Kohls Souffleure Die graue Effizienz im Kanzleramt

Es war ein Machtsystem ohnegleichen, von dem Angela Merkel heute viel lernen könnte. Ihr Vorgänger Helmut Kohl hatte in Schäuble, Seiters und Bohl drei Kanzleramtschefs, die ebenso geräuschlos wie gewieft die Geschäfte führten. Sie glichen seine Defizite perfekt aus.

Von Franz Walter


Es war ein unglückliches Experiment, das Helmut Kohl mit dem Wissenschaftler Waldemar Schreckenberger als Chef des Kanzleramts versuchte. Es dauerte von 1982 bis 1984, danach probierte es der damalige Bundeskanzler mit einem parlamentarisch erfahrenen Geschäftsführer der Politik: Wolfgang Schäuble. Das funktionierte prächtig. Kohl blieb bei dieser Lösung.

Angela Merkel hält es heute anders - und hat Probleme.

Kohl, Schäuble (r., 1999): Chefarchitekt des Machtsystems
DPA

Kohl, Schäuble (r., 1999): Chefarchitekt des Machtsystems

Die ersten beiden Jahre der Kohl-Ära verliefen voller Turbulenzen, Krisen und Pannen. Denn im Kanzleramt fehlte zunächst ein souveräner Manager der Macht. Das änderte sich erst, als Schäuble die administrative Leitung in der Regierungszentrale übernahm. Der heutige Innenminister Schäuble war damals "Kohls letzte Patrone", wie der Spiegel seinerzeit titelte. Und in der Tat wurde Schäuble zum Chefarchitekten des Kohlschen Machtsystems. Seine beiden Nachfolger, Rudolf Seiters und Friedrich Bohl, hielten als Ingenieure der Macht das Betriebssystem intakt.

Schäuble, Seiters, Bohl waren vom gleichen Typ. Sie hatten unisono als Parlamentarische Geschäftsführer die Unionsfraktion gemanagt, bevor sie als Chef im Ministerrang ins Kanzleramt gingen. Das war neu in der Geschichte der Kanzleramtschefs, aber bemerkenswert erfolgreich.

Sie gehörten zur 68er-Generation, ohne 68er zu sein

Im Übrigen war in der Tat verblüffend, wie ähnlich sich diese drei Kanzleramtschefs auch sonst waren - in Herkunft und Habitus, in Biographie und Bildungsqualifikation, in Politik und Profil. Alle drei gehörten, zwischen 1937 und 1945 geboren, gewissermaßen der 68er-Generation an, hatten aber natürlich mit den bärtigen Rebellen, bohemehaften Kulturrevolutionären oder eifernden Radikalreformern ihrer Kohorte nichts zu schaffen, waren auch lebensweltlich mit dem akademisch-jugendlichen Protest kaum in Berührung gekommen.

Sie hatten weder gekifft noch rebelliert; sie hatten weder für Che noch für Uschi Obermaier geschwärmt; sie hatten sich - vermutlich - weder die Platten der Doors noch von Frank Zappa zugelegt. Sie waren vielmehr die Vertreter der konservativen Provinz, Repräsentanten der alten bürgerlichen und religiösen Werte innerhalb ihrer Jahrgangsgruppe.

Die 1960er Jahre waren auch für ihre politische Sozialisation entscheidend, nur vollzog die sich nicht auf Demonstrationen, Teach-ins oder Happenings, sondern im wohlgeordneten organisatorischen Rahmen der Jungen Union. Alle drei späteren Kanzleramtschefs starteten ihre politische Karriere in diesem Jahrzehnt mit dem Vorsitz eines Bezirks des CDU-Jugendverbandes. Schäuble, Seiters und Bohl lernten also - alle drei im Übrigen als junge Juristen - die Politik von der Pike auf, durchliefen mit Glanz die so oft belächelte Ochsentour.

Sie alle kamen während der sozialliberalen Koalition in die Parlamente. Sie alle spielten dort keine auffällige Rolle. Außerhalb Bonns und ihrer Wahlkreise kannte sie kaum jemand. Nur sehr gut beobachtenden Insidern der politischen Szenerie Bonns fielen sie dadurch auf, dass sie bei aller Zurückhaltung in den Parlamentsausschüssen doch immer ein Stückchen fleißiger, zäher, beharrlicher werkelten als der Rest. So robbten sie sich still, aber kontinuierlich in ihrer Fraktion nach vorn. Mit der Zeit kannten sie alle Kniffs und Tricks des parlamentarischen Alltags; im Laufe der Jahre avancierten sie zu Experten der parlamentarischen Geschäftsordnung.

Kurzum: Sie waren die politischen Figuren, die ein in administrativen Dingen ganz nonchalanter Mann wie Kohl dringend brauchte, um seine Macht zu halten.

Sie leisteten, wozu Kohl nicht imstande war

So stiegen sie, einer nach dem anderen, in das Amt des Parlamentarischen Geschäftsführers und in das Kanzleramt auf. Für den Kanzler waren sie und ihre politisch-parlamentarischen Erfahrungen Gold wert. Schäuble, Seiters und Bohl hatten all das, was ihrem Vorgänger, dem unglücklich platzierten Waldemar Schreckenberger fehlte. Sie verfügten über die Verbindungen, die Netzwerke und die Strukturen, um die verschiedenen Machtzentren im Regierungslager zu versäulen, um die Interessen von Fraktion, Partei, Kabinett und Kanzler stärker zu synchronisieren, die Spannungen jedenfalls nach innen zu entschärfen, nach außen zu verwischen.

Der besondere Wert, den sie für den Kanzler hatten, lag außerdem darin, dass sie nicht nur die Politik gut kannten, sondern auch die Technik der Administration und Bürokratie sicher beherrschten. Sie machten dadurch wett, woran es Kohl besonders mangelte. Der Kanzler verstand nichts vom modernen Verwaltungsmanagement; er verließ sich lieber auf seine kleinen Zettelchen, seine menschelnden Gesprächskontakte, auf Kumpaneien, gelegentliche Drohungen, auf sentimentale Kameradschaften und brüskierenden Liebesentzug.

Was dabei an politischen Grundentscheidungen zustande kam, transferierten Schäuble, Seiters und Bohl nun in die professionell-administrativen Abarbeitungsprozesse und Koordinationsstrukturen des an Kompetenz und Sachverstand anspruchsvollen Amtes. Dadurch reduzierten sich allmählich die Widersprüche und Konfusionen, die bis dahin aus dem Kohlschen Stil weithin improvisierter und intuitiver Politik entsprangen.

Sie wirkten grau, waren aber graue Eminenzen

Die drei parlamentarischen Geschäftsführer im Kanzleramt leisteten das, wozu Kohl nicht imstande war. Sie kannten die Details, wofür sich der Kanzler nicht interessierte. Sie lasen die Akten, was dem Kanzler lästig war. Sie formulierten präzise, wo der Kanzler weit ins Leere schweifte. Sie waren sachlich, wenn der Kanzler gern in Emotionen ertrank. Und sie arbeiteten hart und fleißig, während der Kanzler es lieber gemütlich mochte.

Fürchten musste der Kanzler keinen der drei, anfangs durchaus auch Schäuble nicht. Sie alle waren als Kanzleramtschefs loyal. Eben das sicherte ihre Stellung. Und sie liebten diesen Ort, die operative Macht im Hintergrund. Sie strebten nicht in den Mittelpunkt, in das Scheinwerferlicht, vor die Mikrofone, auf die offene Bühne der Selbstdarstellung. Auch Schäuble tat dies zunächst nicht, Seiters und Bohl erst recht nicht.

Sie wirkten grau, aber sie waren doch graue Eminenzen. Sie eben besaßen die Aura einflussreicher, strippenziehender Hintergründigkeit, die dem ersten Amtschef unter Kohl nicht zur Verfügung stand. Das politische Bonn kannte, schätzte, respektierte, fürchtete sie als Experten für schwierige Problemfälle.

Keiner der drei war ein großer Programmatiker, wiederum: auch Schäuble nicht. Sie dachten nicht in langen Linien, in weiten Zukunftsentwürfen oder gar in großen Visionen. Keiner von ihnen hatte je in der CDU einem weltanschaulichen Flügel angehört. Sie waren wendige Zentristen, gewandte Pragmatiker.

Der Eros nicht-inszenierter, aber realer Macht

Darin fanden sie gleichsam die Substanz des politischen Geschäfts: immer wieder die je aktuellen Schwierigkeiten zu überwinden, ohne jede ideologische Festlegung, die sie als Einengung empfunden hätten, aus dem Verborgenem heraus, geräuschlos und doch oder gerade deshalb hocheffektiv. Ihnen reichte, dass sie stets aufs Neue komplexe Situationen meisterten, dass es ihnen gelang, all die vielen Krisen, die sich im Regierungslager mit den multiplen Meinungs- und Interessenchören anbahnten, rechtzeitig zu entdecken, einzudämmen und vor der Öffentlichkeit zu verhüllen.

Das war der Eros, den sie vermutlich brauchten: den Spannungswert nicht-inszenierter, dafür aber durchaus realer Macht. Dass man sie außerhalb Bonns kaum wahrnahm, dass man sie an Tankstellen oder in Restaurants nicht erkannte, das dürfte ihnen demgegenüber gleichgültig gewesen sein. Mit diesem kühlen Pragmatismus, mit diesem kühlen Machtverständnis waren sie typische Repräsentanten der Ära Kohl.

Nicht zuletzt an ihnen lag es, dass sich diese Ära so ungewöhnlich viele Jahre hinzog.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.