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Christian Klar: Raus mit der Wahrheit - dann raus aus dem Knast

Von Claus Christian Malzahn

Christian Klar hat sich mit seinem düsteren Grußwort um Kopf und Kragen geredet. Die Politik überschlägt sich vor Entsetzen. Doch die alten Reflexe helfen nicht weiter - am wenigsten den Angehörigen der Terror-Opfer, die Aufklärung fordern.

Das Grußwort des inhaftierten Mörders Christian Klar an die so genannte Rosa-Luxemburg-Konferenz stammt direkt aus den düsteren siebziger Jahren - Life on Mars lässt grüßen. Es erinnert an jene schwarze Prosa, mit der die Akteure der Roten Armee Fraktion damals ihre Morde rechtfertigten. Der Ghetto-Sound der RAF sollte den kriminellen Trieb der Terror-Truppe politisch veredeln und die Mordlust kaschieren.

Christian Klar wird dem Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe vorgeführt (1982).
DPA

Christian Klar wird dem Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe vorgeführt (1982).

Klar spricht diesen kalten Dialekt noch heute, vielleicht kennt er keine andere Sprache: "Von hier aus rollt weiter dieses imperiale Bündnis, das sich ermächtigt, jedes Land der Erde, das sich seiner Zurichtung für die aktuelle Neuverteilung der Profite widersetzt, aus dem Himmel herab zu züchtigen und seine ganze gesellschaftliche Daseinsform in einen Trümmerhaufen zu verwandeln."

Das ist aber kein Bekennerschreiben oder ein Drohbrief, der Satz ist ein politisches Statement. Was Klar hier schwülstig formuliert, ist eben jenes reaktionäre, antiamerikanische Dummdeutsch, das längst nicht nur auf ominösen Konferenzen von linken Sektierern Beifall findet. Klar träumt in seiner Zelle davon, "die Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden und die Tür für eine andere Zukunft aufzumachen". Solange er nur davon träumt und nicht wieder zur Waffe greift, ist das nicht verboten.

Klars "Grußwort" ist vor allem eine Schlagwortsammlung aus dem linksextremen Poesiealbum. In die Kollektion linker Klassiker wird das Pamphlet wohl kaum aufgenommen werden. Die vulgärmarxistischen Phrasen belegen vor allem eins: dass Klar in der Zelle nicht klüger geworden ist. Konnte man das erwarten? Bitte nicht so schnell Nein sagen. Manchen Ex-Terroristen ist hinter Gittern durchaus ein Licht aufgegangen. Das Gefängnis verhindert Selbstkritik nicht per se, wie manche Befürworter einer Freilassung von Christian Klar argumentieren - die Geschichte der Roten Brigaden Italiens zeigt das beispielsweise.

Die Chancen auf eine Begnadigung durch Bundespräsident Köhler hat der ehemalige Frontmann des deutschen Linksterrorismus mit seiner Wortmeldung fast auf Null gesenkt. Die Politik überschlägt sich nun geradezu mit ihrer Verurteilung dieses bereits verurteilten Mörders. Guido Westerwelle scheint Kapitalismuskritik fast generell unter Strafe stellen zu wollen, und in der CSU möchte man Klars Knastzeit sogar verlängern. Die alten Reflexe funktionieren noch immer gut - auf beiden Seiten.

Über die Opfer der RAF und die zu lebenslänglicher Trauer verurteilten Angehörigen wird mal wieder kaum gesprochen. Ihre Forderung nach Aufklärung der Straftaten sollte im Mittelpunkt der Debatte stehen, nicht das dämliche Traktat eines Mannes, der sich selbst zu einer Lebenslüge verurteilt hat.

Hallo Ex-RAF - hier ist der Deal: Sagt uns endlich, wer geschossen hat, dann reden wir über Gnade. Denn wir wissen noch immer nicht, wer Hanns Martin Schleyer auf dem Gewissen hat. Wir haben keine Ahnung, wer den Spitzenbeamten von Braunmühl ermordete. Und nur Indizien, welche Personen hinter dem Attentat auf Detlev Karsten Rohwedder stecken. Wenn die einstigen RAF-Terroristen sich schon nicht entschuldigen wollen - was wäre das auch wert -sollten sie wenigstens erklären, wie es war und wer es war. Sie könnten zum Beispiel damit anfangen, die Stammheim-Lüge zu beerdigen. Die Mär vom Staatsmord von Baader und Co. in Stammheim glaubt ja nicht mal mehr der schwarze Block in Kreuzberg. Auch über die gedeihliche Zusammenarbeit zwischen RAF und Stasi wüsste man gerne Genaueres.

Christian Klar aber schweigt zu den blutigen Details der RAF-Geschichte, stattdessen verkündet er die quasi religiöse Botschaft, dass die kommunistische Gesellschaftsanalyse von vorgestern auch noch die gültige Kritik von morgen sein soll. Notabene: Dies ist ein freies Land. Auch Christian Klar kann glauben, was er will. Aber er soll auch endlich sagen, was er weiß - oder die Bedingungen erklären, unter denen er zur historischen Wahrheitsfindung beitragen könnte. Wenn er stattdessen auf seinem Sündenstolz und politischen Mythen beharren will - bitteschön. Vielleicht kann er die Bundesrepublik Deutschland hinter Gittern eh besser ertragen als draußen. Denn in Freiheit könnte das Denken seine Richtung wechseln, weil man da Lechts und Rinks ziemlich häufig velwechsern kann, wie schon Ernst Jandl wusste. Die Geschichte der Roten Armee Fraktion: Werch ein Illtum.

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