Folgen einer Hetzjagd Verlogene Rituale

Trauer und Betroffenheit werden gezeigt nach der Jagd auf acht Inder in Mügeln - aber auch feinsinnige Differenzierungen gemacht. Dies alles verstellt nur den Blick auf die nackten Tatsachen: Es war ein rechtsradikaler Angriff, solche Angriffe sind systematisch - und sie werden nicht ernst genug genommen.

Von Michael Kraske


Es ist ein trauriges Déjà-vu. Der Bürgermeister, der keine Rechtsextremisten in der Stadt hat. Die Polizei, die in alle Richtungen ermittelt, aber nach einigen Tagen keinen rechtsextremen Hintergrund erkennen kann. Der Ministerpräsident, der Aktivität vorgaukeln will und eine Konferenz ankündigt. Auch die Zerknirschung der Bundeskanzlerin passt zu diesem deutschen Ritual. Nach der Hetzjagd von Mügeln lässt Nebelwerferei den Blick auf Tatsachen verschwimmen, die gar nicht so kompliziert sind wie behauptet. Es gab offenbar eine Rangelei zwischen einem Deutschen und einem Inder auf der Tanzfläche des Volksfestes im sächsischen Mügeln. Ganz sicher gab es einen Mob, der die Inder durch die Stadt hetzte, nachdem diese das Fest verlassen hatten. Die ausländerfeindlichen Parolen, die vor der Pizzeria gebrüllt wurden, dürfen ebenfalls als gesichert gelten.

Man muss sich sehr wundern, wenn nach der Tat der Landespolizeipräsident Bernd Merbitz verkündet, dass die Polizei in alle Richtungen ermittle. Wenn wenig später sogar Anhaltspunkte für ein generell fremdenfeindliches Motiv für die Menschenjagd fehlen. Wenn Ministerpräsident Milbradt davor warnt, voreilige Schlüsse zu ziehen. In der Diskussion werden alle Register gezogen, das Offensichtliche wegzuinterpretieren: Acht Inder wurden gejagt und geschlagen, weil sie Inder waren. Wenn Sachsens Innenminister Buttolo ausschließt, dass eine rechte Gruppierung hinter der Gewaltorgie stehe, bedeutet das nicht, dass es keine rechte Tat war.

Es gibt seit 2001 eine neue Zählweise für rechtsextreme Straftaten. Danach soll eine Tat als politisch motivierte Kriminalität rechts (PMK-r) eingestuft werden, wenn die Straftat nicht dem Opfer persönlich gilt, sondern wenn das Opfer aufgrund seiner Gruppenzugehörigkeit etwa als Ausländer verprügelt wird. Es ist nicht anzunehmen, dass Dutzende Verfolger in den Indern persönliche Rivalen um die Schönheiten auf der Tanzfläche sahen. Die Einschätzung der Polizei vor Ort steht damit im Widerspruch zu Vorgaben des Bundesinnenministeriums.

Wenn ein Mob Ausländer angreift, ist das eine rechtsextreme Tat

Der Fall Mügeln ist typisch, was die Konfusion über die Bewertung angeht, aber auch für den Tatort und die Tat selbst. Denn auf ostdeutschen Volksfesten werden Ausländer regelmäßig Opfer rechter Gewalt. Viele, die nicht deutsch aussehen, meiden diese Feste, weil sie die Dynamik fürchten, die sich aus fremdenfeindlicher Gesinnung, Gruppen junger einheimischer Männer und Alkohol ergeben kann.

Dass sich rechte Gewalt spontan entlädt ist die Regel. Das heißt wiederum nicht, dass sie wahllos oder ideologiefrei wäre. "Eine spontane Tat spricht dafür, dass sich die Täter vorher einig werden mussten, wer der Feind ist und was zu tun ist", sagt der Koordinator der ostdeutschen Opferberatungsstellen, Dominique John. Anders ausgedrückt: Schwarze oder in diesem Fall Inder werden wie in einem Reiz-Reaktions-Schema zum Opfer, weil sie in ein klar definiertes Feindbild passen.

Es ist zwar richtig, dass Ausländerfeindlichkeit und Rassismus nur ein Baustein des Rechtsextremismus ist. Aber die Ideologie der Ungleichheit ist dessen Kern, aus dem sich die die wichtigste Forderung ergibt: Ausländer raus! Wenn also ein Mob Ausländer von einem Volksfest jagt und sie angreift, weil sie Ausländer sind, ist das eine rechtsextreme Tat, aus der spricht: Ausländer haben hier nichts zu suchen. Es ist sehr konkret und für den Augenblick eine national befreite Zone geschaffen worden in der Gewaltnacht von Mügeln.

Das ist das objektive Ergebnis. Blindes Mitläufertum spricht da nicht dagegen. Den Opfern ist ohnehin egal, ob ihnen gefestigte Rechtsextremisten mit Parteibuch entstellende Verletzungen zugefügt haben. Für sie zählt nur: Der Hass auf ihre Herkunft wurde für sie lebensgefährlich. So entstehen No-go-Areas, deren Existenz so hartnäckig bestritten wird. Jeder Ausländer wird sich künftig noch genauer überlegen, ein Volksfest in der ostdeutschen Provinz zu besuchen.



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