und Bundesländern kleckerweise bei der Statistik-Zentrale in Wiesbaden eintreffen. Seit Juli steht nun ein neuer Wert fest - auf diesen bezieht sich jetzt auch das Familienministerium.
De facto monierte das Ministerium eine Diskrepanz von 7000 Babys. "Das ist eine sehr geringe Abweichung", sagt Eurostat-Sprecher Timothy Allen zu SPIEGEL ONLINE, "und ändert nichts an der Grundaussage des Ländervergleichs". Selbst wenn Eurostat die frischesten Zahlen benutzt hätte, wäre Deutschland mit seiner Kinderquote auf dem letzten Platz gelandet, wie schon in den Jahren davor.
Die knifflige Welt der Zahlen
Andererseits scheint es auch das Ministerium mit Zahlen nicht so genau zu nehmen. Als Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) im Februar den "Familien Report 2009" präsentierte, rief sie stolz einen "Anstieg der Geburtenrate" aus. "Bis zu 690.000 Babys" wären im Vorjahr auf die Welt gekommen (zum Vergleich: 2007 waren es knapp 685.000 Neugeborene), der Effekt des Elterngeldes erstmals statistisch messbar.
Doch wie kam von der Leyen darauf?
Das Ministerium stützte sich auf eine "vorläufige allgemeine Schätzung" von Destatis, die traditionell schon im Januar veröffentlicht wird. Es werde "mit etwa 680.000 bis 690.000 Geburten gerechnet", formulierten die Statistiker vorsichtig.
"Da wurde dann einfach die oberste Grenze zum Richtwert erklärt", sagt eine Destatis-Mitarbeiterin SPIEGEL ONLINE. Wohlwissend, dass das Amt mehrmals im Jahr Zahlen herausgibt, die statistischen Schwankungen unterliegen. Ein stichhaltiges Ergebnis steht immer erst im Herbst fest. Von der Leyen musste wenig später zurückrudern, als klar wurde, dass sich die frohe Botschaft des Geburtenanstiegs nicht aufrechterhalten lassen würde.
Wirkung des Elterngelds nur langfristig messbar
Der Jahreswert dürfte sich jetzt bei etwa 683.000 Kindern einpendeln, bestätigte die Mitarbeiterin SPIEGEL ONLINE. Das entspricht etwa 2300 Geburten weniger als im Vorjahr - ein Rückgang, wenn auch ein leichter. "Wir können sagen: Die Zahl der Geburten ist stabil geblieben", betont das Ministerium, ein solch geringer Wert sei statistisch nicht relevant.
Richtig ist, dass es 2007 erstmals wieder aufwärts ging mit den Geburten. Nach dem Rekordtief von 2006 (nur knapp 673.000 Neugeborene) knackte Deutschland wieder die Marke von 680.000.
Doch wohin geht der Trend? Auch wenn der Baby-Minus für 2008 marginal ist, lässt sich zumindest aus der Statistik kein positiver Effekt des Elterngeldes ablesen. Zur Erinnerung: Das Milliardenprogramm startete zum 1. Januar 2007 und sollte vor allem gut ausgebildeten Frauen die Entscheidung für ein Baby erleichtern. Noch bleibt der Kindersegen aus.
| Geburten in Deutschland | ||||
| Jahr | 2005 | 2006 | 2007 | 2008 |
| Anzahl Lebend- geborene |
685.795 | 672.724 | 684.862 | 682.524 |
| je 1.000 Einwohner | 8,3 | 8,2 | 8,3 | 8,3 |
Nach Meinung vieler Experten wird man ohnehin erst in den kommenden Jahren abschätzen können, ob Anreize wie das Elterngeld einen Effekt auf die Gebärfreudigkeit der Deutschen haben. Jede neue Zahl als politischen Erfolg zu verkaufen, ist vor diesem Hintergrund umso fragwürdiger.
Der Familienforscher Hans Bertram bringt es im "taz"-Interview auf den Punkt: Ob sich Elterngeld und Kita-Ausbau auf die Geburtenzahlen auswirkten, zeige sich erst nach langer Zeit, erklärt er. "10, 15 Jahre" dauere es, bis man demografische Effekte durch Familienpolitik erkennen könne.
Immerhin stellte eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung Anfang Mai 2009 fest: Das Elterngeld wirkt, wenn auch nur im Kleinen. Zwar sinke die absolute Zahl der Geburten - aber eben auch die Zahl der Frauen im geburtsfähigen Alter, bedingt durch die geringen Nachwuchszahlen vergangener Jahrzehnte. Die einfache Rechnung: Wo weniger Frauen sind, werden auch weniger Kinder geboren. Die Studie wertet also selbst eine stagnierende Kinderquote als Erfolg.
Noch wäre es zu früh, die Politik der Familienministerin als gescheitert zu bezeichnen. Aber die jüngsten Zahlen zur Geburtenziffer sind alles andere als ermutigend.
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