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Irak: Bushs Kriege, Napoleons Erben

Von Claus Christian Malzahn

Die Neokonservativen in den USA sind in Washington nahezu erledigt. Doch damit sind ihre Ideen lange nicht gestorben. Was bleibt vom Entwurf einer demokratischen und pluralistischen arabischen Welt?

Als sich das V. Korps der amerikanischen Armee im März 2003 von Kuweit aus durch die irakischen Grenzbefestigungsanlagen kämpfte und der schier unendliche militärische Treck nach einigen Tagen die ersten südirakischen Städte erreichte, fragte mich ein US-Offizier in einer Mischung aus Ärger und Verwunderung: "Warum jubeln die Iraker nicht? Wir haben die doch gerade von Saddam Hussein befreit!"

US-Soldat im Irak (bei An Nadschaf): Am Leben bleiben, dann schnell nach Hause
DPA

US-Soldat im Irak (bei An Nadschaf): Am Leben bleiben, dann schnell nach Hause

"What went wrong?" - was lief falsch - die Frage des Islamwissenschaftlers Bernhard Lewis stellt sich im Verhältnis des Westens zur arabischen Welt offenbar immer wieder. Vielleicht hilft zum besseren Verständnis ein Blick in die europäische Geschichte; genauer: ins Europa Anfang des 19. Jahrhunderts. Manches wiederholt sich offenbar doch.

Als Napoleon Bonaparte seine Truppen nach Spanien in Marsch setzte, um die iberische Halbinsel unter seine Gewalt zu bringen und nebenbei noch von der grausamen Inquisition zu befreien, versprach er seinen treuen Soldaten: "Die Spanier werden Euch mit Blumen bewerfen!"

Es kam anders, wie man heute weiß. Statt spanischer Rosen hagelte es Kugeln und Granaten. In Tirol, das Napoleon den Bayern geschenkt hatte, revoltierten mit verblüffendem Erfolg die Bauern. Spanier und Tiroler wollten sich partout nicht befreien lassen, jedenfalls nicht von Napoleon Bonaparte. Sind der Irak und Afghanistan das napoleonische Spanien und Tirol von Heute?

Der Feuerschein der Hölle

Eine Figur wie der Tiroler Guerillakämpfer Andreas Hofer könnte nicht nur seines mächtigen Bartes wegen fast mit einem Gotteskrieger von heute verwechselt werden. Als kurzzeitiger Tiroler Herrscher in Innsbruck im Herbst 1809 legte der sittenstrenge Katholik den Frauen eine strenge Kleiderordnung auf - die Damen verließen im Hochsommer aus Angst vor Vergewaltigungen durch Hofers Kämpfer das Haus nur in Winterkleidung. Der Wirt wollte einen katholisch geprägten Staat, als seine Schützen in Innsbruck einmarschierten, brannten sofort die Häuser der Juden.

D as Licht der Aufklärung hielt er für den Feuerschein der Hölle. Seine Vorstellung von Freiheit bestand vor allem in dem Wunsch, die Menschheitsuhr auf das Datum vor 1789 zurück zu drehen. Diese Sehnsucht nach vergangener Größe und Freiheit hört man oft auf der arabischen Straße; Osama bin Laden spricht in seinen Erklärungen gerne davon. Den Grund für den Bedeutungsverlust sucht man nicht bei sich selbst, sondern beim Gegner, bei Israel, im Westen.

Napoleon W. Bush? Das Waterloo des US-Präsidenten liegt nicht nur in Abu Ghureib und Guantanamo; jeder Terroranschlag, jeder Mord von Schiiten an Sunniten oder umgekehrt besiegelt die fast schon totale Niederlage der Idee der Befreiung des Irak im amerikanischen Namen. Für die Terrorwelle der al-Qaida trägt George W. Bush zwar nicht die Verantwortung, sondern immer noch die Terroristen, die hinter diesen Anschlägen stecken. Aber in dem Moment, als der erste amerikanische Soldat mit seinen Stiefeln irakischen Boden betrat, um den Despoten Hussein zu stürzen, besaß die amerikanische Regierung auch die Verantwortung für die Zeit nach seinem Sturz. Diese Verantwortung hat Washington nie ernst genug genommen. Bushs Ziele waren freie Wahlen und Abzug. Doch freie Wahlen schützen nicht gegen Kugeln und Selbstmordattentäter, ein Truppenabzug ist in weiter Ferne.

Man kann Kofi Annan - leider - kaum widersprechen, wenn er postuliert, die Lage für den Einzelnen habe sich seit dem Einmarsch dramatisch verschlechtert. Nun mag man einwenden, dass es den Kurden im Norden heute erheblich besser geht, schon deshalb, weil sie keine Giftgasattacken mehr fürchten müssen. Das ist angesichts der Gesamtlage ein schwacher Trost. Eine Besserung der Lage im Zentralirak ist überhaupt nicht in Sicht, im Westen führt al-Qaida inzwischen Regie.

Am Rad der Geschichte drehen

Es gibt weder eine schlüssige Exit-Strategie für den Irak - und das ist genauso schlimm - ebenso wenig einen vernünftigen Besatzungsplan. Die Ergebnisse der Baker-Kommission sind nicht mehr oder weniger als eine Empfehlung, endlich zur Realpolitik zurück zu kehren. Über Erfolgsaussichten ist damit noch nichts gesagt. Im Moment ist die Niederlage im Irak wahrscheinlicher als der Sieg - eine Entwicklung, die sich in Afghanistan übrigens schnell wiederholen könnte.

Die katastrophale Lage haben nicht in erster Linie die amerikanischen Neoliberalen oder Neokonservativen zu verantworten, die heute für alle Weltübel verantwortlich gemacht werden: Globalisierung, Krieg, Mieterhöhungen, Klimawandel usw. Die Hauptverantwortung für das Desaster im Irak tragen diejenigen Politiker, die in der Diskussion um Tyrannensturz, Befreiung und Krieg immer das herausgehört haben, was sie ohnehin hören wollten.

Doch im Krieg kommt es vor allem auf die Details an, und um die hat sich im Irak niemand gekümmert. In Afghanistan hatte man auf der Petersberger Konferenz im Dezember 2001 noch hoffnungsvoll begonnen. Doch auch zwischen Kabul und Kandahar könnte die Demokratisierung scheitern. Wenn die Regierung in Kabul fallen und die Taliban zurückkehren würde, hätte die Nato übrigens völlig ihre Existenzberechtigung verloren. Diese Erkenntnis hat sich bei den Mitgliedsstaaten offenbar noch nicht ganz herum gesprochen.

Die Neocons wollten das ganz große Rad der Geschichte drehen - think big. Der Epoche machende Fall der Mauer und die anschließende Demokratisierung der ehemaligen sowjetischen Hemisphäre standen im Zentrum ihrer Überlegungen. Der Schluss, den ihre Vordenker aus dieser Entwicklung für den Mittleren und Nahen Osten zogen, ist auch heute noch richtig: Erst Demokratie und politischer wie religiöser Pluralismus wird die Region stabilisieren, die arabische Welt wirtschaftlich nach vorne bringen - und damit auch mehr Sicherheit für die USA bedeuten. Diese Demokratie-Maxime war, angesichts der jahrzehntelangen Kooperation der USA mit Despoten und Diktatoren im Kalten Krieg oder im ersten Golfkrieg (Iran-Irak) eine wichtige politische Zäsur, die vor allem von der zunehmend national geprägten europäischen Linken in ihrem geifernden Antiamerikanismus völlig ignoriert worden ist.

Die Idee amerikanischer neokonservativer Intellektueller, man müsse einen Diktator wie Hussein einfach nur aus seinem Palast jagen, der Rest komme dann schon von selbst, war freilich erstaunlich naiv. Die Politikmaschine in Washington hätte sie sich nicht zu eigen machen dürfen. Schließlich zeigten ja die jüngsten Interventionserfahrungen aus Afghanistan und zuvor auf dem Balkan, dass militärische Befreiung und anschließende Besatzung einhergehen müssen, wenn man ehemalige Diktaturen oder Regimes wirklich demokratisieren will.

Geiz ist Geil - auch im Befreiungskrieg?

Die Annahme der US-Regierung, man könne mit einer Mini-Armee von 130.000 Soldaten im Flächenland Irak das Baath-Regime stürzen, Sicherheitsgarantien für die Bevölkerung abgeben und eine terroristische Guerillabewegung abwehren, war deshalb schon 2003 vollkommen naiv. Zum Vergleich: Nach Kriegsende in Europa, im Mai 1945, besetzten mehrere Millionen alliierte Soldaten Deutschland. Zu einem massiven militärischen Einsatz war die Regierung Bush nie auch nur annähernd bereit gewesen. Stattdessen glaubte man an die Allmacht von F16-Bombern und an die Devise von Donald Rumsfeld: "Keep it cheap!" - Geiz ist geil, auch im Befreiungskrieg.

Der Sinn und Zweck eines Krieges besteht nach Carl von Clausewitz vor allem darin, dem Gegner "seinen Willen aufzuzwingen". Den USA, dem Mittleren Osten und Europa wären viel Elend und viele Probleme erspart geblieben, wenn Donald Rumsfeld ein paar Minuten an diesen Gedanken verschwendet hätte - und wie man ihn umsetzt. Das amerikanische Offizierskorps hatte jedenfalls schon im März und April 2003 den Eindruck, dass man es wohl locker bis Bagdad schaffen könne - aber dem Gegner, der mit längerer Kriegsdauer immer unsichtbarer wurde, seinen Willen niemals würde aufzwingen können.

Seit Sommer 2003 ist die amerikanische Armee im Irak in der Defensive. Die Willenskraft des gewöhnlichen GI hat das nicht gestärkt. Die meisten amerikanischen Soldaten im Irak wollen vor allem eins: nach Hause. Ihr persönliches Ziel besteht nicht darin, den Irak zu befreien, sondern am Leben zu bleiben und möglichst nicht als Krüppel zurück zu kehren. Ihr Gegner, in diesem Fall al-Qaida und andere Terrorgruppen, scheinen dagegen ihre Bestimmung im täglichen mörderischen Bomben erst gefunden zu haben.

Dass Iran nun mit einem fanatischen Präsidenten als neuer großer Zampano in der Region dasteht, den manche Briten und US-Strategen schon um Hilfe beim Ordnung schaffen bitten wollen, ist angesichts der Vorgeschichte dieses Konflikts ein schlechter Witz. Der Holocaust-Leugner und Israel-Hasser Ahmadinedschad als oberster Ordnungshüter der Region? Das ist absurd. Aber der Westen kann - so war es schon im Kalten Krieg - nur mit den Regierungen verhandeln, die es gibt. Nicht mit denen, die er gerne hätte.

Der nächste amerikanische Präsident - ob Demokrat oder Republikaner - wird möglicherweise wegen des nuklearen Programms Teherans noch schwerer wiegende Entscheidungen fällen müssen als George W. Bush. Die Neocons werden dann schon Geschichte sein. Was bleibt von ihnen? Die Ideale der französischen Revolution sind heute nicht falsch, weil es anschließend Jakobinerherrschaft und Napoleons Größenwahn gegeben hat. Vielleicht sind Neocons wie Paul Wolfowitz heute in Washington politisch erledigt. Die Idee eines demokratischen Mittleren Ostens und einer pluralistischen arabischen Welt aber ist es noch lange nicht.

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