Ausländer in Deutschland Zu Gast bei Pessimisten

Schon klar, Ausländer sind integrationsunwillig, können kein Deutsch und wollen sowieso nur das Sozialsystem ausnutzen: Vorurteile gegen Migranten sind weit verbreitet, die Mehrheit der Deutschen hat Angst vor Überfremdung. Dabei ist Deutschland dringend auf Zuwanderung angewiesen, kommentiert Hasnain Kazim.


Hamburg - Der ältere Mann in der Warteschlange vor der Kasse der Buchhandlung schaut mich an, blickt erstaunt auf die Bücher, die ich bezahlen will, und fragt: "Sie lesen auf Deutsch?"

Feiernde Türken (bei der Fußball-EM 2008): Insgesamt leicht vergiftete Atmosphäre
DDP

Feiernde Türken (bei der Fußball-EM 2008): Insgesamt leicht vergiftete Atmosphäre

Irritiert antworte ich: "Ja, finden Sie das merkwürdig?"

"Na ja, Sie sind doch kein Deutscher. Woher kommen Sie?"

"Aus Hamburg."

"Ja, aber woher kommen Sie ursprünglich?"

"Ursprünglich? Ursprünglich komme ich aus Stade."

"Ich meine ganz ursprünglich, verstehen Sie?"

"Ganz ursprünglich bin ich in Oldenburg geboren, aber im Alten Land aufgewachsen." Ich ärgere mich, dass ich diesem wildfremden Mann überhaupt so viel von mir erzähle.

"Natürlich, aber woher kommt Ihre Familie?"

Glücklicherweise bin ich mit dem Bezahlen an der Reihe, ich drehe mich um, zahle - und gehe.

Der Mann war freilich nur interessiert, insgesamt höflich, also alles kein Problem. Aber was er mit seinen Nachfragen zu verstehen gab, war: Deutscher kannst du mit deiner braunen Haut und deinen schwarzen Haaren nicht sein, da kannst du machen, was du willst.

Es ist merkwürdig: Da ist einerseits immer wieder von einer "Leitkultur" die Rede, wird "mehr Anpassungswille von Ausländern" gefordert und mehr Bemühen, Deutsch zu lernen - und dann bleibt doch eine Spur Verwunderung, wenn man als erkennbar ausländischstämmiger Mensch fließend Deutsch spricht, Deutschland als seine Heimat sieht und sogar einen deutschen Pass besitzt.

In Deutschland kann man seiner Herkunft nicht entkommen. Ob in zweiter oder dritter Generation: Migrantenkind bleibt Migrantenkind. So mancher Deutscher hat offensichtlich eine ganz eigene Deutungshoheit darüber, was deutsch ist und was nicht.

Integration ist eben auch nur so weit möglich, wie eine Gesellschaft sie zulässt. Und das ist, glaubt man einer Allensbach-Umfrage, nicht viel: Mehr als die Hälfte aller Deutschen leidet demnach unter Überfremdungsangst und glaubt, dass es zu viele Ausländer im Land gibt. Mit dem Angebot von Tausenden von Integrations- und Sprachkursen in der ganzen Republik ist es also nicht getan.

Und dann muss man auch noch all das Gerede ertragen, mit dem Politiker ihre Wahlkämpfe würzen - sei es der "Kinder statt Inder"-Unsinn von Jürgen Rüttgers oder die fremdenfeindliche Kampagne von Roland Koch, der in Hessen ein Verbrechen von zwei ausländischen Jugendlichen in München zum Hauptthema seiner Politik machte. Und das Gerede über Gastarbeiter - ohnehin ein unhöfliches Wort, wer lässt schon seine Gäste arbeiten? Nein, es sind Menschen, die hier arbeiteten, ihre Steuern zahlten und ein Recht darauf haben, hier zu leben - als Mitbürger, nicht als Gäste.

Man muss Debatten über fragwürdige Einbürgerungstests über sich ergehen lassen und die Diskussion über eine "Greencard" für "Computerinder", als sei man sich nicht ganz sicher, ob das nun ein Gewinn für die deutsche IT-Industrie sei oder doch eher eine Gefahr. Und wenn das dann auch noch Muslime sind, oh Gott!

Man muss eine grundpessimistische Einwanderungspolitik hinnehmen, die eine Einbürgerung von Nicht-EU-Ausländern nur dann erlaubt, wenn der Einwanderungswillige einen Job mit dem absurden Jahresgehalt von mindestens 80.000 Euro nachweisen kann. Der ausländische Student, der hier - übrigens auf Kosten des deutschen Steuerzahlers - jahrelang studiert hat, darf also mit größter Wahrscheinlichkeit nach Abschluss des Studiums nicht im Land bleiben und sein hier gewonnenes Wissen auch hier nutzbringend einbringen.

Sieht so ein herzliches Willkommen aus?

Und manche Gebiete in Deutschland, insbesondere in Ostdeutschland, muss man als Mensch mit dunklerem Teint gleich gänzlich meiden, will man nicht von frustrierten Radikalen verprügelt werden. Trotzdem gilt es als politisch inkorrekt, Rechtsradikalismus als ein überwiegend ostdeutsches Problem zu bezeichnen. Und kaum eine ostdeutsche Landesregierung nimmt sich des Problems ernsthaft an - der skandalöse Zustand, dass "national befreite Zonen" existieren, wie Rechtsextremisten sie euphemistisch nennen, dass sich ein Ausländer also aus Sorge um seine körperliche Unversehrtheit nicht mehr in bestimmte Gegenden traut, wird einfach hingenommen. Der Hinweis, es gebe im Osten halt besonders große wirtschaftliche Probleme und eine besonders hohe Arbeitslosenquote, mag die Sache erklären, aber nicht entschuldigen.

Kann ein auf Zuwanderung dringend angewiesenes Land wie Deutschland mit schrumpfender Bevölkerung sich all das erlauben? Und verwundert es wirklich, dass manche Ausländer sich in dieser insgesamt leicht vergifteten Atmosphäre nicht unbedingt mit leidenschaftlichem Engagement um Integration bemühen?

Eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hat zum Ergebnis, dass insbesondere Türken und türkischstämmige Deutsche schlecht integriert sind: 30 Prozent haben keinen Schulabschluss und nur 14 Prozent machen Abitur. Die Zahlen mögen stimmen. Doch wer daraus den Schluss zieht, Ausländer im Allgemeinen und Türken im Besonderen seien selbst schuld an ihrer Misere, passten sie sich besser an, wäre alles nur halb so schlimm, verkennt die Lage völlig.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Brisanz solcher Studien erkannt. "Ich bitte alle, die vielleicht im ersten Atemzug wegen der harten Botschaft erschrocken waren, das Ganze positiv zu wenden", sagte sie am Montag auf einem Integrationssymposium in Berlin. "Wir können auf kein einziges Talent in unserem Land verzichten." Man müsse die Fakten der Studie als Aufmunterung nehmen, den Integrationsprozess weiter zu betreiben.

Ihr Wort in Volkes Ohr.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 63 Beiträge
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Daimos 26.01.2009
1. Alle Verallgemeinerungen sind falsch.
Und somit diese Aussage auch. Was bleibt, ist Wahrheit. Und das ist es in Aachen-Ost wo ich seit etwa 5 Jahren lebe, als Minderheit. Nicht als Minderheit, dass ich dort nicht schon 30 und mehr Jahre lebe, sondern als Minderheit, dass ich Deutsch spreche. Gut - es ist meine Muttersprache und ich spreche sie seit etwa 30 Jahren. Viele Nachbarn leben so lange hier und sind nicht in der Lage, ein Mohnbrötchen statt eines Sesambrötchens zu kaufen. Es bleibt die Frage warum: Weil es dazu keine Notwendigkeit gibt. Die zahlreichen Geschäfte gehören Mitbürgern, die wahlweise alle Sprachen des nahen und mittleren Ostens sprechen, Deutsch fast nicht. Macht aber nichts, die Kunden ja auch fast nie. Auf den Behörden kann man auch auf Türkisch Sozialleistungen beantragen und bekommt sie auch. Bei der GEZ kann man sich auch auf Libanesisch von der Zahlungspflicht befreien lassen. Ich führe dies jetzt nicht fort... Das Enkelkind einer Nachbarsfamilie spricht prima Türkisch und versteht mich nicht, wenn ich ihm "Hallo" sage. Muss es auch nicht, da ich ja Angehöriger einer Minderheit bin und ie meisten anderen diesbezüglich keine Sprachbarrieren haben. Wenn ich auf der Straße angesprochen werde und kein Wort verstehe, begegnet man mir mit Unwohlsein. Nein - selbst nach 5 Jahren Wohnen in Aachen-Ost kann ich immernoch kein Türkisch. Und nein, selbst nach 30 Jahren und mit Enkelkindern im Haushalt spricht oder versteht man nebenan kein Deutsch. Wie gesagt - dies ist ein Beispiel und man kann es verallgemeinern. man kann vieles verallgemeinern und ich glaube auch keiner Statistik, die ich nicht selber gefälscht habe. Aber 30% ohne jeglichen Schulabschluss glaube ich, wenn ich täglich mit offenen Augen durch die Straßen gehe. Mache ich den Leuten deshalb einen Vorwurf? Nein! Warum auch. Wer will denn integriert werden und wer möchte die Leute integrieren? Mit dieser Frage müssen wir uns ernsthaft auseinander setzen. Ich kenne Mitbürger aus Indien, die auch Kinder haben. Diese Mitbürger sind aus erster Generation und tun sich schwer mit Deutsch. Die Kinder sind auf dem Gymnasium und betrachten Deutschland als ihre Heimat - sie sind hier geboren. Und sprechen den gleichen leichten Sing-Sang Dialekt wie ich, den man hier in Aachen spricht. Kurzum: Zur Integration gehören in der Tat immer zwei Seiten. Wenn beide Seiten mit einem gewissen Respekt und einer gewissen Offenheit agieren, dann geht das gut. Verschließt sich nur eine Seite ernsthaft, dann geht das schief. Nun ist es an allen, nicht der zu sein, der sich verschließt. Und damit meine ich nicht nur "uns" Deutsche, sondern auch ausdrücklich unsere zugewanderten Mitbürger.
Hans58 26.01.2009
2. Paralleldiskussion
Zitat von sysopSchon klar, Ausländer sind integrationsunwillig, können kein Deutsch und wollen sowieso nur das Sozialsystem ausnutzen: Vorurteile gegen Migranten sind weit verbreitet, die Mehrheit der Deutschen hat Angst vor Überfremdung. Dabei ist Deutschland dringend auf Zuwanderung angewiesen, kommentiert Hasnain Kazim. http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,603609,00.html
Hier würden erst einmal die mehr als 800 Beiträge aus der laufenden Diskussion über die Integration zur weiterführenden Diskussion passen:http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=3267454&postcount=1
ruediger1683 26.01.2009
3. erinnert mich an 89
da hat die DDR - Führung bis zuletzt geglaubt, alle Probleme mit Realitätsverweigerung lösen zu können, unterstützt von hörigen Medien. Das Ergebnis ist bekannt. Herr Kazim, warum stellen Sie sich an die Seite Ihrer bildungsunwilligen Landsleute? Menschen wie Sie sind leider die Ausnahme und es wäre für alle Beteiligten besser, wenn Sie klare Forderungen an die bildungs- und integrationsunwilloigen Zuwanderer richten würden, anstatt die angebliche Ausländerfeindlichkeit der Deutschen zu thematisieren. Glauben Sie, dass vietnamesisch dem Deutschen in Wort und Schrift näher ist als das Türkische? Und wieso sind junge Vietnamesen beim gleichen Bildungssystem und umgeben von den widerlichen Deutschen trotzdem hoch gebildet und integriert?
altruist 26.01.2009
4. die deutschen,die ausländer?
das reden leute mit migrationshintergrund sich selber vor, dass wir einwanderung brauchen.wie kommt diese lobbyisten nur darauf. wir hätten viel weniger probleme, wenn sich hier keine unterschicht mit migrationshintergrund festgesetzt hätte.diese leute sind hier absolut fehl an platz und sollten das auch wissen und spüren.außerden schaden sie den intergrationsfähigen ausländern. wir deutschen haben nach dem krieg ein prosperierendes gemeinwesen aufgebaut.da sind viele gekommen,die unseren sozialstaat ausnutzen wollen und uns zur last fallen.z.b.70% der gefängnisse sind mit personen belegt,die einen migrationshintergrund haben-hauptsächlich männer. wir gehen viel zu tolerant mit diesen kriminellen/kleinkriminellen um,weil sie unserer leitkultur der respekt versagen. ja, was glauben sie, wenn ihnen jemand sagt, er heißt Kowalski oder Salomon, was wir denken, obwohl diese familien vor 100 jahren vielleicht hier eingewandert sind? das wir einwanderer brauchen,redete uns höchsten die industrie vor, weil sie jährlich umsatz-und gewinnsteigerungen brauchte.dies war in einer nationalen wirtschaft nur mit wachsender bevölkerung(konsumenten) möglich.heute zählt das argument nicht mehr, weil wir einen globalisierten markt haben.wir gehen dahin, wo es viele menschen gibt,die einen bedarf haben. deshalb sind außereuropäische ausländer nur noch begrenzt erwünscht. mit dem begriff "ausländer" ist es schwer das thema zu diskutieren, weil er zu allgemein gefasst ist. der bundespräsident hat in seiner weihnachtsansprache die anrede"liebe landsleute" gebraucht.das fand ich toll.das ist leitkultur.
Pablo alto, 26.01.2009
5. Mit gutem Beispiel voran
Zitat von DaimosUnd somit diese Aussage auch. Was bleibt, ist Wahrheit. Und das ist es in Aachen-Ost wo ich seit etwa 5 Jahren lebe, als Minderheit. Nicht als Minderheit, dass ich dort nicht schon 30 und mehr Jahre lebe, sondern als Minderheit, dass ich Deutsch spreche. Gut - es ist meine Muttersprache und ich spreche sie seit etwa 30 Jahren. Viele Nachbarn leben so lange hier und sind nicht in der Lage, ein Mohnbrötchen statt eines Sesambrötchens zu kaufen. Es bleibt die Frage warum: Weil es dazu keine Notwendigkeit gibt. Die zahlreichen Geschäfte gehören Mitbürgern, die wahlweise alle Sprachen des nahen und mittleren Ostens sprechen, Deutsch fast nicht. Macht aber nichts, die Kunden ja auch fast nie. Auf den Behörden kann man auch auf Türkisch Sozialleistungen beantragen und bekommt sie auch. Bei der GEZ kann man sich auch auf Libanesisch von der Zahlungspflicht befreien lassen. Ich führe dies jetzt nicht fort... Das Enkelkind einer Nachbarsfamilie spricht prima Türkisch und versteht mich nicht, wenn ich ihm "Hallo" sage. Muss es auch nicht, da ich ja Angehöriger einer Minderheit bin und ie meisten anderen diesbezüglich keine Sprachbarrieren haben. Wenn ich auf der Straße angesprochen werde und kein Wort verstehe, begegnet man mir mit Unwohlsein. Nein - selbst nach 5 Jahren Wohnen in Aachen-Ost kann ich immernoch kein Türkisch. Und nein, selbst nach 30 Jahren und mit Enkelkindern im Haushalt spricht oder versteht man nebenan kein Deutsch. Wie gesagt - dies ist ein Beispiel und man kann es verallgemeinern. man kann vieles verallgemeinern und ich glaube auch keiner Statistik, die ich nicht selber gefälscht habe. Aber 30% ohne jeglichen Schulabschluss glaube ich, wenn ich täglich mit offenen Augen durch die Straßen gehe. Mache ich den Leuten deshalb einen Vorwurf? Nein! Warum auch. Wer will denn integriert werden und wer möchte die Leute integrieren? Mit dieser Frage müssen wir uns ernsthaft auseinander setzen. Ich kenne Mitbürger aus Indien, die auch Kinder haben. Diese Mitbürger sind aus erster Generation und tun sich schwer mit Deutsch. Die Kinder sind auf dem Gymnasium und betrachten Deutschland als ihre Heimat - sie sind hier geboren. Und sprechen den gleichen leichten Sing-Sang Dialekt wie ich, den man hier in Aachen spricht. Kurzum: Zur Integration gehören in der Tat immer zwei Seiten. Wenn beide Seiten mit einem gewissen Respekt und einer gewissen Offenheit agieren, dann geht das gut. Verschließt sich nur eine Seite ernsthaft, dann geht das schief. Nun ist es an allen, nicht der zu sein, der sich verschließt. Und damit meine ich nicht nur "uns" Deutsche, sondern auch ausdrücklich unsere zugewanderten Mitbürger.
Dann sollten Sie langsam mal mit der Integration anfangen. Entweder passen Sie sich an Ihre soziale Umwelt an oder Sie ziehen weg. Gibt's an der örtlichen VHS noch keine Türkischkurse für Inländer? Also, keine Müdigkeit vorschützen. Zeigen Sie's den anderen mal.
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