CSU-Krise Sex als Waffe

Die CSU steckt in ihrer schwersten Krise seit Gründung. Mit den Enthüllungen über das Privatleben von Verbraucherschutzminister Horst Seehofer ist ein neuer Tiefpunkt erreicht. Dabei spielen private Indiskretionen in Bayern seit jeher eine große Rolle in der Politik.

Von Claus Christian Malzahn


Wenn Sex-Enthüllungen in der Politik eine Rolle spielen, geht es meist um Macht, selten um Moral. Um Kabinettsmitglieder auf Linie zu halten, schockte der erste deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer seine Minister schon mal mit schlüpfrigem Herrschaftswissen: "Weiß ihre Frau eijentlich, dat Se ne Freundin haben?"

Bis Ende der fünfziger Jahre konnten geschiedene Männer nicht einmal Offizier der Bundeswehr werden - der Ehrenkodex stand dagegen. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Kanzler und Vizekanzler der rot-grünen Regierung hatten zusammengerechnet sieben Scheidungen hinter sich, als sie von der Bühne abtraten. Und auch in der Union, die viel Wert auf ihr christliches Familienbild legt, sind Scheidungen seit langem kein Tabu mehr.

Dass Ehen schief gehen können, weil das Leben nun einmal kein Heimatroman ist, hat sich auch unter Christdemokraten herumgesprochen. In Niedersachsen regiert ein Ministerpräsident, der sich quasi vor laufender Kamera von Frau und Kindern getrennt hat und sich zu seiner neuen Freundin öffentlich bekennt.

In Berlin zog ein noch verheirateter CDU-Spitzenkandidat in den Wahlkampf und brachte seine schwangere Geliebte mit zum Fototermin. In Hamburg regiert mit Ole von Beust ein Bürgermeister, dessen (schwule) Lebenswirklichkeit von klassischen konservativen Familienutopien ziemlich weit entfernt ist. All das regt in der Bundesrepublik kaum noch jemanden auf. Nur in Bayern gehen die Uhren offenbar anders.

Denn in der CSU kann man mit Gerüchten einer handfesten Sex-Geschichte offenbar immer noch Karrieren zerstören. In fast jeder politischen Auseinandersetzung nach der Ära Strauß spielten ins Private zielende Vorwürfe und Gerüchte eine entscheidende Rolle im innerparteilichen Machtkampf:

  • Theo Waigel wurde mit gezielten Indiskretionen an die Boulevardpresse als Ministerpräsident verhindert, weil er - noch verheiratet, aber getrennt lebend - eine Freundin hatte. Seine damalige Geliebte ist heute übrigens seine Frau. Das Amt übernahm stattdessen Edmund Stoiber.

  • Die Gesundheitsministerin Barbara Stamm wurde in Stoibers Kabinett zum Abschuss freigegeben, nachdem kolportiert worden war, die Mutter und Ehefrau habe eine Affäre.

  • Die Strauß-Tochter Monika Hohlmeier wollte sich als CSU-Bezirkschefin parteiinterne Kritiker mit einer delikaten Drohung vom Leib halten: "Gegen jeden von Euch gibt es etwas!", warnte sie auf einer CSU-Sitzung. Doch nicht ihre Kritiker mussten schließlich gehen - sondern Hohlmeier, deren Einschüchterungsversuch bekannt wurde.

  • Die jetzige CSU-Krise begann mit Vorwürfen der CSU-Landrätin Pauli gegen die Münchner Staatskanzlei: Ihr Privatleben werde ausspioniert, weil sie gegen eine neue Kandidatur Stoibers sei, klagte sie.

Der neueste Delinquent im Freistaat Bayern heißt Horst Seehofer. Er soll ein Doppelleben zwischen Familie in Bayern und schwangerer Geliebter führen. Die Frage, auf welche Weise diese Geschichte eigentlich in die Welt kam, ist mindestens so interessant wie die Nachricht selbst. Denn im Ergebnis kann die Meldung über Seehofers Affäre dazu führen, dass er als möglicher Nachfolger Stoibers im CSU-Parteivorsitz nicht mehr in Frage kommt. Die Liebes-Affäre Seehofer lenkt zudem trefflich von der politischen Affäre Stoiber ab.

Diese "Enthüllung" hat die "Bild"-Zeitung heute damit begründet, Seehofer habe sein Privatleben stets "groß plakatiert, wer es politisch einsetzt, muss sich daran messen lassen". Tatsächlich posierte Seehofer im vergangenen Sommer noch mit seiner Familie für eine Illustrierte. Möglicherweise wird er das und anderes gerade seiner Ehefrau erklären müssen. In Berlin jedenfalls war Seehofers Verhältnis nicht nur einigen Parteifreunden, sondern auch manchen Journalisten seit langem bekannt. Dass darüber nicht berichtet wurde, hatte einen simplen Grund: Man hielt es für Seehofers Privatangelegenheit.

Aber muss man nicht das Private öffentlich machen, wenn man damit politische Doppelmoral entlarvt? In der guten alten Bonner Republik galt in solchen Fällen: Leben und leben lassen. Auf solche Diskretion kann die politische Klasse in Berlin nicht mehr zählen. Die Behauptung allerdings, die Veröffentlichung von Seehofers Affäre diene ausschließlich der Bekämpfung der politischen Bigotterie und somit den Idealen der Aufklärung, darf man wohl mindestens belächeln.

Die CSU steckt in ihrer schlimmsten Krise seit ihrer Gründung. Aber nicht, weil Verbraucherschutzminister Horst Seehofer eine Geliebte in Berlin hat. Sondern weil Sex in der bayrischen Politik noch immer als Waffe eingesetzt wird, weil die Berliner Republik sich viel schneller um die eigene Achse dreht als die alte Bundesrepublik - und weil der bayrische Ministerpräsident sich offenbar für unersetzlich hält.



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