Kongress der Globalisierungskritiker: Attac auf dem Weg in die Normalität

Von Susanne Amann

Weltweit wird der Protest gegen die Globalisierung mit dem Namen attac verbunden, spätestens seit den Protesten in Genua ist die Organisation rund um den Globus bekannt. Nach der Popularitätswelle kommt jetzt die mühsame Arbeit im Alltag. Rund 1000 Teilnehmer diskutierten auf einer Tagung in Münster, wo sie hinwollen.

Über 1000 Teilnehmer kamen zur attac-Sommer-Akademie in Münster.
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Über 1000 Teilnehmer kamen zur attac-Sommer-Akademie in Münster.

Münster - Sven Giegold ist müde. Vier Tage hat er in einem viel zu heißen, kleinen Klassenzimmer gesessen und seinen rund 15 Teilnehmern die Finanzwelt erklärt. Hat von Zinseinkünften, Umsatzsteuerbetrug, Dividendeneinkommen und Abgeltungssteuer geredet. Mit Laptop und Beamer hat er Folien an die Wand geworfen und so versucht zu erklären, warum "Steuerflucht ein entscheidender Hebel des neoliberalen Projekts" ist. Jetzt kann er nicht mehr. Der Stress, die Hitze und nicht zuletzt die Turnhalle, in der auch er schläft, fordern ihren Tribut.

Giegold ist eines der prominentesten Gesichter der globalisierungskritischen Organisation attac. Wenn man ihn so sieht, wie er müde seinen Computer einpackt, dann denkt man nicht an die halbe Millionen Demonstranten in Berlin vor dem Irakkrieg, an die Proteste beim G7-Gipfel in Genua, an die zum Scheitern gebrachte WTO-Tagung in Seattle. Man denkt nicht an die Angst und die Sicherheitsvorkehrungen, die etwa in Prag für die Nato-Tagung getroffen wurden, nur um Menschen wie Sven Giegold auszusperren. Man denkt nicht an den bunten und wütenden Protest, der sich seit diesen Massenaufläufen der Globalisierungskritiker verselbständigt hat und zunehmend zu einer Macht wird.

"Der Erfolg kam für uns völlig überraschend", sagt Giegold. Noch kurz vor dem G7-Gipfel in Genua im Sommer 2001 habe er bei Gesprächen mit attac-Gruppen aus anderen Ländern betont, dass ein Erfolg in Deutschland nicht möglich sei, weil die Bevölkerung noch nicht sauer genug sei. Er hat sich geirrt. Bei den gewaltätigen Ausschreitungen in Genua wurde der italienische Student Carlo Giuliani von einem Polizisten erschossen. Die Wut über die Arroganz der herrschenden Politiker erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt - und attac wurde innerhalb von Tagen zu einer der bekanntesten globalisierungskritischen Organisationen. Bis heute melden sich bis zu 70 neue Mitglieder pro Woche allein in Deutschland.

Vom Erfolg überrascht: attac-Mitbegründer Sven Giegold
AP

Vom Erfolg überrascht: attac-Mitbegründer Sven Giegold

Aber die Sommerakademie in Münster hat gezeigt: attac ist nicht mehr die energiegeladene Bewegung vom Sommer vor zwei Jahren. Der ersten Begeisterung ist die Konsolidierung gefolgt, dem aktionsgeladenen Idealismus die Mühen der Ebene. Wer wissen will, wie attac im Jahre 2003 funktioniert, muss sich nur das Programmheft durchlesen.

Während der Sommerakademie wird über "Wirtschafts- und Sozialpolitik in der Europäischen Union" genauso diskutiert wie über "Kommune leben - dem Kapitalismus auch im Alltag etwas entgegensetzen". Rhetorik und Moderationstraining gehören genauso zum Programm wie die Fragen nach einer nachhaltigen Gesellschaft, Flüchtlingsschutz oder dem Sozialismus als Alternative. "Über das Thema Globalisierung haben die progressiven Gruppen in Deutschland eine logische Klammer gefunden", sagt Giegold dazu. Andere nennen es "Gemischtwarenladen".

Vielfalt macht Ziele und Programm unklar

Die Vielfalt hat ihren Charme. Aber sie birgt auch Nachteile. Gestartet war attac mit dem klaren Focus auf finanzpolitische Zusammenhänge. Das ist vorbei. In den Seminaren über Steuerpolitik oder Welthandel finden sich nur noch eine Handvoll Leute, die Teilnehmer kritisieren den fehlenden Schwerpunkt. So schön die thematische Vielfalt ist, umso schwieriger macht sie das Wiedererkennen, die Identifizierung von Zielen und Programm.

"Ich fände es falsch, bestimmte Gruppen auszuschließen", verteidigt Giegold das Konzept, inzwischen 136 verschiedene Mitgliedsorganisationen zu haben. Denn man arbeite nur an Themen, die einen Bezug zu Globalisierung hätten. "Wenn wir nach dem Ausschlussprinzip arbeiten, dann ist das der direkte Weg zur Selbstzerstörung". Denn damit verliere man die Basis, die genau die demokratischen Elemente schätzten und von den etablierten Parteien die Schnauze voll hätten. "Das kann man als Greenpeace machen, aber das ist nicht attac".

Attac wehrt sich zwar gegen jede Art der Professionalisierung. Aber gleichzeitig arbeiten die Globalisierungskritiker schon jetzt professioneller als viele Organisationen vergleichbarer Größe. Rund 12.000 Mitglieder gibt es inzwischen, der Jahresetat beträgt erstmals über eine Million Euro. Seit Anfang des Jahres arbeiten acht Festangestellte im neuen Büro in Frankfurt.

Per Mailing-Listen können innerhalb weniger Stunden rund 25.000 Menschen informiert und aktiviert werden. Für die Sommer-Akademie berichtet ein Redaktionsteam vier Tage lang auf einer eigens eingerichteten Homepage. "Wir stecken in einem Dilemma zwischen politischer Effizienz und Basisbewegung", ist sich Sprecher Kreutzfeldt im Klaren. Aber bisher werde ein guter Weg gefunden, mit dem alle leben könnten. Es ist ein Spagat.

Neue Aktionsformen müssen her: Protest gegen Steueroasen auf dem Münsteraner Aasee
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Neue Aktionsformen müssen her: Protest gegen Steueroasen auf dem Münsteraner Aasee

Dazu kommt: So eindrucksvoll die Demonstrationen in Genua oder vor dem Irakkrieg am 15. Februar waren: sie laufen sich aus. Schon jetzt ist klar, dass "attac" keine vergleichbare Zahl an Demonstranten gegen die Gesundheitsreform oder die Agenda 2010 auf die Straße bringt. Deshalb müssen neue Aktionsformen her, mit denen attac sich weiterhin im öffentlichen Raum bewegen kann. Man denke über konfrontative Alternativen nach, sagt Giegold. Und setzt vor allem auf zivilen, aber friedlichen Widerstand. "Man kann zum Beispiel ein privatisiertes Freibad mit einer Gruppe kostenlos besetzen und sich damit öffentliche Räume wieder aneignen", so Giegold.

attac hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einem der wichtigsten gesellschaftlichen Ansprechpartner entwickelt, wenn es um Fragen der Globalisierung geht. So sehr sie sich auch dagegen sträuben: Inzwischen beraten "attacies" Bundestagsabgeordnete, sitzen auf Diskussionspodien oder werden in Ausschüssen angehört. "Es konnte doch bisher nur so viel schief laufen, weil sich so wenige Leute in diesen Themenbereichen auskennen, weil es an Wissen mangelt", sagt Kreutzfeldt.

Integriert wird alles von der Mitte bis ganz links

Über die eigene Zukunft wollen die Köpfe von attac nicht reden. Man verwahrt sich gegen den Gedanken, eine Partei zu gründen oder eine von oben gesteuerte Organisation zu werden. Man lebt und handelt im hier und jetzt, integriert alles und jeden von der Mitte bis ganz links. Das führt nicht nur zu vorprogrammierten Spannungsbereichen, sondern überfordert auch die Mitglieder selbst. Immer wieder gibt es in den Seminarräumen in Münster verständnisloses Schulterzucken oder gequältes Lachen über die eine oder andere spinnerte Träumerei. Doch die gehören zu sozialen Bewegungen eben dazu.

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