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28. Mai 2007, 10:40 Uhr

Demografie

Das Leiden der jungen Männer

Von Franz Walter

Alle klagen über die Vergreisung Deutschlands. Dabei hätte die Gesellschaft ganz andere Probleme, wenn sie jünger wäre. Eine Studie zeigt, wie verloren junge Männer sich fühlen - in der Geschichte stets ein Grund für Unheil.

Deutschland ist zu alt. In diesem knappen Urteil treffen sich die meisten Interpreten der gesellschaftlichen Zustände. Zwar hat man derzeit den Eindruck, dass die allergröbsten apokalyptischen Bilder über ein vergreistes Volk tattriger Deutscher den Zenit alarmistischer Resonanz schon überschritten haben. Doch wird die Sorge über den Mangel an Vitalismus und elastischer Dynamik in der Bundesrepublik der nächsten 50 Jahre so bald nicht nachlassen.

Junge Männer: Fehlende Vorstellung vom guten Leben
DDP

Junge Männer: Fehlende Vorstellung vom guten Leben

Nun sind solche Bedenklichkeiten ja keinesfalls rundum abstrus. Und doch darf man sich ein kleines bisschen wundern, dass gerade die Deutschen dem Mythos der Jugend nicht etwas resistenter gegenüberstehen. Schließlich ist es noch nicht gar so lange her, dass die Deutschen in Europa die jüngste Nation bildeten, dass sie das rasanteste Bevölkerungswachstum auswiesen - und nicht zuletzt dadurch eine Menge martialischer Schrecken verbreiteten. Zum Ende des 19. Jahrhunderts war keine Bevölkerung auf diesem Erdteil jünger als die deutsche, mit einer Ausnahme: die des zaristischen Russlands. In beiden Gesellschaften fand man - hier ökonomisch, dort kulturell - fraglos ungewöhnlich vitalistische Bewegungen, aber eben auch bedenklich gereizte, nervöse, überspannte, aggressive Mentalitäten. Das führte ziemlich direkt in den Weltkrieg Numero Eins und in die "Große Sozialistische Oktoberrevolution".

In Deutschland strömten die Angehörigen des riesigen Geburtenberges der Jahrhundertwende dann in den Zeiten der Weimarer Republik auf den Arbeitsmarkt. Präziser: Sie versuchten, dorthin zu strömen. Aber der überfüllte Markt wies sie rigide ab. Die Frustration der kraftstrotzenden, aber ökonomisch nicht nachgefragten jungen deutschen Menschen nährten sodann den juvenilen Politikextremismus von NSDAP und KPD. Und ganz ähnliche Erscheinungen findet man auch aktuell in den jungen Nationen jenseits von Europa. Die überschüssigen Kräfte einer oft nicht gebrauchten männlichen Jugend übersetzen sich abermals in Bandenmilitanz verschiedenster Couleur.

Kurzum: In der "Jeunesse" einer Nation liegt nicht nur Glück und Segen. Mehr noch: Hätte die Berliner Republik in den letzten fünf Jahren über eine ähnliche demographische Struktur wie die der Weimarer Gesellschaft verfügt - rund ein Viertel der Bevölkerung war seinerzeit zwischen 14 und 25 Jahren - dann hätten wir uns vermutlich mit einigen zusätzlichen sozialen und politischen Problemen von denkbar höchster Brisanz herumschlagen müssen. Schließlich zeigt eine neuere Untersuchung, die das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend beim Heidelberger Sinusinstitut in Auftrag gegeben hat, wie verunsichert auch so schon die im Grunde eher privilegierten jungen männlichen Erwachsenen mit Abitur auf die gesellschaftliche Lage reagieren.

Studie: Junge Männer haben Angst vor Versagen

Die Expertise handelt von den Lebensentwürfen und Rollenbildern "20-jähriger Frauen und Männer heute". Die Ergebnisse der Studie sind in der Tat eindrucksvoll. Sie illustrieren markant, wer das genuine Ferment der gegenwärtig vielzitierten Chancen- und Optionsgesellschaft ist: Die jungen, besser ausgebildeten jungen Frauen. Ihr Weltbild ist durch und durch optimistisch gefärbt. Sie äußern sich vergnügt, das nach dem Abitur etwas Neues beginnt. Sie freuen sich auf den Orts- und Wohnungswechsel, auf das Studium, auf die Chance ins Ausland zu gehen. Und sie sind überwiegend bemerkenswert zuversichtlich, demnächst in einem interessanten, ausfüllenden Beruf arbeiten zu können. Sie vertrauen dabei auf ihre eigene Intelligenz, Durchsetzungsfähigkeit und Disziplin, erwarten keine Hilfen von administrativen Gleichstellungsregelungen, appellieren nicht primär an staatliche Sekundanz.

Anders als die Frauen entwickeln die jungen Männer eine Paranoia des Scheiterns

Frau - so die Resultate der Erhebung - will es eben alleine schaffen. Zugespitzt formuliert: Die jungen akademischen Frauen des Jahres 2007 wirken nachgerade wie das ideale Subjekt eines neuen Liberalismus. Und es ist schon verblüffend, wie wenig politischen Nutzen die neoliberalen Freidemokraten des Herrn Westerwelle während der letzten Jahre aus der femininen Gelegenheit gezogen haben. Doch ist der FDP-Liberalismus politisch zu eng, habituell zu triste, sprachlich und sozial zu unsensibel, um die Kernträgerinnen der Wissensgesellschaft zu erreichen. Leistungsorientierter Individualismus, kulturelle Vielsprachigkeit, ökologische Ernsthaftigkeit und kommunitäre Empathie - mit einem Liberalismus dieser Facon wäre der akademische Nachwuchs im weiblichen Deutschland wohl zu gewinnen.

Die jungen Männer mit Abitur präsentieren sich in einer ganz anderen Verfassung. Sie repräsentieren die Kehrseite der Chancen- und Optionsmedaille: Die grassierende Angst davor, sich falsch zu entscheiden, die Furcht vor dem Versagen, dem Scheitern. Auch sie sind in den neunziger Jahren groß geworden, in der neureichen Stimmung des Anything Goes. Doch hat sie der Einbruch nach 2001, die Krise und Depression seither weit stärker getroffen als die gleichaltrigen Frauen. Seit der Oberstufenzeit werden sie von Lehrern und Eltern mit erhobenem Zeigefinger gemahnt, an gute Noten zu denken, das richtige, also zukunftsträchtige Studienfach auszuwählen, nicht - wie ganze Studentengenerationen vor ihnen - schweifend nach Wahrheit und Erkenntnis, Lebenssinn und Lebensgenuss zu suchen, sondern ohne Verzug zum Abschluss zu kommen.

Neue Männerexistenz: Macho und Märchenerzähler

Einiges davon werden gewiss auch die jungen studierenden Frauen von ihren Eltern und materiellen Zuwendern zu hören bekommen. Doch reagieren sie darauf erkennbar gelassener, weniger bedrückt als ihre männlichen Pendants. Die Sinus-Familienministeriums-Untersuchung zeigt auf nahezu beklemmende Weise, wie sehr sich die jungen Männer mit Hochschulreife im Jahr 2007 mental überfordert, im Fortgang der weiteren Biographie elementar verunsichert fühlen. In der Tat, die Erwartungen, die an sie gerichtet werden, sind gewachsen, sind vor allem erheblich heterogener, ja widersprüchlicher geworden. Und für die neue Heterogenität nicht ganz leicht kompatibler Rollen fehlen noch die orientierenden Maßstäbe, mangelt es gleichsam an einer neuen Philosophie der Männerexistenz im 21. Jahrhundert. So wächst sich bei den 20-Jährigen männlichen Geschlechts eine spezifische Bangigkeit fast schon zum Trauma aus: Sie halten es für möglich, mit größten Anstrengungen zwar alle Erwartungen zu realisieren - am Ende aber doch als Gescheiterte dazustehen.

Das Paranoia des Scheiterns bezieht sich dabei keineswegs allein auf die Berufsperspektive, sondern im erheblichen Maße auf das Verhältnis zu den gleichaltrigen Frauen. Die zwanzigjährigen Männer tragen nach wie vor am Anspruch, künftig als Haupternährer der Familie zu agieren, Karriere machen zu müssen, in der Leistungsgesellschaft sich mit Härte durchzusetzen, sich als einsamer Wolf in der freien und rauen Wildbahn zu behaupten. Zugleich aber wissen sie, akzeptieren es kognitiv auch, dass ihre (potentiellen) Partnerinnen zudem andere Eigenschaften und Verhaltensweisen von ihnen verlangen. Sie sollen später die Familie nicht dem Beruf unterordnen, sollen in gleichen Teilen wie die Frau am Haushalt mitwirken, sollen sich gleichverantwortlich um die Betreuung wie Erziehung der Kinder kümmern, sollen einfühlsame Versteher, Zuhörer, zuweilen auch Seelsorger sein.

Das alles gilt im modernen Diskurs der modernen deutschen Gesellschaft als durchweg selbstverständlich. Aber die 20-jährigen Männer haben mit den disparaten Rollenanforderungen erkennbar die größten Probleme. Denn schließlich: Ein bisschen sollen sie auch weiterhin Machos sein, nach überlieferter Art auf die Jagd um die Beute gehen; doch sollen sie auch Zartheit zeigen, Sensibilität und Compassion besitzen. Man(n) hat als Ass im harten Wettbewerb der Karrieren den Rivalen rüde und erfolgreich aus dem Feld zu schlagen; zugleich aber auch als Vorbild am Wickeltisch und phantasievoller Erzähler von Märchen und Geschichten aus Bullerbü zu überzeugen. Und selbst wenn sie all diese Rollen virtuos miteinander kombinieren, könnten sie - so die tiefsitzende Grundbesorgnis der 20-jährigen Männer - am Ende dann doch von ihrer Partnerin "verlassen werden".

Ein Zufall ist es sicher nicht, dass einige der von Sinus befragten 20-jährigen Männer ihre bange Zukunftsprojektion im Passiv ausdrücken. Sie sehen sich mehr und mehr als Opfer der Entwicklung, jedenfalls nicht so recht als souveräne Architekten und Planer der eigenen Lebensentwürfe. Man mag über dieses Opfersyndrom den Kopf schütteln, man mag über einige der jungen männlichen Klagen spotten. Aber in der Befindlichkeit dieser Gruppe deuten sich Schlüsselprobleme des 21. Jahrhunderts an: Die Vermehrung individueller Optionen bedeutet stets auch die Multiplikation von individuell zu ertragenden Fehlentscheidungen; großartige Chancen werden mit verheerend verpassten Gelegenheiten korrelieren; die Rollen werden multipler und immer schwieriger auszubalancieren - und all diesen Prozessen fehlt die regulative Idee, eine handlungsorientierende, auch Sicherheit vermittelnde Vorstellung vom "richtigen und anständigen Leben".

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