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Folter und die Folgen: Das Desaster des Westens

Die Bilder aus Abu Ghureib wirken wie eine monströse Inszenierung aller Klischees vom amerikanischen Imperialismus, selbst Michael Moores wüste Polemiken sind dagegen harmlos wie Naturgedichte von Eichendorff. Beschädigt ist der ganze Westen: Seine Werte erscheinen als Heuchelei, die krudesten Vorurteile über seine Dekadenz als bestätigt.



Ein Iraker demonstriert mit einer Zeitung, die die Folterbilder zeigt, vor dem Gefängnis von Abu Ghureib
REUTERS

Ein Iraker demonstriert mit einer Zeitung, die die Folterbilder zeigt, vor dem Gefängnis von Abu Ghureib

Man reibt sich die Augen, man glaubt es kaum und begreift erst allmählich - das darf nicht wahr sein. Doch es ist Realität. Gleichzeitig erscheint das Ganze wie ein schlechtes B-Movie, wie ein Alptraum mit Langzeitwirkung, ein Desaster in Zeitlupe: Amerikanische Soldaten, die den Irak seit über einem Jahr besetzt halten, demütigen und misshandeln irakische Gefangene. Sie vergewaltigen muslimische Frauen und zwingen muslimische Männer, nackt vor ihnen zu masturbieren, Geschlechtsverkehr zu praktizieren und pornographische Szenen nachzustellen.

Hunde, in der islamischen Welt als "unrein" geltende Tiere, werden losgelassen, um die wehrlosen Gefangenen einzuschüchtern und zu verletzen; Stromkabel versetzen die Inhaftierten in Todesangst, deren Köpfe unter Kapuzen stecken. Abgründig das Foto, auf dem eine grinsende US-Soldatin einen nackten irakischen Gefangenen am Halsband führt. Ein genuin faschistisches Motiv, das sich ins Gedächtnis der Welt einbrennen wird. Die Soldaten selbst haben all das sündenstolz und freudig mit der Kamera festgehalten, Trophäen eines blinden und dummen Triumphes.

Augen zu und durch

Und das ist erst der Anfang. Selbst US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld annonciert "noch viel schlimmere Dinge". Es tut ihm zwar Leid, aber zurücktreten will er deshalb nicht. Im Gegenteil. Warum auch? Präsident George W. Bush lobt ihn noch für seine "hervorragende Arbeit". Die Nation schulde ihm Dank. Augen zu und durch, heißt die Parole.

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Fotostrecke: Die Folterer von Bagdad

Derweil sorgt die digitale Bildwelt in Zeiten der Globalisierung dafür, dass beinah jede Misshandlung, jede Schmach, jede Brutalität, jede Obszönität weltweit sichtbar wird. Arabische Fernsehsender wie al-Dschasira senden längst schon Endlosschleifen der jeweils neuesten Horrorszenarien, und die allerneuesten Schreckensbilder wie auch die verschiedenen Untersuchungsberichte sind schnell und zuverlässig im Internet abrufbar. Vielleicht ist das der einzige Trost des Augenblicks: Das World Wide Web dient eben auch der Aufklärung einer weltweiten Öffentlichkeit.

Doch kein Zweifel, Information und politische Botschaft fallen für dieses Mal in eins, Aufklärung hin, Entschuldigung her: Amerika, die Vormacht des freien Westens, hat nicht nur unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ein arabisch-muslimisches Land überfallen und besetzt, nein, es tötet weiter irakische Zivilisten und foltert, offenbar systematisch und mit Billigung der politisch-militärischen Führung, Hunderte, wenn nicht Tausende irakische Gefangene.

"Das also ist die Demokratie des Westens" - so klingt ab jetzt die programmatische Freitagspredigt an eine Milliarde Muslime: Krieg, Besatzung, Mord und Folter.

Nightmare in Bagdad

Es ist wie ein semantischer Overkill sämtlicher Klischees vom amerikanischen Imperialismus, eine einzige Travestie auf antiamerikanische Ressentiments jedweder Herkunft, gegen die selbst Michael Moores wüste Polemiken gegen Bush & Co. so harmlos wirken wie ein Naturgedicht von Eichendorff. Es ist, als hätte irgendwer im Auftrag von Osama Bin Laden ein Drehbuch verfasst, dessen gruselige Inszenierung die gesamte Welt in den Heiligen Krieg gegen den Satan der "ungläubigen Kreuzzügler" aus Washington und New York treiben soll. Es ist, als wäre das Ganze eine einzige abenteuerliche Verschwörung gegen Amerika, ein Nightmare on Elm Street - nur dass der Alptraum nicht auf der Leinwand, sondern in Bagdad, Abu Ghureib und Falludscha stattfindet. Ganz sicher sind diese Vorkommnisse die beste Steilvorlage für den Terror von al-Qaida, die man sich denken kann.

Dass aber all die Bilder eine bittere, in diesem Ausmaß kaum für möglich gehaltene Wirklichkeit widerspiegeln, dass es sich hier nicht einfach um einzelne bedauerliche, dem Krieg immanente Grausamkeiten und Exzesse handelt, sondern um wohl kalkulierte Aktionen einer politisch verantwortungslosen Kamarilla, das macht das wahre Desaster aus. Es ist nicht nur faktisch und moralisch, sondern vor allem politisch ein Desaster.

Lähmendes Entsetzen bei Intellektuellen

Zwar stehen zunächst die amerikanische und die britische Regierung unter der unmittelbaren Anklage, für die unentschuldbaren Taten in ihren Armeen verantwortlich zu sein - politisch und ideologisch aber wird der gesamte freie Westen in Mithaft genommen werden und mit ihm die Rede von Demokratie und Menschenrechten, von Aufklärung und Zivilisation überhaupt.

Plötzlich bekommt der "Clash of Civilizations", Leitbegriff des amerikanischen Politologen Samuel Huntington, einen ganz anderen Akzent. Plötzlich erscheint die arabisch-muslimische Welt tatsächlich als Opfer des eroberungswütigen christlich-kapitalistischen Westens - von der Gier nach Öl bis zur flagranten Demütigung der islamischen Gesellschaft. Alle düsteren Verschwörungstheorien, die Amerika und den Westen immer und überall für das Unheil in der Welt verantwortlich machen, finden nun ihre bequeme, dabei schrecklich glänzende Rechtfertigung.

Das Schlimmste aber: Jedes Gegenargument wird zunächst ins Stottern geraten, jedes "Ja, aber..." von der Macht der Folterbilder erstickt. Nicht zufällig schweigen derzeit viele jener Intellektuellen, die sich sonst bei jeder Gelegenheit zu Wort melden. "Lähmendes Entsetzen" ist hier einmal kein billiger Allgemeinplatz.

Die Autorität des Diskurses von "Freedom and Democracy" (Bertolt Brecht) ist auf fürchterliche Weise untergraben und desavouiert, die Rede von Befreiung klingt hohl, ganz gleich, wie massenmörderisch Saddams blutige Herrschaft war und wie undemokratisch die arabische Welt bis zum heutigen Tage ist! Auch der Hinweis auf tschetschenische Folterkeller, in denen russische Soldaten, von der Weltöffentlichkeit unbeachtet, seit Jahren machen können, was sie wollen, bietet keinen Ausweg.

Dem demokratischen Westen wird buchstäblich der Teppich unter den Füßen weggezogen. Seine moralischen Werte erscheinen nun, und das auch noch aktenkundig, wie die pure Heuchelei, und selbst die krudesten Vorurteile über seine angebliche Dekadenz finden in den folter-pornographischen Szenerien ihre scheinbar unwiderlegliche Bestätigung.

Kritik, Differenz, Ironie, Reflexion - für diese Errungenschaften einer jahrhundertelangen Aufklärung scheint kein Raum mehr. Wer wagte da noch, das Wort zu erheben und über die Vorzüge eines demokratischen Rechtsstaats zu philosophieren? Wer wollte jetzt noch gegenüber der arabischen Welt die Vorteile einer offenen Gesellschaft preisen, die Freiheit des Individuums und seine unveräußerlichen Rechte? Wer könnte noch unbefangen dem Qaida-Kampfspruch "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod!" entgegentreten und ein flammendes Plädoyer für das wunderbare Leben in der westlichen Zivilisation halten?

Wenn es eine Parallele zu Vietnam gibt, dann ist es die Enttäuschung gerade jener, die auf den grundsätzlichen Unterschieden zwischen Demokratie und Diktatur, zwischen säkularem Rechtsstaat und religiös-ideologischem Staatsterror bestehen (und keine Parole dümmer finden als "Bush = Saddam"). Denn ein entscheidendes Motiv der weltweiten Revolte von 1968 war ja gerade die bittere Feststellung gewesen, dass in Vietnam und anderswo jene demokratische Zivilisation mit Füßen getreten wurde, in deren Namen Amerika zu handeln vorgab.

Bushs Befreiungstheologie: Bunkermentalität

"Wären Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz und General Richard Myers Ehrenmänner, würden sie aus Schamgefühl zurücktreten", schreibt Tony Judt, Direktor des Remarque Institute an der New York University. "Nur altmodisches Pflichtbewusstsein könnte Amerikas Position stärken."

Doch das martialische, vor Selbstbewusstsein, ja Hybris nur so strotzende Auftreten von Bush & Co. ist das exakte Gegenteil dieser "altmodischen" Haltung, die sich wirklich noch an die eigenen Werte gebunden fühlt und eben darum Glaubwürdigkeit vermittelt.

Fast "bolschewistische" Züge hat Daniel Cohn-Bendit schon vor einem Jahr in Bushs Beraterteam entdeckt, ein Sendungsbewusstsein, dem Selbstkritik prinzipiell fremd ist. Nun, angesichts eines auch moralischen Scheiterns der Irak-Strategie, kippt die nationalkonservative Befreiungstheologie der Bush-Regierung in eine Bunkermentalität.

Sie ist das Gegenteil dessen, was die Faszination Amerikas bis heute ausmacht, das Gegenteil von Liberalität. Doch der Bunker wird aufgebrochen werden. Wieder einmal klärt Amerika sich selber auf.

Es ist die mindeste Voraussetzung dafür, dass die Rede von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten im Rest der Welt eines schönen Tages nicht mehr mit nackten Männern an der Hundeleine assoziiert wird.

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