Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Idomeneo-Debatte: Kunst, Quatsch und das religiöse Gefühl

Von Matthias Matussek

Seit die "Idomeneo"-Inszenierung mit dem abgeschlagenen Kopf Mohammeds vom Spielplan genommen wurde, bläst die deutsche Freizeitgesellschaft die Backen auf und verteidigt ihr Recht auf Verblödung. Und schaut mal wieder komplett in die falsche Richtung.

Wer hätte gedacht, daß die abgenudelte und ausgelatschte Provokationsmasche des Regietheaters noch einmal zündet? Sie schaffte es tatsächlich, mit all der ganzen hysterischen Kolumnistenflak, die solche Sachen begleitet.

"Es geht um die Verteidigung unseres abendländischen Kulturverständnisses", empörte sich Hans Neuenfels über die Absetzung seiner Inszenierung, im seltenen Schulterschluß mit Publizisten und Politikern aller Parteien, die irgendwie ähnliches dachten. Und ähnlich ungenau.

Mohammed-Kopf aus der Neuenfels-Inszenierung der Mozart-Oper "Idomeneo": Ein völlig idiotischer Regieeinfall?
DPA

Mohammed-Kopf aus der Neuenfels-Inszenierung der Mozart-Oper "Idomeneo": Ein völlig idiotischer Regieeinfall?

Abgehackte Köpfe von Jesus und Mohammed, von Poseidon und Buddha als "abendländisches Kulturverständnis"? Sind wir noch bei Trost? Neuenfels wird wohl eher das Recht auf freie Meinungsäußerung gemeint haben, und diese Ungenauigkeit ist der Trick in solchen Auseinandersetzungen: Im Huckepackverfahren wird im Kampf für eine demokratische Errungenschaft der Aufklärung ein dämlicher, durchaus widerwärtiger Regieeinfall gleich mit salviert.

Werfen wir einmal einen Blick in die Mozartsche Oper: Troja-Heimkehrer Idomeneo bindet sich durch einen Schwur, den eigenen Sohn zu opfern, am Ende jedoch läßt Gott Poseidon Nachsicht walten. Eine Oper, die in Versöhnung endet, nicht in Raserei.

Mit der Streubüchse gedacht

Neuenfels Epilog, in dem Idomeneo die abgeschlagene Köpfe von Poseidon, Buddha, Mohammed und Jesus auf der Bühne absetzt, ist also völlig idiotisch. Erstens: Idomeneo hat gar keinen Grund, Poseidon den Kopf abzuschlagen. Zweitens: Selbst wenn er ihn hätte, ein Sterblicher würde sich im antiken Drama nie in dieser Weise an einem Gott versündigen, denn er wüsste immer, wer der Stärkere ist. Drittens: Warum sollte sich Idomeneos Raserei gegen die Religionsstifter richten? Gegen Buddha, den Philosophen der Enthaltsamkeit und des Friedens, oder gegen Jesus, der alle Macht aufgegeben und sich selbst aufgeopfert hat? Und Mohammed? Auch von ihm ist nicht überliefert, dass er je von einem Vater verlangt hätte, den Sohn zu opfern.

Das alles ist mit der Streubüchse gedacht. Da auch Mozarts Musik in keiner einzigen Note rollende Köpfe fordert, ist Neuenfels' Opernschluss Quatsch. Nun gibt es keinen Paragraphen gegen Quatsch. Es gibt sogar das garantierte Recht, Quatsch aufzuführen. Die Kunstfreiheit ist nahezu grenzenlos. Nahezu. Die Väter des Grundgesetzes machten eine Ausnahme: Die Kunstfreiheit hat dort ihre Grenzen, wo das religiöse Gefühl in einer Weile verletzt wird, dass es den "inneren Frieden" gefährdet.

Jede Gesellschaft, jede Familie, jeder Mensch hat einen innersten Bezirk, einen Glaubenskern, der geachtet und geschützt werden muss. Gesellschaften, die ihn verloren haben, sind debil. Nun gibt es viele Anzeichen dafür, dass sich unsere Talkshow- und Plappergesellschaft, die fortwährend ihr Innerstes nach außen stülpt und alles trivialisiert, was sie berührt, durchaus debile Züge hat.

Dennoch besteht der Blasphemie-Paragraph in modifizierter Form fort. Und durch den Idomeneo-Streit werden wir erneut an ihn erinnnert. Wir werden daran erinnert, dass es Menschen gibt, denen etwas heilig ist.

Wenn einer Symbole zu ernst nimmt

Der Streit um die Idomeneo-Aufführung bedeutet durchaus eine Hinwendung zum Realitätsprinzip. Es war kein Anruf al-Qaidas, sondern des Berliner Innensenators, der zur Absetzung der Oper führte. Die Intendantin der Deutschen Oper hatte plötzlich die nicht unbegründete Vermutung beschlichen, dass der Kopf des Propheten, blutig abgesägt und präsentiert auf einer Spektakelbühne in der deutschen Hauptstadt, in diesen Zeiten vielleicht genau der Stoff sein könnte, der den einen oder anderen Schläfer aufweckt und den Zünder in Gang setzen lässt. Und damit genau das passsieren könnte, wovor der Innensenator dunkel warnte: Bumm!

Plötzlich also die Ahnung darüber, dass Inszenierungskunst, dass Zeichen und Symbole von einigen zu ernst genommen werden könnten - viel ernster, als es die Regisseure in ihren simulierten Sandkasten-Welten in den letzten Jahren und Jahrzehnten imaginieren konnten. In dieser ernsteren und bisweilen mörderischen Welt, die der westlichen Spaßgesellschaft so unangenehm nah gerückt ist, macht es eben einen Unterschied, ob man Heiliges verspottet, Erhabenes lästert.

Das war durchaus auch während der doch gefeiert moderaten Islamkonferenz in Berlin zu hören. Einen Tag lang kursierte die entspannte Versöhnungsmeldung, dass sich die gesamte Konferenz die umstrittene Idomeneo-Aufführung anschauen werden. Am Tag danach wurde umso heftiger zurückgerudert. Ali Kizilkaya, der Vorsitzende des Islamrates, erklärte, dass er sich die Opernaufführung keinesfalls anschauen werde: "Kunstfreiheit heißt nicht, dass man sich alles anschauen muss." Für ihn sei es "nicht zumutbar, einer Szene beizuwohnen, in der dem Propheten der Kopf abgeschlagen wird".

Doch auch auf christlicher Seite werden nun zunehmend Stimmen laut, die sich öffentlich fragen, ob die Freiheit, die der Westen im Moment so vehement verteidigt, nicht doch mehr sein sollte als nur die Freiheit zu Verhöhnung und Vulgarisierung. CSU-Fraktions-Chef Joachim Herrmann war es, der drei Tage nach Beginn des Sturms darauf hinwies, daß Neuenfels' Inszenierung auch das christliche Gefühl verletze, denn schließlich wird dort auch der Kopf des Menschensohns abgehackt. Herrmann konzedierte durchaus, daß derartige Aktionen zur Kunstfreiheit gehörten. Dennoch stelle die Enthauptung von Jesus Christus eine "Verhöhnung und psychische Gewalt gegen viele Gläubige dar".

Der Kampf für die Meinungsfreiheit, so Herrmann weiter, müsse einhergehen mit der Achtung vor allen Religionen, und es klang wie ein Echo auf jene Predigt, in der Papst Benedikt auf seiner Deutschland-Reise genau das forderte: "Mehr Respekt vor Religionen und Kulturen". Eine unstrittige Forderung, sollte man meinen.

Nicht bei uns: Grünen-Chefin Roth preschte vor die Mikrophone und protestierte gegen diese Form von "Gedankenkontrolle". Die Einforderung von Respekt vor Religionen als Gedankenkontrolle? Das kann wohl nur einer Politikerin einfallen, die ihr intellektuelles und moralisches Kapital in den Tagen angehäuft hat, als sie als Roadmanager für die Anarcho-Gruppe "Ton Steine Scherben" ("Macht kaputt was euch kaputt macht") gearbeitet hat. Und seither nichts mehr an Bord genommen hat.

Steigender Widerwille gegen die Blödsinn-Gesellschaft

Doch andere werden zunehmend nachdenklich. Kann es sein, dass der Islam, wie Innenminister Schäuble zur Eröffnung der Islamkonferenz in Berlin ausführte, das mitbringe, was bei uns verloren zu gehen drohe, nämlich "die Wichtigkeit von Familie, den Respekt vor den Alten, ein Bewusstsein und Stolz mit Blick auf die eigene Geschichte, Kultur, Religion, Tradition, das tägliche Leben der eigenen Glaubensüberzeugung"?

Der Minister formulierte da eine gesellschaftliche Unterströmung, die sich immer vehementer äußert: ein steigender Widerwille gegen die Blödsinn-Gesellschaft, gegen die bereits vor zehn Jahren der damalige Bundepräsident Roman Herzog loslegte. "Kein Schwachsinn, keine Perversion, keine noch so abwegige Marotte, die nicht in extenso die Bildschirtme bevölkern würde".

Völkerkundler Hans Peter Duerr attestiert den modernen Zeiten eine "Brutalisierung" und eine "Auflösung des Schamgefühls", die "beispiellos in der Kulturgeschichte" seien. Er warnt vor dem "Zerfall der Familien" und Soziologe Ulrich Beck diagnostiziert in durchaus biblischer Sprache den allseits veranstalteten "Tanz ums goldene Selbst" des narzisstischen Persönlichkeitstyps.

Oft weiß dieser Typus, der heute das Mehrheitsmodell stellt, gar nicht, wenn er beleidigt. Ihm fehlt die Fähigkeit zur Einfühlung, wie der Philosoph Erich Fromm ausführt: "Für narzisstische Menschen ist der einzige Bereich, der ihm ganz real vorkommmt, seine eigene Person: Seine Gefühle, seine Gedanken, sein Ehrgeiz, seine Wünsche, sein Körper, seine Familie, alles was er ist oder was ihm gehört. Jeder und alles außerhalb von ihm ist grau, hässlich, farblos und kaum existent."

Es kann daher durchaus sein, dass sich Regisseur Hans Neuenfels überhaupt nicht vorstellen konnnte, dass man anders als begeistert sein könne über seinen blutigen Regieeinfall. Nun hat sich die Wirklichkeit zurückgemeldet. Mit Macht.

Wie sehr sich unsere Gesellschaft im Grunde nach einer Rückkehr von Achtung und Respekt sehnt, wie gerne sie wieder den Proviant aufnehmen möchte, den sie in den letzten Jahrzehnten aus den Regalen gefegt hatte, zeigt ein Blick in die Bestseller-Liste. Fast hundert Woochen bereits behauptet sich dort Peter Hahnes Pamphlet gegen die Spaßgesellschaft "Schluß mit lustig". Und der Sensations-Neuzugang der Woche heißt ganz schlicht "Lob der Disziplin", ein Brevier des Salem-Erziehers Bernhard Bueb zur Notwendigkeit, Kindern Regeln und Respekt beizubringen.

Renaissance des religiösen Gefühls

Wie soll aber eine Gesellschaft im ganzen so etwas vermitteln, wenn sie es selber nicht mehr aufbringt, weder sich selbst noch ihrer Religion gegenüber? Es gibt Anzeichen, dass sich nun das religiöse Gefühl zur Wehr setzt, in Einzelfällen, die durchaus mutig riskieren, in den Vergröberungen des journalistischen Deppenbetriebs als Taliban dazustehen: Vor zwei Jahren kassierte München OB Christian Ude ein Plakat, das einen ans Kreuz genagelten Frosch zeigte. Und ein paar Wochen erst ist es her, dass sich die evangelische Bischöfin Kässmann gegen Madonnas Bühnenschau empörte, in der die Pop-Diva sich vor einem Neonkreuz und unter einer Dornenkrone räkelt.

Unter den in Glaubensdingen eher gedämpft verfahrenden Deutschen bahnt sich ohnehin eine zaghafte Renaissance des religiösen Gefühls an. Insgesamt glauben 67 Prozent aller Deutschen an ein Leben nach dem Tode. Im Laufe der neunziger Jahre stieg, im Westen Deutschlands, der Anteil derjenigen, die auf die Frage:"Glauben Sie an einen persönlichen/leibhaftigen Gott" mit "ja" antworteten, von 25 Prozent auf 38 Prozent. Knapp vierzig Prozent im Westen (im Osten Prozent) sind also religiös kränkbar.

Konfessionelle Schulen sind neuerdings wieder beliebt unter Eltern, und man erinnert sich zaghaft, dass es die christliche Werteordnung ist, die unser "abendländisches Kulturverständnis" bestimmen. In seinem soeben im Reclam-Verlag Leipzig erschienen lesenswerten Buch "Was fragen uns die grossen Philosophen" schreibt der Philosoph Leszek Kolakowski, dass es "zwei Menschen", waren, die "entscheidend zum Aufbau der europäischen Kultur beigetragen haben - Sokrates und Jesus".

Sind wir bereit, für unsere Werte zu sterben?

Das sind unsere Grundlagen: die hellenistische Vernunft, der christliche Glaube.

Deshalb noch einmal zum "abendländischen Kulturverständnis", das ausgerechnet von Regisseur Neuenfels beschworen wird. Es ist wohl eher auf der Seite des Respekts zu finden.

Es ist eher der Isenheimer Altar als Jesus' abgeschlagener Kopf vor einem feixenden Großstadtpublikum. Eher Friedrichs des Großen Toleranz-Episteln und die ausdrückliche Einladung an den Islam, als der abgeschlagene Kopf des Propheten.

Eher Schopenhauers Skeptizismus und Verneigung vor fernöstlichen Weisheitslehren als Buddhas' abgeschlagener Kopf.

Statt dauernd schaudernd in den nahen und fernen Osten zu starren und unter selbstgerechtem Triumphgeheul die Minderwertigkeiten der dortigen Gesellschaften zu beklagen, wäre es durchaus heilsam, ab und zu die Blickrichtung zu ändern. Und uns selber so in Augenschein zu nehmen, wie gläubige Muslims es tun. Sind wir bereit, für unsere Werte zu sterben? Und welche wären das dann?

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
"Idomeneo"-Inszenierung: Gegen die Diktatur der Götter

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: