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CIA-Schlag in Pakistan: Ende der Schonzeit für Musharraf

Von und Yassin Musharbash

Mit einer Hellfire-Rakete tötet die CIA in Pakistan einen ranghohen al-Qaida-Führer und stürzt den pakistanischen Präsidenten Musharraf in arge Nöte. Denn die USA führen ihren Anti-Terror-Krieg jetzt auf eigene Faust - gegen den Willen des Machthabers.

Berlin – Es war eine Präzisions-Mission der CIA. Lautlos und ferngesteuert kreiste eine unbemannte Predator-Drohne über Khushali Torikel, einem Kaff in der unzugänglichen und gesetzlosen Region Wasiristan, gleich an der pakistanischen Grenze zu Afghanistan. Live sendete die Drohne ihre gestochen scharfen Bilder an die Kommandozentrale der CIA. Als sich die Strategen des US-Geheimdienstes schließlich sicher waren, dass sie ihr Ziel im Fadenkreuz der Drohne erfasst hatten, drückten sie auf den roten Knopf.

al-Libi in Kampfvideo: Tödlicher Fehler am Satellitentelefon
AFP / IntelCenter

al-Libi in Kampfvideo: Tödlicher Fehler am Satellitentelefon

Nur Sekunden später schlug eine tödliche Hellfire-Rakete ein und schaltete den seit Jahren gesuchten al-Qaida-Mann Abu Laith al-Libi und mehrere seiner Krieger aus. An den Schirmen sahen die CIA-Leute in Echtzeit zu. Al-Libi hatte, so berichten Geheimdienstler, offenbar einen schweren Fehler begangen. Kurz bevor die Rakete einschlug, benutzten er und seine Leute ein Satellitentelefon und erschienen umgehend auf dem weltweiten Kommunikationsradar der CIA.

Für ihre Entscheidung zuzuschlagen, brauchten die US-Geheimdienstler nur wenige Minuten.

Es dauerte ein paar Tage, bis sich die Nachricht über den Tod des etwa 40 Jahre alten Top-Manns der al-Qaida herumgesprochen hatte und beide Seiten versuchten, den Vorfall für ihre Zwecke zu interpretieren. Am Donnerstagabend vermeldete eine islamistische Website den Tod des durch seine Videos und religiösen Texte berüchtigten Qaida-Manns und ernannten ihn prompt zum Märtyrer, der im Dschihad gestorben sei. Die USA hielten sich zuerst noch zurück. Doch recht schnell steckten nicht namentlich zitierbare Regierungsvertreter Reportern, die CIA habe Osama Bin Ladens Funktionär ausgeschaltet. Unverhohlen sprachen sie von einem großen Erfolg.

Verbindungen zur "Islamic Jihad Union"

Der Schlag in den Bergen von Wasiristan ist in der Tat ein kleiner Sieg im Kampf gegen die Qaida. Lange nicht mehr hatte die CIA es geschafft, einen der Männer aus dem engsten Zirkel von Bin Laden zu eliminieren. Abu Laith al-Libi ist ein solcher. Durch mehrere Videos und seine von Geheimdienstlern beschriebene Rolle als Vermittler zwischen Taliban und Qaida-Terroristen galt er als "high value target", als hochrangiges Ziel. Er war einer derjenigen Islam-Krieger, für die Präsident George W. Bush der CIA die Lizenz zum Töten erteilt hat - er war einer der meistgesuchten Männer der Welt. Manche Experten sprechen bei ihm gar von der Nr. 3 des Terrornetzes.

Deutsche Sicherheitskreise gehen davon aus, dass al-Libi innerhalb von al-Qaida zuständig war für die Kooperationen mit anderen Terrorgruppen – unter anderem womöglich auch die "Islamic Jihad Union" (IJU), die nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden die sogenannten Sauerländer Bombenbauer um den Konvertiten Fritz G. für Anschlagspläne in Deutschland rekrutierten und aus Pakistan bei den Planungen anspornten. Die Bombenbauer wurden im vergangenen September von der Polizei gefasst und sitzen in Untersuchungshaft. Sie waren über Monate observiert worden.

Terror-Jagd auf fremden Grund

Die Analysten bei den deutschen Behörden vermuten, dass al-Libi sich genau dort in den vergangenen Jahren mit zwei mutmaßlichen Führungspersonen der bis heute weitgehend mysteriösen IJU getroffen hat, die eigentlich in Usbekistan gegen die Regierung kämpfte und sich später nach Pakistan zurückzog. Bisher aber gibt es aber keine gesicherten Erkenntnisse darüber, ob al-Libi in irgendeiner Weise in die Anschlagsplanungen in Deutschland einbezogen war, diese gar initiierte oder zumindest Kenntnis von der Aktion hierzulande hatte.

Mit der todbringenden Aktion bewiesen die Krieger der CIA eindrücklich, dass sie ihre Mission noch immer sehr ernst nehmen. Ebenso deutlich aber symbolisiert sie, dass die CIA in Pakistan offenbar ein Ende der Schonzeit für die Anhänger der Qaida und auch für das Regime von Präsident Pervez Musharraf eingeläutet hat. Denn trotz deutlicher Warnungen der Regierung schlugen die Agenten auf eigene Faust in dem notorischen Terroristen-Hort zu. Die Souveränität Pakistans, das wurde deutlich, interessiert die USA nicht mehr oder ist nur zweitrangig.

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