Finanzkrise Rückkehr der Rituale

An die Wand mit den Bankern! Krisen verlangen schließlich nach radikalen Maßnahmen - und nach entschlossener Führung. Und so balgen sich Europas Politiker derzeit hingebungsvoll darum, der Wichtigste und Größte zu sein. Christoph Schwennicke kommentiert das Politik-Theater.


Was Neues in Sachen Krise? US-Präsident Barack Obama hält weiter grandiose Reden und hat viel vor. Aber hier, in Europa, in Deutschland? Nicht viel. Doch halt, da ist etwas Neues: ein Vorschlag. Ken Livingstone, der frühere Bürgermeister von London, Europas Bankenhauptstadt, hat ihn gemacht:

"Honestly, we should shoot one banker a week until the others improve."

Jede Woche einen Banker erschießen, bis die anderen sich besinnen - Livingstone sagte das dem "Evening Standard", einem Londoner Blatt, dem er noch etwas schuldig war. Einem jüdischen Reporter des Standard hat er mal bescheinigt, dieser lege Züge eines Wächters in einem Nazi-Konzentrationslager an den Tag.

Britischer Premier Brown, Frankreichs Präsident Sarkozy: Wer ist der Erste, Größte und Wichtigste?
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Britischer Premier Brown, Frankreichs Präsident Sarkozy: Wer ist der Erste, Größte und Wichtigste?

Drastisch, der Vorschlag des roten Ken, aber ein konkreter Vorschlag, immerhin. Ansonsten ist leider zu beobachten, dass auf dem alten Kontinent die Lösung der großen Krise erhebliche Gefahr läuft, hinter den kleinkarierten Ritualen und Egos der Handelnden zu verschwinden.

Gerangel vor den Scheinwerfern, Scheinheiligkeit und Wichtigtuerei im Gewand der Expertise, wohin man schaut. Zu Beginn der Krise hatte der Wirtschaftsforscher Klaus Zimmermann vorgeschlagen, angesichts der Lage das alberne Wettrennen der Prognosen vorläufig einzustellen. Dazu kam es leider nicht. Die Herren - immerhin - hielten ihre Eitelkeit eine Weile jedoch in ungewohntem Zaum.

Jahrmarkt der Eitelkeiten

Aber dann hat es Norbert Walter nicht mehr ausgehalten. Ausgerechnet der sogenannte Chefvolkswirt von Josef Ackermanns Deutscher Bank, die einst 25 Prozent Rendite wollte und mit diesem obszönen Gewinnstreben den Ballon mit aufblies, der jetzt platzte, der Hof-Ökonom dieser Bank also orakelt nun von fünf Prozent Minuswachstum - und sichert sich den ersten Platz.

Norbert Walter, Krisengewinnler der selbstverursachten Krise. Der Ball lag sozusagen auf dem Elfmeterpunkt, kein Torwart im Kasten, da hat er draufgehalten, der Walter. Seine fünf Prozent Abschwung sind seither Rekord, aber es wird sich einer finden, der weniger prognostiziert. Da ist noch Luft nach unten. Sechs Prozent? Wer will, wer mag? Herr Sinn, Herr Rürup? Zum ersten, zum zweiten...

So wie die Experten wieder um die Pole Position der düstersten Prognose rangeln, dreht sich auch in der Politik wieder alles darum, der Erste, Größte und Wichtigste zu sein. Der Brite Gordon Brown und nicht Angela Merkel oder Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy also darf sich freuen, Barack Obama im Amt als erster Europäer die Hand zu schütteln und mit ihm über die Krise zu reden.

Nach Tony Blair natürlich, aber der lief außer Konkurrenz. Sarkozys Komplex als kleiner Mann wiederum ist so groß, dass sich Angela Merkel bei einem Berliner EU-G-20-Vortreffen in der abschließenden Pressekonferenz einen Trick einfallen lassen musste - um zu vermeiden, dass er sich zurückgestuft fühlt hinter den EU-Ratspräsidenten aus Tschechien. Die Tschechen werden als amtierende Ratspräsidentschaft in diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten ohnehin komplett an die Wand gedrückt. Krise ist jetzt Chefsache, egal, wem der Kalender gerade den Vorsitz in der Europäischen Union zuweist.

Deutschlands falscher Hochmut

Nur: Wer ist der Chef? Nicolas Sarkozy und Gordon Brown sehen sich beide in der Rolle der wahren Weltenretter. Brown hat im Unterhaus den schönen Versprecher getan, er sei dabei, die Welt zu retten. Und auch von Sarkozy gibt es ein Zitat, das besagt, dass dafür eigentlich nur er in Frage komme.

Nicht was man tut, steht im Mittelpunkt, sondern wer was tut. Oder wer so tut, als ob er was tut. Brown will zwar gar nicht, dass den Finanzjongleuren in der Londoner City auf die Finger gehauen wird, behauptet in Berlin bei Merkels Vorbereitungstreffen vergangene Woche dennoch das glatte Gegenteil und am Wochenende in Brüssel beim EU-Treffen ebenso. "Will the real Gordon Brown please stand up?" höhnt der Guardian. Aber den G-20-Gipfel im April, den hat Brown sich gesichert und möchte am liebsten, dass jenes Treffen gleich als neues Bretton Woods in die Geschichte eingeht.

Die Vernunft hat schon in der Frühphase der Krise nicht ausgereicht, Eigeninteressen und Eitelkeiten beiseite zu lassen und eine konzertierte Aktion in Europa gegen die Krise auf die Beine zu stellen - vornehmlich, weil die deutsche Regierung Angst hatte, für den Schlamassel der kollabierenden Finanzindustrie und des einbrechenden Immobilienmarktes auf den britischen Inseln zur Kasse gebeten zu werden. Jeder war sich selbst der Nächste, oder sah sich wie Deutschland in einer besseren Position.

Das war falscher Hochmut. Inzwischen steckt die Schlote-Industrie in Deutschland ebenso tief in der Krise wie die Geldindustrie an der Themse, und viel Zeit ist ungenutzt verstrichen. Das hätte man wissen können.



insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
Rübezahl 02.03.2009
1. An die Wand mit den Bankern
Warum auch nicht, was spricht dagegen ?
Tom_63, 02.03.2009
2. So oder auch anders wäre das gut
Zitat von sysopAn die Wand mit den Bankern! Krisen verlangen schließlich nach radikalen Maßnahmen - und nach entschlossener Führung. Und so balgen sich Europas Politiker derzeit hingebungsvoll darum, der Wichtigste und Größte zu sein. Christoph Schwennicke kommentiert das Politik-Theater. http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,610391,00.html
Die Banker haben auch unser Geld verheizt also nehmt ihnen ihres wieder weg. Uns geht es auch nicht super, warum soll es denen besser gehen? Das Geld von diesen Managern und Bankern sollte sofort in Arbeitsschaffende Projekte investiert werden. Privatvermögen der Banker weg und scharfe Regeln her, dann kommt sowas sicher nicht mehr vor. Irgendwann muss einer anfangen und warum nicht wir? Klar sollte der Banker eine Prämie bekommen, wenn er wirklich gut gearbeitet hat, ansonsten gibt es nicht. Dasselbe gilt für Manager der grossen Firmen.
acitapple 02.03.2009
3. nicht immer auf die bänker !!
klar, sie haben mit beiden händen ins klo gelangt. aber die politiker haben die brille für sie hochgehalten und die lobbyisten haben nachgespült und die ratingagenturen haben behauptet es befindet sich gold in der schüssel - ganz tief unten. den bänkern ans private vermögen zu gehen ist sicherlich eine effektive massnahme, ABER: bis zur wahl wird sich da nichts tun und danach schon gar nicht. immerhin haben die politiker auch angst um ihre "nebeneinküfte". und sollte was kommen wird es so voller schlupflöcher sein, dass sich die verursacher nicht drum scheren müssen.
M@ESW, 02.03.2009
4. _
Zitat von Tom_63Die Banker haben auch unser Geld verheizt also nehmt ihnen ihres wieder weg. Uns geht es auch nicht super, warum soll es denen besser gehen? Das Geld von diesen Managern und Bankern sollte sofort in Arbeitsschaffende Projekte investiert werden. Privatvermögen der Banker weg und scharfe Regeln her, dann kommt sowas sicher nicht mehr vor. Irgendwann muss einer anfangen und warum nicht wir? Klar sollte der Banker eine Prämie bekommen, wenn er wirklich gut gearbeitet hat, ansonsten gibt es nicht. Dasselbe gilt für Manager der grossen Firmen.
Genau, sofortige Vollhaftung für jeden Angestellten, diese gesetzlichen und vertraglichen Haftungsregelungen sind eh nur unnützer Papierkram.
NilsBoedeker 02.03.2009
5. Re: Finanzkrise: Rückkehr der Rituale
> Und so balgen sich Europas Politiker derzeit > hingebungsvoll darum, der Wichtigste und Größte zu sein. Jaja... Neben den Bankern sind die Verursacher gleich an Stell e 2 die Politiker welche den rechtlichen/politischen Rahmen für die Finanzkrise gesetzt haben. Das sollten die "Politiker" die jetzt rumerzählen nicht vergessen !!!
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