Debatte zum Jahrestag des Irak-Kriegs "Recht gehabt zu haben hilft nicht weiter"

Der Irak-Konflikt hat die Welt für immer verändert. Saddam wurde gestürzt, doch das Land nicht befriedet und der Westen gespalten. Ein Jahr nach dem US-Einmarsch in den Irak hat SPIEGEL ONLINE Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland gebeten, ihre Gedanken zum Krieg aufzuschreiben


Menschenrechtsbeauftragte Roth
MARCO-URBAN.DE

Menschenrechtsbeauftragte Roth

Claudia Roth, Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung

"Ein Jahr nach einem unbegründbaren Krieg, einem Krieg ohne glaubwürdige Beweise von Massenvernichtungswaffen, einem Krieg ohne UN-Mandat, einem Krieg ohne Nachkriegskonzept, einem Krieg ohne Zustimmung der Bevölkerungsmehrheiten in vielen Ländern ist es ein schreckliches Gefühl, wenn die damaligen Befürchtungen heute eintreten. Aber, Recht gehabt zu haben hilft nicht weiter: Jetzt ist es gemeinsame Aufgabe zu helfen, den Teufelkreis der Gewalt zu durchbrechen und den politischen demokratischen Aufbau des Irak auf der Basis der Universalität der Menschenrechte zu unterstützen. Bei jedem neuen Anschlag zeigt sich die bittere Wahrheit, dass die Abwesenheit von Krieg nicht Frieden ist."

Journalist Schmid
Wonge Bergmann

Journalist Schmid

Thomas Schmid, Politikchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
"Ich habe den Krieg eher befürwortet. Warum die Situation im Irak zu Teilen nun so chaotisch ist, ist wirklich schwer zu erklären. Die Amerikaner sind ja - anders als viele hier zu denken scheinen - nicht genetisch dumm, und verfügen über beträchtlichen strategischen Verstand. Dennoch haben sie eine Reihe von Dingen falsch eingeschätzt. Die Vorstellung, dort mal eben die Demokratie einzuführen, war zu naiv. Ich frage mich, warum die USA nicht anders aufgetreten sind: zwar durchaus mit dem gleichen Freiheitspathos, aber dabei zugleich etwas skeptischer. Zum Beispiel wundert mich ihr fast blindes Vertrauen in die Exil-Iraker, die in ihrem Heimatland erkennbar völlig isoliert waren und es zum Teil auch nicht mehr gut kannten. Warum sind die Amerikaner denen so auf den Leim gegangen? Die USA sind ja eigentlich eine kluge Weltmacht.
Was mich seit langem ärgert, ist der triumphierende Ton, in dem die deutschen Medien über jeden Toten, jede Schiiten-Demonstration, jeden Aufruf zum Widerstand berichten. Es mangelt völlig an der Neugier gegenüber den positiven Entwicklungen, die es im Irak auch gibt und die vielleicht wichtiger als die für die Medien guten schlechten Nachrichten sind."

Think-Tank-Chef Bertram
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Think-Tank-Chef Bertram

Christoph Bertram, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin
"Die Welt hat sich nicht verändert, vielmehr sind die alten Wahrheiten bestätigt worden: Dass die einzige Weltmacht nicht allmächtig ist, sondern Verbündete braucht. Dass der Kampf gegen internationalen Terrorismus nicht mit Waffengewalt entschieden wird. Dass es zu den schwierigsten - wenn auch gelegentlich notwendigen - Aufgaben gehört, Gesellschaften von außen zu verändern, obwohl niemand bisher weiß, wie man das macht. Dass die Uno unersetzlich ist. Schließlich daß ohne enge transatlantische Zusammenarbeit internationale Ordnung scheitern muß. Kurz: Eine Niederlage für die Neo-Konservativen, ein Sieg für den Common Sense."

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