Broders Buch zum 11. September: Die Auslese von Ungenießbarem

Von Michael Krechting

Deutschland und der Terror - das waren für Henryk M. Broder vor allem "Passionsspiele der kommentierenden Klasse". In seinem neuen Buch "Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror" seziert der Autor und SPIEGEL-Reporter sowohl den plumpen Anti-Amerikanismus als auch die naive Friedensbewegtheit auf der politischen und gesellschaftlichen Bühne.

Licht anstelle des World Trade Center: Henryk M. Broder deckt die Schattenseiten der Terrordebatte in Deutschland auf
DPA

Licht anstelle des World Trade Center: Henryk M. Broder deckt die Schattenseiten der Terrordebatte in Deutschland auf

Hamburg - Eigentlich könnte er sich doch freuen. Denn: "Jetzt schweigen sie wieder. Die Friedensfreunde haben ihre Transparente weggepackt, die 'taz' ihr Kriegstagebuch eingestellt, und die klügsten Köpfe der Nation halten ihre Lippen fest verschlossen, nachdem sie den Mund eben noch übervoll genommen haben." Wenn man das Gerede sowieso nicht mehr hören kann - ist es dann nicht wunderbar, wenn Stille eintritt? Nein, ist es nicht. Zumindest nicht für Henryk M. Broder.

Der Journalist und Schriftsteller wollte die deutschen Intellektuellen, Publizisten und Wissenschaftler nach dem 11. September nicht in ihr Schweigen entlassen. Dafür liegen sie ihm zu schwer im Magen, die Äußerungen der Willemsens, Drewermanns, Bioleks, Schorlemmers und wie sie sonst noch alle heißen. "Was in den Wochen nach dem 11. September in Deutschland gesagt und geschrieben wurde, verdient es, festgehalten zu werden als eine Krankengeschichte der unheilbar Gesunden", schreibt Broder zu Beginn seines Buches.

Deutsche Flagge auf halbmast - deutsche Intellektuelle nicht auf der Höhe der Zeit?
REUTERS

Deutsche Flagge auf halbmast - deutsche Intellektuelle nicht auf der Höhe der Zeit?

Deshalb hat Broder die Geschichte mit der Genauigkeit eines Journalisten und der Polemik eines scharfzüngigen Kritikers aufgeschrieben. Broder stellt "die Passionsspiele der kommentierenden Klasse", wie er sie nennt, noch einmal nach - aber diesmal als Theater enttarnt. Akribisch hat der Journalist dafür Protokolle, Zeitungsartikel und Leserbriefe durchgearbeitet. Was er nun in seinem Buch präsentiert, ist demnach die Auslese von Ungenießbarem, von dem, was ihm auf den Magen geschlagen hat, wenn man so will.

Vorhang auf für Eugen Drewermann, "dem Moraltheologen und katholischen Querdenker aus Paderborn". Am Abend des 11. September sprach Drewermann im SFB. Für Broder war dieser Gesprächsabend Kapitel eins einer Geschichte, die ihn empörte und schockierte, fesselte und ärgerte. Folgerichtig beginnt Broder sein Buch nach einigen spitzen einleitenden Worten ("es war wie auf einer Party im Irrenhaus") mit Drewermanns Gedanken. Für den Leser beginnt an dieser Stelle ein Spiel, das er fast bis zum Ende der 216 Seiten mitmacht: Broder zitiert, Broder seziert.

Broder zitiert Drewermann: "Wann lernen wir, die Sprache des Hasses als ein Betteln und Bitten darum zu verstehen, dass man sich auseinander setzen müsste über die Gründe einer solchen inneren menschlichen Entfernung. Es gibt keinen Hass, schon unter den Individuen, der etwas anderes wäre als eine enttäuschte Liebe."

Broder seziert Drewermann: Der sei offensichtlich der Meinung, "dass die Anschläge von New York und Washington nicht nur Wake-up-calls für die Amerikaner, sondern Aufrufe an uns alle waren, Massenmorde als Beweise enttäuschter Liebe zu akzeptieren und mit Liebe zu erwidern". Und dann folgt Broders beißende Polemik: "Wie sehr müssen die Nazis die Juden geliebt haben, wie sehr haben sie sich danach gesehnt, mit am Schabbat-Tisch sitzen dürfen, bevor sie abgewiesen wurden und deswegen zu irrsinnigen Aktionen ergreifen mussten."

Die Satire sitzt, sicherlich schmerzt sie auch. Auf jeden Fall zeigt sie den Grad der Wut, den die Debatte nach dem 11. September bei Broder ausgelöst hat. In dieser Wut nimmt er sich nicht nur Drewermann, sondern auch die anderen Kritiker von Kapitalismus, Imperialismus, Amerikanismus und Globalisierung zur Brust.

Broders Buch: Eine Satire, die sitzt

Broders Buch: Eine Satire, die sitzt

So lässt er Günter Grass ("Das Gewissen der Nation: Eine Pfeife für den Frieden") die Zahl der Toten von New York mit der in Ruanda vergleichen und kommentiert: "Die Botschaft ist klar: die Amis sollen sich nicht so anstellen, mit ein paar tausend 'beklagenswerten Toten' sind sie noch gut weggekommen. Dass sie angesichts der Proportionen nicht zur Tagesordnung übergehen, ist nur ein weiterer Beleg für die Arroganz des Westens gegenüber der Dritten Welt." Broders Fazit in Sachen Grass: "Je gewaltiger der Gegenstand seiner Betrachtung, um so größer auch seine Fehlleistung."

Drewermann und Grass folgen Friedrich Schorlemmer und Johan Galtung, Adrienne Goehler und Roger Willemsen und einige mehr. Nur am Ende seines Buches bricht Broder seine Regel, Zitate erst zu nennen und dann zu kommentieren. Im letzten Kapitel entfällt der Kommentar vollkommen. Broder listet nur noch auf, als habe ihn das Niederschreiben der Zitate sprachlos gemacht. Es könnte auch sein, dass er einfach keine Lust mehr hatte, auf die versammelten Äußerungen des deutschen Zeitgeistes zu reagieren.

Demo gegen den Krieg: Broder spricht von einer "naiven Friedensbewegtheit" bei Intellektuellen, Publizisten und Wissenschaftlern
DPA

Demo gegen den Krieg: Broder spricht von einer "naiven Friedensbewegtheit" bei Intellektuellen, Publizisten und Wissenschaftlern

Henryk M. Broders Buch hat mehrere Qualitäten: Es dokumentiert eine Debatte von hohem zeitgeschichtlichem Rang. Das Buch lässt sich eben auch wie ein Zitatenschatz gebrauchen. Überdies ist es eine klassische Satire, brillant geschrieben, mit viel Tempo und Zug.

Doch etwas fehlt, nämlich eine eigene Sicht der Dinge des Autors. Die verbirgt sich hinter seinen Kommentaren, bleibt aber manchmal etwas undeutlich und verschwommen. Wer von Broders Buch eine umfassende Einordnung des Geschehens nach dem 11. September erwartet hat, wird enttäuscht. Woran das liegt? Vielleicht hat sich Henryk M. Broder ja den Satz von Karl Kraus zu Herzen genommen, den er seinem Buch vorangestellt hat: "Mein Herr, wenn Sie nicht schweigen, werde ich Sie zitieren!"

Henryk M. Broder: "Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror". Berlin Verlag (2002); 216 Seiten; 18 Euro.

Henryk M. Broder liest am 12. April in Berlin aus seinem Buch und führt dort ein Gespräch mit dem früheren Berliner Kultursenator, Christoph Stölzl.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles zum Thema Krieg gegen den Terror
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback