Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Debatte: Mit Sitzblockaden gegen die Hisbollah?

Von Henryk M. Broder

Leidenschaftlich wird in Deutschland diskutiert, ob die Militärschläge der Israelis im Libanon angemessen sind. Doch wie sollten sie sich gegen die Angriffe der Hisbollah sonst zur Wehr setzen? Etwa mit Sitzblockaden entlang der israelisch-libanesischen Grenze?

Erst 20 Jahre nach dem Ende des Krieges, Mitte der sechziger Jahre, wurde den Deutschen zum ersten Mal bewusst, dass die Nazis im Rahmen des Projekts "Endlösung der Judenfrage" eine größere Anzahl von Juden umgebracht hatten. Im "Frankfurter Auschwitz-Prozeß", der sich über zwei Jahre und 183 Verhandlungstage hinzog, wurde ausgiebig dokumentiert, was in dem Lager neben der polnischen Kleinstadt Oswiecim passiert war. Die deutsche Öffentlichkeit war erschüttert, entsetzt und vor allem - überrascht.

Friedensdemonstration in Berlin: "Stoppt Israels Krieg" heißt es auf Plakaten
DPA

Friedensdemonstration in Berlin: "Stoppt Israels Krieg" heißt es auf Plakaten

Offenbar hatte niemand vorher "Mein Kampf" gelesen, Hitlers Reden gehört, den "Stürmer" abonniert oder auch nur mitbekommen, dass die jüdischen Nachbarn eines Tages verzogen waren, ohne ihre Möbel mitzunehmen.

Über ein Jahrzehnt später, 1978, strahlte das Deutsche Fernsehen die vierteilige US-Serie "Holocaust" aus.

Und wieder reagierten die Deutschen mit Erschütterung, Entsetzen und grenzenlosem Erstaunen. Das Schicksal der Familie Weiss rührte sie zu Tränen. Sie stellten Fragen, auf die es keine Antworten gab. "Wie war so etwas nur möglich?" Und: "Warum haben sich die Juden wie Lämmer zur Schlachtbank führen lassen? Warum haben sie sich nicht gewehrt?"

Diese Frage bestimmte den Holocaust-Diskurs fast 20 weitere Jahre, bis 1996 Daniel Goldhagens Buch "Hitlers willige Vollstrecker" erschien, das wieder einen Sturm der Erschütterung und des Entsetzens auslöste. Diesmal aber nicht über die im Buch dargestellten Vorgänge, sondern über den Autor, der unter anderem von einem "eliminatorischen Antisemitismus" gesprochen und behauptet hatte, die "Endlösung" sei der konsequente Abschluss einer im deutschen Wesen angelegten Entwicklung gewesen.

Seitdem geht es in der öffentlichen Debatte nicht mehr darum, was die Juden erlebt und nicht überlebt, sondern was die Deutschen gewusst bzw. nicht gewusst , wie viele von ihnen mehr oder weniger bereitwillig mitgemacht hatten. Die Diskussion hat sich von den Opfern zu den Tätern verschoben, wobei die Täter um den historischen Nachweis bemüht sind, dass auch sie Opfer waren, zumindest am Ende, als Dresden bombardiert ("Bombenholocaust") und die "Gustloff" mit über 9.000 Flüchtlingen an Bord versenkt wurde.

Historische Rollen, neu verteilt

Vorher schon hatte der Berliner Politologe Ekkehard Krippendorff die Debatte um einen originellen Gedanken bereichert. Wenn die Juden, statt sich widerstandslos abtransportieren zu lassen, passiven Widerstand praktiziert und Sitzstreiks organisiert hätten, hätten sich die Deutschen mit ihnen solidarisiert, wäre das Dritte Reich in seinen Grundfesten erschüttert und das Schlimmste vermieden worden.

So wurden die historischen Lasten neu verteilt. In letzter Konsequenz waren die Juden nicht nur am Antisemitismus schuld - ohne Juden gäbe es auch keine Antisemiten - sondern auch am Dritten Reich. Sie hatten es in der Hand, das System zu destabilisieren und diese einmalige Chance leichtfertig vergeigt.

Heute ist die Debatte schon ein paar Runden weiter: Die Israelis, so kann man es jeden Tag hören und lesen, tun den Palästinensern das an, was die Nazis den Juden angetan haben, während die Deutschen - oder wie man heute kokett sagt: "die nicht-jüdischen Deutschen" - ihre historische Pflicht darin sehen, darauf zu achten, dass die Juden aus ihrer Geschichte lernen und sich anständig benehmen. Wolfgang Pohrts geniales Wort von den Tätern, die zu Bewährungshelfern mutieren und darauf achten, dass ihre Opfer ja nicht rückfällig werden, war nie aktueller und passender als heute.

Die alte Frage: "Warum haben sich die Juden nicht gewehrt?" ist out. Heute wird den Juden zur Last gelegt, dass sie sich wehren und aus dem letzten Versuch einer Endlösung der Judenfrage die Lehre gezogen haben, dass es besser ist, sich beizeiten zu wehren, statt sich hinterher bemitleiden zu lassen. So schön das Holocaust-Mahnmal in Berlin auch ist - ein Ort, "wo man gerne hingeht" (Gerhard Schröder) -, ein Tag am Strand in Tel Aviv oder Nahariya ist allemal schöner.

"Überzogen" und "unverhältnismäßig"

Nun wird in Deutschland, wo sogar ein verurteilter Kannibale erfolgreich gegen eine Verletzung seiner Grundrechte klagen kann, heftig darüber gestritten, mit welchen Mitteln die Israelis ihr Grundrecht, ungestört am Strand von Nahariya oder Tel Aviv liegen zu können, verteidigen dürfen. Nicht nur Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), Udo Steinbach (Orient-Institut) und Heribert Prantl (SZ) sind der Ansicht, dass Israels Reaktion auf den Raketenbeschuss aus dem Libanon überzogen und "unverhältnismäßig" ist. Auch aus dem befreundeten Ausland hört man ähnliche Stimmen. "Niemand spricht Israel das Recht ab, seine Grenzen zu verteidigen. Aber Raketen, die über die Grenzlinie fliegen, gefährden nicht die Existenz des Staates...", schreibt zum Beispiel Claudia Kühner im Zürcher Tages-Anzeiger.

Wenn aber Raketen, die dazu erfunden wurden, über Grenzen zu fliegen, die Existenz eines Staates nicht gefährden, wer oder was ist dann in der Lage, die Existenz eines Staates zu gefährden? Zu hohe Lohnnebenkosten? Zu niedrige Steuern? Zu viele Arbeitslose? Zu wenige Kinder? Und wie würden die Schweizer reagieren, wenn einer ihrer Grenzkantone mit Raketen beschossen würde? Würden sie mit "Luxemburgerli" von Sprüngli zurück schießen? Oder Coupons von "Migros" aus der Luft abwerfen, mit der Aufforderung: "Stopp Shooting, Start Shopping"?

Selbstmord aus Angst vor dem Tod?

Natürlich ist die Frage nach der "Verhältnismäßigkeit der Mittel" bei der Abwehr eines Angriffs völlig berechtigt. Auch gegenüber Israel. Freilich: Wer sie stellt, muss damit rechnen, eine Antwort zu bekommen, mit der er nicht gerechnet hat. Es spricht für die politische Vernunft und sittliche Reife der Deutschen, dass sie fest davon überzeugt sind, man müsse sich nur an einen Runden Tisch setzen und miteinander reden, um alle Konflikte und Probleme friedlich zu lösen. Das Verfahren hat sich bei Arbeitskämpfen und Vereinskrisen bewährt, aber schon in Nordirland und im Kosovo als recht uneffektiv erwiesen. Und es kommt einem Selbstmord aus Angst vor dem Ableben gleich, wenn man es mit Gegnern zu tun hat, die den Tod mehr als das Leben lieben.

Der verstorbene König Hussein von Jordanien hatte keine Skrupel, einen Palästinenseraufstand im "Schwarzen September" 1970 mit aller Macht niederzuwerfen. Er ließ Flüchtlingslager bombardieren, wobei drei- bis fünftausend Menschen ums Leben kamen. Anschließend verlegte die PLO ihre Stützpunkte in den Libanon, Arafat zog nach Kairo, später nach Tunis.

Auch der syrische Präsident Hafis al-Assad, der Vater des jetzigen Staatschefs, ging mit aller Härte gegen aufständische Muslimbrüder vor. Im Februar 1982 machte er die Stadt Hama platt, 10.000 bis 30.000 Zivilisten kamen ums Leben. Niemand warf ihm einen "Völkermord" vor, wäre es passiert, hätte sich Assad jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten Syriens verbeten.

Zu hart? Zu spät!

Schaut man sich dagegen an, was Israel macht, muss man zugeben, dass es eher zurückhaltend agiert. Daran ändert auch das Blutbad von Kana nichts, bei dem über 50 Frauen und Kinder getötet wurden. Es zeigt nur, dass auch in einem High-Tech-Krieg die Zielgenauigkeit katastrophale Folgen haben kann. Es kämpfen nicht reguläre Armeen gegeneinander, sondern eine Armee gegen eine Guerilla-Gruppe, der es nichts ausmacht, die zivile Bevölkerung als Schutzschild zu benutzen. Immerhin warnt die israelische Armee mit Flugblättern die Zivilisten vor bevorstehenden Bombardements, während die Hisbollah ihre Katjuscharaketen ohne jede Warnung abschießt, um die Zivilbevölkerung zu terrorisieren.

Die stärkste Armee im Nahen Osten kämpft mit einer Hand auf dem Rücken. Und büßt für die Versäumnisse der Politiker. Jeder, der in Israel mit Fragen der Verteidigung zu tun hatte, wusste, dass die Hisbollah im Süden des Libanon keine Ferienlager für palästinensische Waisen baute, sondern für den Tag X rüstete. Statt Alarm zu schlagen, weil die Uno-Resolution 1559, die eine Entwaffnung der Hisbollah vorsah, nicht umgesetzt wurde, zog man es vor, die Gefahr zu ignorieren. Die Israelis waren froh, den libanesischen Sumpf hinter sich gelassen zu haben. Man konnte in Kirjat Schmona einkaufen und im See Genezareth baden, ohne vom Kampflärm gestört zu werden.

Natürlich wäre es besser gewesen, die Hisbollah zu entwaffnen, als dies noch mit wenig Aufwand möglich war. Aber eine solche Operation wäre nicht nur in Israel kaum zu vertreten gewesen, auch die Welt hätte Israel als Aggressor gebrandmarkt. So verschwand die Uno-Resolution 1559 im Nebel der Geschichte, und die Israelis, die nur in kurzen Zeiträumen denken und planen können, sagten sich: "Ichije tov", es wird schon gut gehen, irgendwie.

Und weil sie die nötigen Grausamkeiten nicht gleich am Anfang begangen haben, zahlen sie nun den doppelten Preis. Sie kämpfen gegen einen Gegner, den sie unterschätzt haben und stehen als Aggressoren am Pranger. Nicht nur am deutschnationalen und linksradikalen Rand der Zivilgesellschaft ist man sich einig, dass Israel die neue "internationale Völkermordzentrale" ist, auch aus der Mitte kommen ähnliche Töne. Statt auf Unschuldige zu feuern, solle Israel mit der Hisbollah verhandeln.

Man könnte meinen, die Hisbollah-Leute seien Kinder, die beim Spielen mit Streichhölzern in der Scheune ein wenig gezündelt haben, worauf die Israelis vollkommen durchgeknallt sind und Öl ins Feuer gegossen haben, damit der ganze Hof abbrennt. Solche Ansichten haben derzeit Hochkonjunktur in einem Land, in dem allen Ernstes darüber beraten wird, ob man ein ziviles Flugzeug, das von Terroristen entführt wurde, vorsorglich abschießen sollte. Israel dagegen soll in aller Ruhe abwarten, bis die Hisbollah ihre Raketen verschossen hat und hinterher eine Beschwerde bei Kofi Annan einreichen.

Auge um Auge, Soldat um Soldat

So tritt die "Wiedergutwerdung der Deutschen", die Eike Geisel schon vor 20 Jahren vorausgesagt hat, in die finale Phase. Der "Holocaust" wird outgesourct, er findet heute in Palästina statt. Was mit der Frage: "Warum haben sich die Juden nicht gewehrt?" begann, hört mit der kühlen Feststellung auf, dass die Juden nichts aus der Geschichte gelernt haben, dass sie den Palästinensern das antun, was die Nazis ihnen angetan haben. Und dass es die Aufgabe der Deutschen ist, sie zu ermahnen und zu erziehen. Ahmadinedschads willige Helfer wollen für Israel nur das Beste.

Der Theologe und Wanderprediger Jürgen Fliege erinnert Israel an "die gemeinsamen kulturellen und religiösen Wurzeln", die "unsere gemeinsamen Ahnen in der Thora festgesetzt haben". Der Satz "Auge um Auge, Zahn um Zahn" sei "keine Aufforderung, in der Not alle Hemmungen fallen zu lassen und Rache zu schwören, auf Teufel komm raus". Er bedeute heute: "Nur einen Soldaten für einen entführten Soldaten", alles andere gehe zu weit. In einer aberwitzigen Umkehr von Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion, Täter und Opfer appelliert Fliege an die Israelis, Maß zu halten. Dass er seinen Appell nicht an Nasrallah richtet, hat wohl damit zu tun, dass die "gemeinsamen kulturellen und religiösen Wurzeln" mit der Hisbollah noch so frisch sind, dass sie sich erst in aller Ruhe entwickeln sollen.

Obwohl sogar Joschka Fischer inzwischen eingesehen hat, dass der Konflikt mit der Hisbollah und der Hamas nicht um "besetzte Gebiete", sondern um Israels Existenz geht, findet es der Nahostexperte Michael Lüders beklagenswert, dass "nicht die israelischen Siedlungen in palästinensischen Gebieten" im Westen "als Problem wahrgenommen" würden, sondern "der Terror", der Israel in seiner Existenz bedrohe. Und er schreibt "Terror" tatsächlich in Anführungszeichen, was anzeigen soll, dass er nur in der subjektiven Wahrnehmung der Israelis vorkommt. Es sei die Politik des Westens "in der Region", die "sich selbst ihre Gegenkräfte" schaffe, "insbesondere in der Form des islamischen Fundamentalismus", schreibt Lüders, und rechtfertigt damit alles, was der islamische Fundamentalismus treibt.

"Allmacht der Achse Washington-Jerusalem"

Was aber wäre die Konsequenz aus dieser Erkenntnis, die Lüders auszusprechen sich - noch - geniert? Der Westen müsste Israel fallen lassen, um dem islamischen Fundamentalismus den Treibstoff zu entziehen. Die Botschaft steht unüberhörbar zwischen den Zeilen, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie laut vorgetragen wird. Fürs erste lässt es Lüders mit klammheimlicher Schadenfreude gut sein. "Selbst wenn es Israel gelänge, morgen Hamas und Hisbollah zu besiegen, gäbe es übermorgen neue Gruppen unter anderen Namen, die den Kampf gegen die Allmacht der Achse Washington-Jerusalem fortsetzen würden."

Im Gegensatz zu "Terror" setzt Nahostexperte Lüders "die Allmacht der Achse Washington-Jerusalem" nicht in Anführungszeichen, die ist für ihn real. Früher nannte man so etwas den "jüdisch-amerikanischen Griff nach der Weltherrschaft", heute wünscht sich nicht nur der iranische Präsident Ahmadinedschad "eine Welt ohne Zionismus", um den Weltfrieden zu retten.

Für die Israelis wird es langsam eng. Sie ahnen, dass sie diesen Krieg nicht gewinnen können, weil sie es mit einer Weltöffentlichkeit zu tun haben, die auch bei "asymmetrischen Konflikten" die Verhältnismäßigkeit der Reaktion anmahnt. Und weil alle Appelle, sich an das Völkerrecht und die Spielregeln zu halten, immer nur an Israel gerichtet werden, nie aber an diejenigen, die im Kampf gegen Israel alle Mittel für berechtigt halten.

Schaffen es die Israelis nicht, die Hamas und die Hisbollah zu besiegen, müssen sie sich andere Formen des Widerstands überlegen. Wie wäre es mit Sitzstreiks entlang der israelisch-libanesischen Grenze?

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: