Debatte Warum Europa Bush widerstehen muss

Mit einem flammenden Aufruf mahnt der amerikanische Philosoph Richard Rorty die Europäer, gegenüber der Bush-Regierung standhaft zu bleiben. Amerikas Anspruch auf weltweite Vorherrschaft sei ein schrecklicher Fehler. Wenn Europa jetzt nicht zusammenhalte, werde es nie wieder eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der Welt spielen.


US-Kampfjet auf Flugzeugträger: Symbol für amerikanisches Hegemoniestreben
AP

US-Kampfjet auf Flugzeugträger: Symbol für amerikanisches Hegemoniestreben

München - "Washington wird alle Kräfte aufbieten, um die EU-Mitglieder zu entzweien", schreibt der amerikanische Philosoph Richard Rorty in einem Aufruf, den die Süddeutsche Zeitung in ihrer heutigen Ausgabe veröffentlicht: "Denn das letzte, was Washington will, ist ein Europa, dessen Einigkeit und Selbstsicherheit es befähigt, die amerikanische Hegemonie in Frage zu stellen." Deshalb müssten sich die Staaten des alten Europas zusammentun, um in einer gemeinsamen Anstrengung eine neue kosmopolitische Ordnung auf der Basis des Völkerrechts voranzutreiben.

Rortys Aufruf ist teil einer spektakulären Gemeinschafts-Aktion, mit der führende Intellektuelle eine Debatte zur Zukunft Europas in Gang bringen wollen. Am heutigen Samstag veröffentlichen sie in großen Tageszeitungen Europas, darunter die "Franfurter Allgemeine Zeitung", die "Neue Zürcher Zeitung" und "das französische Blatt "Libération", Beiträge, mit der sie die Suche nach einer neuen Vision für Europa anfeuern wollen.

Mit flammenden Worten mahnt Rorty die Europäer, standhaft zu bleiben. Für die Kriegsgegner in Amerika wäre es eine Tragödie, wenn sich die europäischen Staatsmänner erneut der US-Administration fügen würden. Dann sei das nächste Abenteuer der Bush-Regierung bereits Gewissheit.

Schon erkennt der US-Wissenschaftler Anhaltspunkte für eine gefährliche Schwächung: "Beängstigender noch als der schikanöse Ton, den Präsident Bushs Berater anschlagen, ist allerdings die Tatsache, dass die europäischen Regierungschefs und Außenminister in ihre schlechten, alten Gewohnheiten zurückfallen. Sie wetteifern miteinander um die Gunst Washingtons." So werde es der Bush-Regierung leicht fallen, die europäischen Staaten dahin zu bringen, "wie Schulkinder um das Wohlwollen des Lehrers zu wetteifern".

Um Amerika und des Weltfriedens willen brauche es dagegen ein starkes Europa. "Wenn aber die Bürger und die Regierungen Europas jetzt nicht die Stunde nutzen", ruft Rorty die Politiker an, "wenn sie sich nicht konsequent gegen den amerikanischen Unilateralismus wenden, dann wird wohl Europa nie wieder eine entscheidende Rolle bei der künftigen Gestaltung der Welt spielen."

Die Bush-Regierung habe eine dauerhafte "Pax Americana" im Sinn, die auf US-Hegemonie angelegt ist. Der Krieg gegen den Terrorismus diene als Vorwand für alles, was die US-Regierung anstellen wolle: Das Beharren auf dauerhafter militärischer Vorherrschaft. Das allerdings werde zwangsläufig, wenn China und andere Nationen erstarken, zu einem neuen Kalten Krieg, zu einer neuen globalen Konfrontation führen.

Die Alternative dazu müsse von der Europäischen Union kommen: "Wenn die Projekte einer neuen internationalen Ordnung, Ergebnis einer Übereinkunft der Regierungen Kerneuropas, irgendeinen Nutzen haben sollen, dann werden sie von jenem Idealismus geprägt sein müssen, den aufrecht zu erhalten Amerika offenbar unfähig geworden ist", schreibt Rorty: "Die EU wird der Welt eine Vision der Zukunft aufzeigen müssen, auf die Washington mit verächtlichem Spott reagieren wird. Sie wird Vorschläge unterbreiten müssen zur Umarbeitung der UN-Charta und zur Führungsrolle der UN in einem weltweiten Atomabrüstungs- Programm. Sie wird Träume träumen müssen, die Realpolitikern absurd vorkommen."

Während Amerikas Politik ein Desaster allenfalls hinauszögern kann, könnten die Europäer nichts weniger, als eine neue Weltordnung schaffen und damit "die Welt retten."



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