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Debatte: Der Koran als Ecstasy fürs Volk

Von Claus Christian Malzahn

Rauchschwaden in Beirut, wütender Protest in Jakarta und Damaskus: Ein panislamischer Volkssturm tobt gegen die Mohammed-Cartoons. Sind Muslime empfindlicher als Christen oder Juden? Sie leben jedenfalls in anderen Gesellschaften. Höchste Zeit, mehr Demokratie zu wagen.

Berlin - Über die Qualität der Karikaturen aus Dänemark, die den Propheten Mohammed zum Stammvater des modernen Terrorismus machen, muss nicht lange gestritten werden. Sie sind plump, manche haben die Grenze zur Denunziation überschritten. Aber es gibt in der aufgeklärten, säkularen Welt der Demokratie und des Humanismus auch ein Recht auf plumpe Karikaturen. Es gibt ebenfalls das Recht, gegen solche Karikaturen zu demonstrieren.

Aber es gibt kein Recht darauf, sogenannte religiöse Gefühle zu einem universellen gesetzlichen Maßstab zu machen, auch wenn es Islamisten für ihre Pflicht halten. Religiöse Gefühle gehen in unserer Welt nur den etwas an, der sie hat. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Hier schreibt kein Atheist, der die Gelegenheit für günstig hält, das Elend der Welt am Gottglauben aufzuhängen. Im Gegenteil. Kirchgänger leben länger. Das Vaterunser ist eine großartige Versicherung.

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Mohammed-Cartoons: Die brennende Botschaft in Beirut

Aber Religion ist im heutigen Europa grundsätzlich Privatsache - es sei denn, man lebt im Vatikanstaat. In den USA ist das übrigens nicht anders, auch wenn der Glaube an Gott dort selbstverständlicher ist als im alten Europa und der Präsident seine Kabinettssitzungen mit einem Gebet eröffnet. Er hat dennoch nicht die Macht, Bilder, Texte oder Musik zu verbieten, in denen religiöse Symbole ironisiert oder atheistisch interpretiert werden. Gott sei Dank.

In der islamischen Welt ist Religion in den meisten Ländern dagegen keineswegs Privatsache, sondern res publica. Öffentlich angestauter Druck entlädt sich in vielen arabischen Regimen nicht etwa politisch, sondern nur durch religiöse Ventile. Den Herrschenden ist das ganz recht. Der amerikanische Verdacht, die Angriffe auf europäische Botschaften in Damaskus könne nicht ohne Wissen des Spitzelstaates Syrien erfolgt sein, ist durchaus plausibel.

Sind Muslime empfindlicher als Christen oder Juden?

Denn in diesem panislamischen Volkssturm gegen das Königreich Dänemark konstituiert sich jene muslimische Glaubensgemeinschaft, die demokratischen Streit und gesellschaftlichen Widerspruch nicht kennt und nicht zu kennen braucht. Es gilt der Grundsatz: Je größer der anti-westliche Protest, desto sicherer sitzt der Despot in seinem Sessel. Wenn wir heute, mehr oder weniger fassungslos, auf die zum Teil gewalttätigen Proteste in Damaskus, Kabul, Jakarta, Beirut oder in anderen muslimischen Metropolen blicken, dann sollten wir berücksichtigen, dass das machiavellistische Spiel von "Teile und Herrsche" eben nicht nur im Westen bekannt ist.

Sind Muslime empfindlicher als andere Gläubige, als Christen oder Juden? Sie leben jedenfalls in anderen Gesellschaften und Staaten als die meisten Christen und Juden. Europa, Israel, Süd- und Nordamerika und Ozeanien teilen im Prinzip dieselben demokratischen Grundsätze (und streiten glücklicherweise heftig darüber). Die Trennung von Staat und Religion war die entscheidende Vorraussetzung für diese Entwicklung. Der Islam aber hatte keinen Martin Luther, der das religiöse Deutungsmonopol des Vatikans brach, und auch keinen Napoleon, der die Macht der Kirche in Europa zurückdrängte.

Der Islam von heute kennt aber einen Osama Bin Laden, der es geschickt versteht, mit islamischen Geschichtsmythen zu spielen. Immer wieder erzählt er die Geschichte vom von der christlichen Welt betrogenen Islam. Die religiöse Inbrunst, mit der in diesen Tagen gegen ein paar Karikaturen demonstriert wird, zeigt auch, wie groß der Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Westen ist.

Dessen Entwicklung zu streitbaren, demokratischen Gesellschaften, die kulturelle und religiöse Vielfalt aushalten ohne daran zu zerbrechen, war nicht geradlinig. Selbst innerhalb Europas verlief sie mit ganz verschiedenen nationalen Akzenten. So spielt der katholische Glauben auch heute in Polen eine viel dominantere Rolle als in Frankreich. Trotzdem war Polen eines der ersten Länder mit einer republikanischen Verfassung in Europa - und ist heute sehr stolz darauf. Doch man soll sich keine Illusionen darüber machen, was in Krakau passieren würde, wenn ein Aktionskünstler dort auf dem Marktplatz das Konterfei von Johannes Paul II. kreativ bearbeiten würde.

Von der Freiheit der Kunst in Europa

So ein Mann bräuchte schnell Polizeischutz, und es ist nicht hundertprozentig sicher, dass er welchen bekäme. Dennoch gibt es einen großen Unterschied zwischen dieser - übrigens nicht nur hypothetischen - Reaktion in Polen und dem, was dem Westen gerade in Damaskus, Jakarta und Beirut entgegenschlägt. Die freiheitlichen Ansprüche dieses fiktiven polnischen Aktionskünstlers sind garantiert, und wenn er in Warschau kein Recht auf die Freiheit der Kunst bekäme, dann beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Europa hat sich gegenseitig dazu verpflichtet, solche Essentials einzuhalten.

Es gibt glücklicherweise kein Zurück zu nationalen Sonderregelungen; es gäbe dieses Zurück nur um den Preis der Europäischen Union. Der jordanische Chefredakteur, der es lediglich wagte, die dänischen Cartoons zu dokumentieren und zu fragen, ob Terror nicht schlimmer sei als Blasphemie, wurde dagegen verhaftet. Welchen Gerichtshof soll er anrufen? Wer demonstriert in Amman für ihn?

Zugegeben: Es ist ein Paradoxon, dass die Demokratisierung islamischer Mehrheitsgesellschaften zurzeit vor allem dazu führt, dass sie sich religiös aufladen und radikalisieren - und nicht etwa pluralisieren und humanisieren. In den palästinensischen Gebieten siegt die radikale Hamas, deren Gesellschaftsbild so eine Art Taliban-light-Staat vorsieht. Und im Irak steigt und steigt der Einfluss der Schiiten. Aber ist uns Europäern dieses Phänomen so fremd? Der Mauerfall hat in Europa auch nicht überall dazu geführt, dass Menschen nun einträchtig und in Freiheit miteinander leben können. Auf dem Balkan kam es zur Katastrophe mit mehr als 100.000 Toten. Erst heute erkennen die Eliten dort langsam die Chance, in ein geeintes, friedliches Europa hineinzuwachsen. Der Preis für diese späte Erkenntnis war hoch.

Wie hoch der Preis sein wird, den die islamische Welt dereinst für die Befreiung von den Fußfesseln der Religion zahlen muss, ist noch nicht einmal abzusehen. Aber zu dem Versuch, dort den politischen und religiösen Pluralismus zu befördern und anzusiedeln, gibt es keine vernünftige Alternative. Die Idee, in der arabischen und islamischen Welt am besten alles so zu lassen wie es ist, war noch nie besonders gut - auch wenn man in Berlin und Paris in den vergangenen Jahren glaubte, man käme mit diesem Non-Plan durch.

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