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Irak-Krieg: US-Terrorbekämpfer können Sunniten und Schiiten nicht unterscheiden

Vielen US-Spitzenbeamten und -Politikern mangelt es an Grundwissen über den Nahen Osten, al-Qaida und den Irak: Sie können Schiiten nicht von Sunniten unterscheiden. Das berichtet der US-Sicherheitsexperte Jeff Stein, der in Washington die Probe aufs Exempel gemacht hat.

In den vergangenen Monaten habe ich mehrere ausführliche Interviews mit Anti-Terror-Spezialisten hier in Washington mit immer derselben grundsätzlichen Frage abgeschlossen: "Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Sunniten und einem Schiitten?" Eine Fangfrage? Vielleicht. Aber wenn die Maßgabe gilt, dass die genaue Kenntnis des Feindes die erste Regel der Kriegsführung ist, dann darf man sie wohl stellen. Und außerdem erklärte ich den Befragten jedes Mal, dass ich gar nicht auf ausführliche theologische Erklärungen aus war; es ging mir um das Grundsätzliche: Wer gehört zu welchem Lager? Und was wollen die beiden Seiten?

US-Soldaten im Irak: Die politische Spitze in Washington kennt zentrale Grundbegriffe nicht
REUTERS/ USAF

US-Soldaten im Irak: Die politische Spitze in Washington kennt zentrale Grundbegriffe nicht

Schließlich würde man von britischen Anti-Terror-Fachleuten mit Zuständigkeit für den Nordirland-Konflikt ebenfalls erwarten, dass sie den Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten kennen, oder etwa nicht? Und was wir heute im Irak erleben, ist zwar wesentlich tödlicher, aber nicht völlig unvergleichbar: Die 1400 Jahre währende Rivalität zwischen Sunniten und Schiitten ist hier wieder aufgebrochen, mitten in den Straßen von Bagdad. Und das schürt Ängste, dass der Staat auseinanderfallen könnte: in einen vom schiitischen Iran gestützten Staat und einen von Saudi-Arabien und anderen sunnitischen Staaten unterstützten zweiten Staat.

Ein vollständiger Kollaps des Irak würde außerdem einen sicheren Hafen für Kader der al-Qaida bedeuten, und zwar in Schussweite von Israel und sogar Europa. Die Bedrohung durch den Iran, eine potentielle Nuklearmacht mit Unterstützern unter den Bewohnern einiger Golfstaaten, im Norden Saudi-Arabiens, im Libanon und in den Palästinensischen Gebieten, ist indes von einer gänzlich anderen Natur als jene durch al-Qaida. Man würde sich ja geradezu dumm vorkommen, wenn man erst noch dafür argumentieren müsste, dass Beamte, die für die Bekämpfung des Terrorismus zuständig sind, in der Lage sein sollten, die sich daraus ergebenden Möglichkeiten zu erkennen, beide Seiten gegeneinander auszuspielen.

Allein: Die meisten amerikanischen Beamten, die ich dazu befragt habe, sind ahnungslos. Das schließt nicht nur Beamte aus den Nachrichtendiensten und der Exekutive ein, sondern darüber hinaus Mitglieder des Kongresses, die eine gewichtige Rolle in der Beaufsichtigung der Geheimdienste haben. Wie können sie ihre Arbeit tun, wenn sie solch grundlegendes Wissen nicht haben?

Meine Neugier in Bezug auf das Wissen unserer Politiker über den Islam wurde angefacht, als 2005 Jon Stewart und andere Fernsehkomiker über Aussagen von FBI-Beamten herfielen, weil diese in einem Gerichtsverfahren die einfachsten Fragen zum Thema Islam nicht beantworten konnten. Einer der Beamten, über die sie sich lustig machten, war Gary Bald, der Chef der Antiterrorabteilung des FBI. Solcherlei Expertise, machte Bald geltend, sei nicht so wichtig wie die Fähigkeit, ein guter Manager zu sein.

Ein paar Monate später sprach ich John Miller, den FBI-Sprecher, auf Balds Bemerkungen an. "Ein Führer muss die Organisation voranbringen", sagte Miller. "Um eine Antiterror-Operation in der Welt nach 9/11 zu leiten, muss er weder die Statements von Osama Bin Laden auswendig kennen noch besonders gut Urdu lesen können... 'Trivial Pursuit' auf islamisch zu spielen war eine billige Möglichkeit für die Anwälte, ihn bloßzustellen, und ist ein noch billigerer Trick für Journalisten."

Dabei hatte ich weder nach Urdu-Kenntnissen noch nach Bin Ladens Reden gefragt.

Vor ein paar Wochen hakte ich beim FBI nach. Am Ende eines langen Interviews fragte ich Willie Hulon, den Chef der FBI-Abteilung für Nationale Sicherheit, ob er es für wichtig halte, dass ein Mann in seiner Position den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten kenne. "Ja, sicher, es ist gut, den Unterschied zu kennen", sagte er. "Es ist wichtig zu wissen, wer die Ziele sind."

Das war ein großer Fortschritt gegenüber 2005. Als nächstes fragte ich ihn also, ob er mir den Unterschied nennen könne. Das brachte ihn durcheinander. "Grundsätzlich geht das zurück auf ihren Glauben und die Frage, wem sie folgen wollten", sagte er. "Und die Konflikte zwischen Sunniten und der Schia und der Unterschied in der Frage, wem sie folgten."

"Okay", fragte ich, um zu helfen, "wie sieht es denn heute aus? Was ist Iran: Sunnitisch oder schiitisch?" Er dachte eine Sekunde lang nach. "Iran und Hisbollah", half ich erneut: "Was sind sie?"

Er wagte einen Versuch: "Sunniten."

Falsch.

Al-Qaida? "Sunnitisch."

Richtig.

Man muss man zu seiner Ehrenrettung festhalten, dass Hulon ein ausgezeichneter Agent ist, der nächtelang wach liegt und sich wegen al-Qaida Sorgen macht, während wir sicher schlafen. Außerdem wusste er immerhin, dass der Kampf zwischen den islamischen Konfessionen den Irak zusehends in den Bürgerkrieg treibt. Auf der anderen Seite: Wir bezahlen ihn, damit er solche Dinge weiß - genau wie einige Kongressmitglieder.

Nehmen wir zu Beispiel den republikanischen Abgeordneten Terry Everett aus Alabama, der seit sieben Legislaturperioden Alabama repräsentiert. Er ist der Vizevorsitzende des Unterausschusses für technische und taktische Geheimdienstfragen.

"Kennen Sie den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten", fragte ich ihn vor einigen Wochen.

Everett antwortete mit einem Lächeln. Er dachte einen Moment nach. "Die einen sind an dem einen Ort, die anderen an dem anderen. Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Ich dachte immer, es dreht sich um Unterschiede in ihrer Religion, unterschiedliche Familien oder so."

Um nicht ungerecht zu sein: Er bat mich, ihm den Unterschied zu erklären. Ich erzählte ihm kurz von der Spaltung, die nach dem Tod des Propheten Mohammed entstand, und dass Irak und Iran mehrheitlich schiitisch seien, während der Rest der islamischen Welt mehrheitlich aus Sunniten besteht. "Nun, da sie es mir erklärt haben", antwortete er, "erscheint es mir, als würde das alles extrem schwierig machen, was wir da drüben unternehmen. Nicht nur im Irak, sondern in der gesamten Region."

Die republikanische Abgeordnete Jo Ann Davis aus Virginia, die einen Unterausschuss leitet, der für die Aufsicht über CIA-Aktivitäten bei der Rekrutierung von islamischen Agenten und der Analyse von Informationen zuständig ist, war ähnlich ahnungslos, als ich sie fragte, ob sie die Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten kenne.

"Kenne ich sie?", frage sie mich. Sie konzentrierte sich sichtbar. "Wissen Sie, ich sollte sie wirklich kennen", sagte sie dann. Dann riet sie: "Es ist ein Unterschied in fundamentalen Glaubensfragen. Die Sunniten sind radikaler als die Schiiten. Oder andersherum. Aber ich glaube, es sind die Sunniten, die radikaler sind als die Schiiten."

Und welcher Richtung folgen die Anhänger von al-Qaida?

"Al-Qaida ist am radikalsten, also denke ich, dass sie Sunniten sind", antwortete sie. "Kann sein, dass ich falsch liege. Aber ich glaube, dass es richtig ist."

Dann fragte ich sie, ob sie es für wichtig halte, dass Mitglieder des Kongresses, deren Aufgabe die Aufsicht über Geheimdienste ist, die Antworten auf derlei Fragen kennen sollten, damit man die Nebelkerzen dieser Leute erkennt, wenn sie zu Gesprächen auf den Capitol Hill kommen.

"O ja, ich glaube, dass das sehr wichtig ist", sagte Mrs. Davis, "denn der Grund für al-Qaidas Existenz ist ihr Glaube. Und den muss man verstehen, man muss seinen Feind kennen."

Es ist nicht überall so gruselig-komisch. Einige Nachrichtendienstler und Kongressabgeordnete konnten mit meiner "Fangfrage" souverän umgehen. Aber je länger ich mit dieser Frage auf dem Capitol Hill umherziehe, desto mehr ratlose Mienen sehe ich. Zu viele Beamte mit Verantwortung im "Krieg gegen den Terrorismus" halten nicht allzu viel davon, mehr über den Feind dazuzulernen, gegen den wir kämpfen. Und das ist durchaus genug, um schlaflose Nächte zu haben.

Jeff Stein ist Herausgeber bei "Congressional Quarterly" und zuständig für "Nationale Sicherheit".

Übersetzung aus dem Englischen: Yassin Musharbash

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