Islam Zeichen für einen Wechsel

Neuer Krieg im Mittleren Osten - er folgt dem Terror von Islamisten, die Pendlerzüge in Bombay in Schutt und Asche legten. Doch in derselben Woche, in der Menschen im Libanon und in Israel sterben, gibt es auch Hoffnungszeichen, findet Bestseller-Autorin Irshad Manji.

Von Irshad Manji


Yale - Zuerst die islamische Seite: Für drei Jahrzehnte folgte Pakistan einer umstrittenen Zahl von Gesetzen, die so genannten "Hudood". Bezeichnet nach "Hudd", der vorgeschrieben Strafe von Gott, bestimmen sie die Strafen bei Vergewaltigungen und Ehebrüchen. Jetzt endlich werden die "Hudood"-Verordnungen nachhaltig in Frage gestellt.

Autorin Irshad Manji: "Reformen gewinnen an Geschwindigkeit."
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Autorin Irshad Manji: "Reformen gewinnen an Geschwindigkeit."

Eine Entwicklung, die nicht zu früh kommt: Denn unter diesen Gesetzen wurden mehr als 4600 pakistanische Frauen wegen Vergehen, die auch Ehebruch enthalten, ins Gefängnis geworfen. Im Gegensatz dazu, wurden praktisch alle Männer, die wegen Vergewaltigung angeklagt waren, freigesprochen.

Dank einer stimmvollen, aber religiös respektierten Kampagne von zivilen Gruppen, empfahl der pakistanische Rat für islamische Ideologie, eine einflussreiche Einrichtung, kürzlich, diese Gesetze zu ändern. Der Vorstoß gab Präsident Pervez Musharraf die Möglichkeit, damit zu beginnen 1300 Frauen, die ihre Verurteilung erwarteten, zu befreien. Sogar muslimische Gelehrte in Pakistan erkannten, dass die "Hudood"-Gesetze nicht Gottgegeben sind, wie ihre Entstehung zeigt.

Ehebruch statt Vergewaltigung

1977 machte ein amerikanisch initiierter Putsch General Zia al-Haq zum pakistanischen Präsidenten. Um seine schwache Stellung zu zementieren, umgab sich der Diktator mit ihm hörigen Mullahs, die ihn mit "Feldherr der Gläubigen" ansprachen, eine Bezeichnung die für die Nachfolger des Propheten Mohammed vorgesehen ist.

Um sich bei den Stammesfürsten einzuschmeicheln, mischte al-Haq eine Auswahl aus dem Koran mit den Stammes-Sitten. Auf diesem Weg wurde die Steinigung zu einer legalen Bestrafung bei Ehebruch und eine Vergewaltigung musste von vier Männern bezeugt werden, bevor ein Täter bestraft werden konnte.

Es ist nicht anzunehmen, dass eine Vergewaltigung unter so vielen männlichen Augen stattfindet. Und falls ja, würden diese Männer es auch noch bezeugen? Es wäre eher ein Fall von Ehebruch der Frau, die damit zu Gefängnisstrafen verurteilt, ausgepeitscht oder gesteinigt würde. Dabei verunglimpft diese Ungerechtigkeit nicht nur die Frauen, sondern auch den Islam.

Während mehr und mehr pakistanische Muslime merken, dass diese Gesetze von Menschen gemacht wurden, erkennen sie, dass es ihr Auftrag ist, über die Gesetze nachzudenken - und nicht die Aufgabe Gottes. Muslime glauben, dass Allah perfekt ist. Aber wir lernen, dass die Menschen, die Allah interpretieren, es nicht sind.

"Muslime müssen in den Spiegel schauen"

Zur selben Zeit gewinnen die liberalen Reformen des Islams an Geschwindigkeit - zum Beispiel in Kopenhagen. Die Stadt gilt als das Zentrum der Aufstände gegen die Mohammed-Karikaturen. Es war die dänische Zeitung "Jyllands-Posten", die als erste die umstrittenen Zeichnungen veröffentlichte.

Vor zwei Wochen war ich mit 99 weiteren "muslimischen Führungskräften von morgen" in Kopenhagen, um mit ihnen darüber zu diskutieren, was der Islam und die westliche Welt voneinander lernen können. Sie kamen von überall nach Kopenhagen: Aus den USA, Kanada, Australien und aus ganz Europa. Dort hörte ich einige interessanten Aussagen:

- ein Mann aus den Niederlanden sagte, "Wir, als Muslime, müssen in den Spiegel schauen, anstatt alle anderen zu beschuldigen!"

- eine deutsche Frau bekannte, "Ich habe kein Problem mit meiner Identität. Ich komme aus dem Westen und bin eine Muslimin - und dankbar für beides."

- ein Organisator aus den USA berichtete, "Keiner meiner amerikanischen Kollegen wollte über Integration sprechen. Sie halten dieses Thema nicht für vorrangig. Ich denke, das bedeutet, dass muslimische Immigranten es in den USA einfacher haben als in Europa."

- ein britischer Imam sagte, "In dem Moment, in dem eine Frau Mufti wird, werde ich der erste sein, der ihr zu Füßen liegen und studieren wird."

Einer der Delegierten testete die jungen Prediger: "Ist der Islam der einzige Weg, sein Heil zu finden?" Ein dänischer Imam griff sich das Mikrofon. "Die kurze Antwort", sagte er, "ist nein." Ein Imam aus England stellte diese Antwort in Frage, während sich sein Kollege aus Italien an einem Kompromiss versuchte. Bemerkenswert war, dass sie sich dabei nie gegenseitig beschuldigten, böse oder ungläubig zu sein. Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich in diesem Moment die Botschaft, dass im Islam Einheit nicht gleich Einheitlichkeit ist.

Das Unaussprechliche sagen

Doch der vielleicht verlockendste Einwand kam von einem christlichen Minister. Es gäbe einen Unterschied zwischen "Pluralismus" und "tiefem Pluralismus", lehrte er uns. "Pluralismus" bedeute normalerweise, die Vielfalt von Hautfarben und ethnischen Gruppen. "Tiefer Pluralismus" dagegen schließe freies Denken und kritisches Nachfragen ein. Er sprach wie ein gutgläubiger Ungläubiger! Dennoch, dieser Einwand gab uns allen die Erlaubnis, das Unaussprechliche zu sagen.

Und es erlaubte auch den Organisatoren, das Undenkbare zu tun: Flemming Rose einzuladen. Den Mann, der als erster die umstrittenen Mohammed-Karikaturen veröffentlichte. Nachdem er uns begrüßt und unsere Fragen beantwortet hatte, bestätigte Rose, dass der Empfang, den wir ihm bereitet hatten, ziviler war als alle anderen, die er in der letzten Zeit von Menschenrechts-Gruppen erfahren musste.

Jede liberale Reform des Islams wird mindestens zwei Merkmale haben: die Emanzipation der Frauen in der islamischen Welt und die Bereitschaft der Muslime im Westen, sich der freien Kultur zu stellen. In einer Woche bekamen beide Ansätze viel versprechende Unterstützung - doch wir müssen uns alle daran erinnern, dass Bomben die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Irshad Manji ist eine kanadische Bestseller-Autorin ("Der Aufbruch, Plädoyer für einen aufgeklärten Islam"), die sich kritisch mit dem Islam auseinandersetzt. Die New York Times taufte sie "Osama bin Ladens größten Alptraum" - was sie als ein Kompliment auffasst. Zurzeit ist sie "Visiting Fellow" für internationale Sicherheit an der amerikanischen Universität Yale.

Übersetzt von Moritz Küpper



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