Demografie: Das Leiden der jungen Männer
Alle klagen über die Vergreisung Deutschlands. Dabei hätte die Gesellschaft ganz andere Probleme, wenn sie jünger wäre. Eine Studie zeigt, wie verloren junge Männer sich fühlen - in der Geschichte stets ein Grund für Unheil.
Deutschland ist zu alt. In diesem knappen Urteil treffen sich die meisten Interpreten der gesellschaftlichen Zustände. Zwar hat man derzeit den Eindruck, dass die allergröbsten apokalyptischen Bilder über ein vergreistes Volk tattriger Deutscher den Zenit alarmistischer Resonanz schon überschritten haben. Doch wird die Sorge über den Mangel an Vitalismus und elastischer Dynamik in der Bundesrepublik der nächsten 50 Jahre so bald nicht nachlassen.
Junge Männer: Fehlende Vorstellung vom guten Leben
In Deutschland strömten die Angehörigen des riesigen Geburtenberges der Jahrhundertwende dann in den Zeiten der Weimarer Republik auf den Arbeitsmarkt. Präziser: Sie versuchten, dorthin zu strömen. Aber der überfüllte Markt wies sie rigide ab. Die Frustration der kraftstrotzenden, aber ökonomisch nicht nachgefragten jungen deutschen Menschen nährten sodann den juvenilen Politikextremismus von NSDAP und KPD. Und ganz ähnliche Erscheinungen findet man auch aktuell in den jungen Nationen jenseits von Europa. Die überschüssigen Kräfte einer oft nicht gebrauchten männlichen Jugend übersetzen sich abermals in Bandenmilitanz verschiedenster Couleur.
Kurzum: In der "Jeunesse" einer Nation liegt nicht nur Glück und Segen. Mehr noch: Hätte die Berliner Republik in den letzten fünf Jahren über eine ähnliche demographische Struktur wie die der Weimarer Gesellschaft verfügt - rund ein Viertel der Bevölkerung war seinerzeit zwischen 14 und 25 Jahren - dann hätten wir uns vermutlich mit einigen zusätzlichen sozialen und politischen Problemen von denkbar höchster Brisanz herumschlagen müssen. Schließlich zeigt eine neuere Untersuchung, die das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend beim Heidelberger Sinusinstitut in Auftrag gegeben hat, wie verunsichert auch so schon die im Grunde eher privilegierten jungen männlichen Erwachsenen mit Abitur auf die gesellschaftliche Lage reagieren.
Studie: Junge Männer haben Angst vor Versagen
Die Expertise handelt von den Lebensentwürfen und Rollenbildern "20-jähriger Frauen und Männer heute". Die Ergebnisse der Studie sind in der Tat eindrucksvoll. Sie illustrieren markant, wer das genuine Ferment der gegenwärtig vielzitierten Chancen- und Optionsgesellschaft ist: Die jungen, besser ausgebildeten jungen Frauen. Ihr Weltbild ist durch und durch optimistisch gefärbt. Sie äußern sich vergnügt, das nach dem Abitur etwas Neues beginnt. Sie freuen sich auf den Orts- und Wohnungswechsel, auf das Studium, auf die Chance ins Ausland zu gehen. Und sie sind überwiegend bemerkenswert zuversichtlich, demnächst in einem interessanten, ausfüllenden Beruf arbeiten zu können. Sie vertrauen dabei auf ihre eigene Intelligenz, Durchsetzungsfähigkeit und Disziplin, erwarten keine Hilfen von administrativen Gleichstellungsregelungen, appellieren nicht primär an staatliche Sekundanz.
- 1. Teil: Das Leiden der jungen Männer
- 2. Teil: Anders als die Frauen entwickeln die jungen Männer eine Paranoia des Scheiterns
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- Montag, 28.05.2007 – 10:40 Uhr
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