Gespaltene Gesellschaft Gewinnen und scheitern

Die postindustrielle Wissensgesellschaft ist grausam: Sie trennt die Schicht derer, die ihre Chancen wahrnehmen, scharf von den vielen, die ihre Angebote nicht nutzen können. Die Eliten schotten sich ab, die Deklassierten resignieren. Sozialer Ausgleich findet nicht statt.

Von Franz Walter


Die Herolde unablässiger Systemveränderung lieben es, mit dem Begriff der „Realität“ ihre Semantikschlachten auszufechten. Die „Realität“ beschreiben sie durchweg in schneidigen Metaphern: Als eisige Konkurrenz des Wettbewerbs, als erbarmungslose Herausforderung des globalen Arbeitsmarktes, als rüden Ansturm vorwärtsdrängender, bedingungslos erwerbswilliger Nationen. Nur wenn die Deutschen sich dieser Realität stellen, also länger arbeiten, weniger verdienen, für Medikamente und Rentenversicherung selbst aufkommen, wenn sie ihre Ansprüche gegenüber den Staat aufgeben, sich von überlieferten Besitzständen lösen, dann – und allein dann – hat das Land noch eine Chance, in der harten Wirklichkeit der hochmobilen Wissensgesellschaften zu überleben.

So klingt der monotone Choral unserer Reformkardinäle. Und daher verfallen sie seit den Bundestagswahlen im letzten Jahr in Jeremiaden darüber, dass die törichten Deutschen wieder nicht in der „Realität“ angekommen seien, weiterhin der puren Illusion fortwährender Sozialstaatlichkeit hinterherlaufen, ängstlich am großkoalitionären Konsens festhalten.

Zuchtmeister "Realität"

Das ist nicht schlecht ausgedacht. Denn wer sich auf die „Realität“ beruft, reklamiert für sich unumstößliche Fakten und die reine Wahrheit. Die „Realität“ wird auf diese Weise zum gebieterischen Zuchtmeister; sie verlangt folgsame Anerkennung, nicht offene Diskussion oder kritische Erörterung. Der „Realität“ muss man sich unterordnen, ihrer inneren Logik fügen. Sie setzt die Gegebenheiten, sie ist alternativlos und dadurch vernünftig, ja: zwingend. Die Ideologen der allein einen Realität haben den Hegelschen Weltgeist, den ehernen Telos der Geschichte wiederentdeckt.

Doch ist die Realität natürlich eine höchst ambivalente Sache. Die Wirklichkeit der einen entspricht keineswegs der Realität der anderen. Was die einen begeistert, werden die anderen beklagen. So eröffnet die aktuelle „Realität“ der postindustriellen Gesellschaften gewiss und fraglos zahlreiche Chancen und lockende Perspektiven. Einerseits. Andererseits aber hat die marktförmige Wissensgesellschaft mit ihren Entstrukturierungsmechanismen ebenso unzweifelhaft Heerscharen von Überflüssigen, Entbehrlichen, von chancenlosen Bildungsarmen geschaffen.

Mehr noch: Das Signum der postindustriellen Gesellschaft ist die sozialkulturelle Polarisierung, ein sichtbarer und fühlbarer Wohlstands- und Erlebnisgraben. Die neue Wissensgesellschaft „ist grausam“, wie es Wolf Lepenies, der diesjährige Träger des Friedenspreise des Deutschen Buchhandels, einmal ausgedrückt hat – für diejenigen jedenfalls, die an ihren Angeboten nicht teilhaben können. Und es ist bemerkenswert, dass es nur in denkbar bescheidenen Ansätzen eine Debatte darüber gibt, wie in einer Gesellschaft, die Rang, Stellung, Geltung, ja menschlichen Wert schlechthin zunehmend allein nach IQ und Bildungszertifikaten bemisst und in deren Laboren schon genetische Fortpflanzungsoptimierungen lebenswissenschaftlich vorbereitet werden, wie in einer solchen Gesellschaft also die Gleichheit und der Respekt innerhalb der gesamten Staatsbürgerschaft erhalten bleiben kann.

Die Eliten bleiben unter sich

Die alte Industriegesellschaft, von der wir uns gerade verabschieden, hat die Gruppen noch kollektiviert und gebündelt, hat durch die sozialstaatliche Bändigung soziale Gegensätze gemildert, Durchlässigkeiten geschaffen, Chancen auch nach oben geöffnet. Das alles ist in der postindustriellen Wissensgesellschaft anders. Die Eliten sind wieder wirklich elitär, rekrutieren sich in einem in einem über Jahrzehnte nicht mehr gekannten Umfang aus sich selbst, nach den – höchst leistungswidrigen – Indikatoren von materiell vorgegebener Herkunft, vertrauter Zugehörigkeit, kulturellen Codes und abgrenzenden Gruppenhabitus. Auch sozialräumlich scheiden und trennen sie sich stärker denn zuvor seit den sechziger Jahren. Und: Innerhalb der ökonomischen Führungsgruppen gibt es nicht mehr viel Sinn für die Mühen der Integration nach unten. Auch das war eine zeitlang ein wenig anders.

So existieren zwei „Realitäten“ in diesem Land. Natürlich hat die erste, die Chancen-und-Gewinner-Realität, die zweite, die Scheiterer-Realität, mitgeformt. Die Antisozialstaatlichkeit der neuliberalen Wirklichkeitsinterpreten hat nach zwei Jahrzehnten der diskursiven Hegemonie nicht nur zu einer in Teilen fraglos wünschenswerten Deregulierung von verknöcherten Bürokratien und zu einem löblichen Anstieg selbstverantwortlicher Individualität geführt, sondern auch zu einer Durchlöcherung sozialstaatlicher Normen – wie Fairness, Ausgleich, Integration, Verknüpfung – und zu einer Destruktion klassenintegrierender, Bindungen stiftender Institutionen.

Die neuen vielgerühmten zivilgesellschaftlichen Selbstorganisationen sind demgegenüber weit mehr gruppenbezogen, mittelschichtlastig; sie greifen nicht nach unten, verschränken die heterogenen Gruppen nicht mehr, wie es die alte Sozialstaatlichkeit noch als zentrale Maxime verfolgte. Insofern führt die neuliberale „Wirklichkeit“ nicht nur zur befreienden Individualität, sondern – je weiter gesellschaftlich nach unten reichend, desto stärker – auch zu einer negativen Individualisierung.

Auflehnung ist nicht in Sicht

Im „neuen Unten“ bleiben die Einzelnen für sich, unorganisiert, handlungsgehemmt, vereinsamt. Sie stören dadurch die Gesellschaft nicht mehr, bereichern und befruchten sie aber auch nicht, wie einst noch die organisierten Gegenkulturen. Als „perspektivlos Resignierte“ werden sie von den akademischen Werteforschern kühl katalogisiert.

In Deutschland wächst wieder so etwas wie die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen heran. Und falls der nächste heißersehnte konjunkturelle Aufschwung kommt, wird die Kluft zwischen den gleichzeitig erlebten Ungleichzeitigkeiten noch tiefer, noch schwerer erträglich: Die einen gewinnen maßlos und werden dies aller Wahrscheinlichkeit dann lustvoll luxuskonsumistisch inszenieren, die anderen werden an der Wohlstandsmehrung nicht den geringsten Anteil haben, werden den vorgeführten Kontrast zwischen unten und oben als demütigender empfinden denn noch zuvor.

Wenig allerdings spricht allerdings dafür, dass die in ihrer Würde verletzten, aber eben atomisierten, netzwerklosen und selbstbewusstseinsfreien Unterschichten sich gegen ihre Marginalisierung mit langem Atem und festem Willen auflehnen werden. Schlagkräftiger, zäher, konstanter und zielgerichteter Protest ist in aller Regel von Menschen mit hohen Qualifikationen, starken Identitäten, großer Artikulationsfähigkeit und souveränem Organisationsvermögen zu erwarten. Es sind Blockierungen durch das jeweils gegenwärtige Establishment, was ressourcenstarke, um die eigene Zukunft indes betrogene Gruppen zur Aufkündung der Loyalität mit den ökonomisch-politischen Dirigenten veranlassen und sie dabei zu mindestens taktischen Allianzen auch nach unten motivieren. Die Soziologen bezeichnen dieses soziale Befindlichkeit als Statusinkonsistenz, als Diskrepanz mithin zwischen hohem Leistungspotential und geringer gesellschaftlicher Position, welche in den Loyalitätsbruch führt. Kaum etwas jedenfalls erschüttert eine politische Ordnung stärker als ein tiefgreifender Dissens zwischen etablierten Eliten auf der einen Seite und den abgewiesenen Repräsentanten neuer Ansprüche auf der anderen Seite.

Doch allen Anschein nach sind die blockierten Hochqualifizierten der nachwachsenden Generation souverän domestiziert und ohne große Mühe konsumistisch an die Kette gelegt. Schließlich haben sie Eltern mit großzügig ausgebauten Eigenheimen, bei denen sie kostenlos Unterkunft und Logis geboten bekommen, wenn es mit dem Berufseinstieg nicht so recht klappt. Und überdies sind da oft genug noch Großeltern, die riesige Summen angespart haben und an die Enkel – das „eigen Fleisch und Blut“ - vererben wollen. All das dämpft und saturiert die bekanntlich durchaus fragilen jungmittelschichtigen Lebenswelten der Republik. Für die überschüssigen Energien stehen stundenweise La-Ola-Wellen an lauen Sommerabenden zur Verfügung. Und überhaupt: Irgendwie ist alles in den globalen Supermärkten zu kaufen, was für Zerstreuung sorgt, Kurzweil bringt, eine geile Stimmung erzeugt. Es gärt also nicht im Land der Ungleichzeitigkeiten. Noch ist die Party nicht zu Ende. Noch nicht.



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