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Debatte: Vergesst Multikulti, es lebe die Integration!

Der Diskussionsverlauf um die Gewaltexzesse an der Rütli-Schule ist absehbar: Die Konservativen erklären Multikulti für gescheitert, die Linken werden mehr Sozialarbeiter fordern. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit vernünftiger Politik, fragt der grüne Europaabgeordnete Cem Özdemir.

War es nicht geradezu absehbar, wie die Debatte um den Hilfeschrei der Rütli-Hauptschule laufen wird? Die Grünen fordern kleinere Klassen, eine bessere Ausbildung der Pädagogen und mehr Geld für Schulsozialarbeit – die Roten dürfen ja nicht, da sie in Berlin regieren und nichts zu verteilen haben. Und konservative Politiker stimmen einmal mehr den Abgesang auf die multikulturelle Gesellschaft an – was im konkreten Fall den Lehrern an der Schule sicher sehr viel helfen wird – und werfen Migranten mangelnde Integrationsbereitschaft vor.

Muslimische Mädchen in Mannheim: "Der Fehler liegt nicht bei den Kindern, der Fehler liegt im System."
DPA

Muslimische Mädchen in Mannheim: "Der Fehler liegt nicht bei den Kindern, der Fehler liegt im System."

Außenstehende Beobachter der deutschen Debatte um das angebliche Ende des “multikulturellen Traumes” und der “Wattebausch-Integration” könnten den Eindruck gewinnen, die Abkommen zur Anwerbung von Gastarbeitern in den fünfziger und sechziger Jahren seien von Claudia Roth unterzeichnet worden, der Bundeskanzler habe bis 1998 Joschka Fischer geheißen – ganz zu schweigen von all den grünen Ministerpräsidenten und Bildungsministern.

Dabei haben doch vor allem die beiden Volksparteien die Folgen einer gescheiterten Bildungspolitik zu verantworten. Gerade die Union hat sich viel zu lange der Einwanderungsrealität im Land und an den Schulen verweigert und war deshalb nicht in der Lage, die bildungspolitischen Konsequenzen für eine moderne Einwanderungsgesellschaft zu ziehen.

Eine multikulturelle Gesellschaft beziehungsweise vielmehr die Karikatur derselben, die gleichbedeutend ist mit einem Nebeneinander ohne Regeln und Grenzen – kein vernünftiger Mensch, ob nun Grün oder Schwarz, kann dies tatsächlich wollen.

Auf der anderen Seite führen Kinder mit einem schwierigen sozio-ökonomischen Hintergrund nicht an jeder Schule gleich zu Mord und Totschlag, wofür es ebenfalls genügend positive Beispiele gibt. Auch hier gibt es Möglichkeiten für eine gerechtere Bildungspolitik, sei es ein vernünftiger Klassenteiler oder muttersprachlich und pädagogisch hervorragend ausgebildetes Personal und Lehrer, die auf die spezifischen Probleme und Fähigkeiten der Kinder eingehen können. Auch "schwierige" Kinder und Jugendliche verfügen über Fähigkeiten und Talente, die mit entsprechendem Einsatz erkannt und gefördert werden können. Jeder Pädagoge weiß das, aber offensichtlich nicht jeder Bildungspolitiker.

Wie beim 100-Meter-Lauf

Der Fehler liegt nicht bei den Kindern, der Fehler liegt im System. Es ist wie beim 100-Meter-Lauf. Alles erscheint zunächst ganz fair, alle müssen dieselbe Strecke bewältigen. Nur ein kleines Detail stimmt nicht: Die einen haben ein Bein, die anderen eben zwei. Dies ist in etwa die Beschreibung des deutschen Grundschulsystems mitsamt der Trennung der Kinder in drei "weiterführende" Schulen.

Wenn wir eine substantielle Änderung unserer Bildungspolitik und unseres Schulsystems erreichen wollen, und es steht spätestens seit der Pisa-Studie außer Frage, dass dies notwendig ist, dann darf es dabei keinerlei Tabus und Denkverbote geben. Die Hauptschule und das dreigliedrige Schulsystem sind ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der Kinder auch beruflich noch in die Fußstapfen ihrer Eltern treten sollten.

Heute ist es so, dass Kinder von Akademikern und Beamten vor allem die Realschule oder das Gymnasium besuchen – Kindern von Arbeitern und Arbeitslosen ist die Haupt- oder gar Sonderschule vorbehalten.

Wer nicht bereit ist, über die frühe Trennung unserer Kinder nach der Grundschule entlang der Herkunft und Berufe ihrer Eltern zu diskutieren und wer für Ganztagsschulen kein Geld anfassen möchte, wer über Kindergärten und Kindertagesstätten mit einem umfassenden Angebot und an Hochschulen geschultem Personal nicht reden möchte, der sollte sich vielleicht doch besser mit Landwirtschaftspolitik beschäftigen.

Es ist Fakt: Bundesweit gilt, dass Kinder aus der Oberschicht eine viermal so hohe Chance besitzen, ein Gymnasium zu besuchen wie Kinder aus einem Arbeiterhaushalt - obwohl letztere über die gleichen Fähigkeiten in Mathematik und beim Textverständnis verfügen. Und es gibt weitere Beispiele für diese Form der institutionellen Diskriminierung im deutschen Schulsystem, von der im Übrigen nicht nur Migrantenkinder, sondern auch Kinder aus deutschen Arbeiterfamilien betroffen sind.

Dabei wird auch vergessen, dass Integration und Sozialisation eben nicht nur in der eigenen Familie und in der Schule stattfinden, sondern auch im Wohnzimmer einer deutschen Mittelschichtfamilie, deren wohlbehütete Kinder befreundet sind mit türkischen oder italienischen Kindern, die einen weniger verheißungsvollen familiären Hintergrund haben. Solche Freundschaften können im hochselektiven deutschen Schulsystem erst gar nicht entstehen, schon gar nicht in einem urbanen Umfeld.

Kindergartenbesuch als Pflicht

Wir müssen ernsthaft erwägen, den Besuch des Kindergartens, worauf jedes Kind ab drei Jahren einen gesetzlichen Anspruch hat, verpflichtend zu machen. Schließlich lehrt uns Pisa, wie wichtig bereits die Zeit vor dem Schuleintritt für den weiteren Bildungserfolg ist. Wenn der Besuch der Schule Pflicht ist, dann sollte dies auch für die heute mindestens ebenso bedeutende Phase davor gelten. Aber mit einer Pflicht ist es nicht getan – es braucht auch exzellent ausgebildete und motivierte Pädagogen. Das alles kostet Geld, wird es heißen.

Aber wenn Deutschland nicht bereit ist, wesentlich mehr in sein wichtigstes Gut zu investieren – das sind heute die Köpfe, nicht die Muskeln –, dann können wir jede Debatte über Bildungspolitik und Integration beenden. Die fehlende Bereitschaft, alles zu unternehmen, um unser Bildungssystem und unsere Bildungspolitik effizienter und damit auch gerechter zu gestalten, spiegelt sich im Übrigen auch in der fehlenden Wertschätzung des Berufs des Erziehers und Lehrers. Die besonders guten und talentierten Abiturienten dürften sich wohl eher für Jura oder BWL entscheiden und seltener für ein Lehramtsstudium.

Wer über soziale Gerechtigkeit spricht, der sollte allerdings den Schwerpunkt auch richtig setzen. So können Studenten sozial abgefederte Gebühren sicher eher zugemutet werden, als Eltern aus unteren Schichten, deren Kinder Vorschuleinrichtungen besuchen beziehungsweise besuchen sollen. Schließlich findet die eigentliche soziale Selektion weit vor dem Studium statt. Jedenfalls ist es kaum nachvollziehbar, dass eine Institution wie die vorschulische Bildung, die letztlich so elementar für die Zukunft unserer Kinder und damit für unsere Gesellschaft ist, nicht aus allgemeinen Steuermitteln getragen werden sollte.

Hierzulande wird viel über die demographische Alterung und ihre möglichen Folgen debattiert – vorausschauende bildungspolitische Maßnahmen für die bereits geborenen Kinder bleiben dabei außen vor.

Dies ist aber auch die Gelegenheit für Migrantenorganisationen, sich einzubringen. Wer Respekt für die Muttersprache, für die eigene Religion und Kultur einfordert, der muss auch mithelfen, jene Eltern zu erreichen, die Verantwortung gegenüber ihren Kindern und auch den nötigen Respekt gegenüber den pädagogischen Einrichtungen und seinem Personal vermissen lassen. Kinder, deren Kindheit sich irgendwo zwischen Fernseher und prügelnden Vätern abspielt, sind Opfer, die in der Schule selbst zu Tätern werden.

Der Teufelskreislauf der Gewalt muss deshalb durchbrochen werden. Dazu müssen unsere Bildungseinrichtungen aber auch in der Lage sein, im Ernstfall, am besten in Ganztagsschulen, auch "gegen" die Eltern und manche archaischen Werte zu erziehen. Der Erziehungsauftrag im demokratischen Rechtsstaat beinhaltet auch Erziehung zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung, Gleichberechtigung von Mann und Frau, sowie Respekt vor anderen Religionen und Kulturen.

Allerdings stellt die Situation auf dem Arbeitsmarkt jede Integrationspolitik vor große Hürden. Wir können viel über eine "kultursensible" Integrationspolitik debattieren – Integration für (junge) Erwachsene findet nicht zuletzt auf dem Arbeitsmarkt statt. Jedenfalls müssen wir uns fragen, warum Einwanderer etwa in den USA den sozialen Aufstieg schneller schaffen als im deutschen Sozialstaat. Wenn Eltern keinen Arbeitsplatz finden, wenn der inter-generationale Aufstieg nicht erfolgt, wenn die nächste Generation keine realistische Chance hat, ein Gymnasium und die Hochschule zu besuchen, läuft alles schief. Nicht Kultur ist das Zauberwort für eine gelingende Integration – sondern Arbeit und Bildung.

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