Interview mit Integrationsminister Laschet "Die Grünen waren mal wieder zu schnell"

Deutsch-Pflicht auf dem Pausenhof? Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU) kann sich solche Regeln, wie sie in Berlin erprobt werden, auch an den Schulen seines Bundeslandes vorstellen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über Leitkultur, die deutsche Sprache und Chancengleichheit.


SPIEGEL ONLINE

: Herr Laschet, glauben Sie, dass die Verpflichtung, Deutsch zu sprechen, wie sie an einer Schule in Berlin beschlossen wurde, zur Integration von Ausländern beiträgt?

 Armin Laschet: "Ghettos verhindern!"

Armin Laschet: "Ghettos verhindern!"

Armin Laschet: Ich glaube, dass die Kenntnis der deutschen Sprache der Schlüssel zur Integration ist, zum Erfolg in der Schule und im anschließenden Beruf. Der Vorteil dieser Regelung in Berlin-Wedding ist, dass sie von Schülern, Lehrern und Eltern gemeinsam erarbeitet wurde und dass die Schüler selbst damit sehr zufrieden sind, weil sie wissen, dass richtiges Deutsch ihre Chancen erhöht. Deshalb finde ich den Ansatz sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Wären Sie dafür ähnliche Regelungen auch in nordrhein-westfälischen Schulen einzuführen?

Laschet: Ich fände es nicht richtig, eine Regelung wie in Berlin per Zwang zu verordnen, aber wenn sich Schulen in Nordrhein-Westfalen auf einen ähnlichen Weg verständigen - vielleicht gerade in Schulen, in denen der Zuwandereranteil besonders hoch ist - dann würde das auch hier die Chancen der Kinder erhöhen. Ich wünsche mir, dass Schulen in Nordrhein-Westfalen dem Beispiel aus Berlin folgen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Verständnis für die Vorwürfe türkischer Verbände und grüner Politiker, die Regelung in Wedding sei diskriminierend?

Laschet: Nein, das kann ich nicht verstehen. Die Grünen waren da wohl mal wieder etwas zu schnell. Wenn sich die Politiker die Regelung genauer anschauen würden, würden sie sehen, dass das genau das ist, was alle wollen: Dass Zuwanderer und Deutsche gemeinsam Modelle für Regeln erarbeiten. Aus der Berliner Regierung und anderen Fraktionen gibt es ja bereits Zustimmung.

SPIEGEL ONLINE: In den Niederlanden plant die Ausländerbeauftragte der Regierung jetzt einen Kodex, nach dem auch in der Öffentlichkeit nur noch Niederländisch gesprochen werden soll. Ist das nicht eine unzulässige Diskriminierung?

Laschet: Ich habe davon gelesen und werde mir diesen Vorschlag genauer anschauen. Ganz entscheidend dabei ist, dass diese Vorschläge von Zuwanderern und Mehrheitsgesellschaften zusammen erarbeitet werden, damit sie zum Bestandteil einer gemeinsamen Leitkultur werden. Die Zuwanderer sollen selbst mit definieren, was für sie richtig ist. Wenn es in den Niederlanden einen solchen Konsens gäbe, dann wäre das eine interessante Lösung. Natürlich sollen aber im Privatleben unterschiedliche Sprachen gesprochen werden können. In kleinen Bereichen des öffentlichen Lebens könnte ein Appell nur noch Niederländisch zu sprechen, aber richtig sein.

SPIEGEL ONLINE: NRW hat als erstes Bundesland ein Ministerium für Integration geschaffen. Wo geht Ihre Arbeit über die eines "Multi-Kulti-Beauftragten" hinaus?

Laschet: Unser Ministerium hat zwei Besonderheiten: Es ist das erste Generationenminsterium, das genau die Folgen des demographischen Wandels in den Blick nimmt und zum Zweiten das erste deutsche Integrationsministerium. Bisher war Integration eine Unterabteilung im Sozialministerium. Wir glauben aber, dass Integrationspolitik mehr ist als Sozialpolitik. Integrationspolitik wirkt in quasi alle Politikbereiche mit hinein. Integration muss in den Kommunen gelingen. Wir haben angeregt in den Städten und Gemeinden Integrationskonferenzen abzuhalten, an denen das Sozialamt, das Kulturamt, das Schulamt und die Stadtplanung zusammen sitzen und überlegen: Wie können wir Parallelgesellschaften verhindern? Wie können wir die Chancen von Zuwanderern in Schule und Beruf erhöhen?

SPIEGEL ONLINE: Welche konkreten Mittel hat die Politik, um die Entstehung von sogenannten Parallelgesellschaften aufzuhalten bzw. zu verhindern?

Laschet: Erstens müssen wir eine Stadtplanung machen, die verhindert, dass Ghettos entstehen und mit dafür sorgt, dass Deutsche und Zuwanderer gut zusammen leben. Sprache ist außerdem der Schlüssel zur Integration. Wenn Kinder in die Schule kommen und die Sprache nicht richtig sprechen, haben sie direkt schlechtere Schulergebnisse, das setzt sich in den weiterführenden Schulen fort und am Ende bekommen sie keinen Ausbildungsplatz. Deshalb sind wir dafür, Sprachtests ab dem vierten Lebensjahr einzuführen und so Sprache schon im Kindergarten zu fördern. Dafür sind im neuen Haushaltsjahr die Mittel verdoppelt worden.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass in Deutschland eine ähnliche Situation entstehen könnte, wie im letzten Herbst in den französischen Banlieus?

Laschet: Man muss natürlich alles tun, damit so etwas hier nicht passiert. Unser Ministerium ist zu einem Zeitpunkt gegründet worden, bevor es zu den Ausschreitungen in Frankreich kam. Die Ereignisse in Frankreich zeigen, wie wichtig das Thema Integration ist.

Das Interview führte Anna Reimann



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