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01. Mai 2008, 16:31 Uhr

Kurt Beck beim DGB

Erst kuscheln, dann meckern

Von , Mainz

Kurt Beck hält die Hand hin - DGB-Chef Sommer nimmt sie, aber seine Gewerkschafter wollen nicht so recht. Während der Rede zum 1. Mai pfiffen sie Beck aus und quatschten ihm dazwischen. Vom Basta-Beck haben sie genug, die Privatisierung der Bahn nehmen sie ihm übel.

Als das Wetter umschlägt, platzt Kurt Beck der Kragen. Anderthalb Stunden bemühte er sich auf der zentralen DGB-Kundgebung um Harmonie. Doch als mittags schwerer Regen den Sonnenschein des Vormittages ablöst, verdüstert sich auch die Stimmung des SPD-Chefs.

Beck und Sommer: "Da hat Kurt ja völlig recht"
DPA

Beck und Sommer: "Da hat Kurt ja völlig recht"

Es sind die lautstarken Zwischenrufe und Pfiffe, die Beck auf dem Gelände der "Alten Patrone" die Laune verdrießen. Der Protest richtet sich gegen die Bahnprivatisierung und gegen ihn persönlich, den "Basta-Beck". Er herrscht seine Kritiker an: "Ihr da von der Linkspartei, ihr solltet jetzt lieber mal still sein." Die Zwischenrufe werden immer zahlreicher und aggressiver – trotz aller Beschwichtigungsversuche von DGB-Chef Michael Sommer. "Wir sind nicht von der Linkspartei", brüllt ein wütender Mann mit IG Metall-Mütze. Aber eben auch nicht mehr von der SPD.

1. Mai in Becks Wohnzimmer

Beck passen diese Misstöne gar nicht, gerade am Tag der Arbeit. Ihm und Sommer geht es vor allem um eins: Er will einen neuen Schulterschluss von SPD und Gewerkschaften demonstrieren. Dafür hat der DGB seine zentrale Mai-Kundgebung sogar in Becks Wohnzimmer verlegt – nach Mainz, in den Regierungssitz des Ministerpräsidenten Beck. Hier fühlt er sich wohl, er weiß, wie die Menschen ticken, und kann sich einer breiten Unterstützung gewiss sein. Dachte er.

Nicht alleine die Protestler trüben die zur Schau getragene Harmonie. Zwischen Gewerkschaften und SPD stimmt es im Moment nicht. Ein intimer Kenner beider Seiten beschreibt es so: "Die alte Herzlichkeit wird sich nicht wieder herstellen lassen."

Tatsächlich haben die Hartz-Reformen und vor allem Hartz IV tiefe Verletzungen verursacht. Diese klaffenden Wunden werden in Mainz zwar nicht thematisiert. Anders als noch in den vergangenen Jahren. Damals schlug SPD-Spitzen bei DGB-Treffen häufig offener Hass entgegen. So ist es nicht am 1. Mai. Doch es wirkt auch kaum so, als könne die alte Liebe noch einmal leidenschaftlich aufflackern.

"Das sehen wir genauso wie die SPD"

Beck und Sommer bemühen sich redlich. Immer wieder pflichtet der Gewerkschaftsboss dem Parteiobersten bei: "Da hat Kurt Beck ja völlig recht." Oder: "Das sehen wir genauso wie die SPD." Und Beck spielt die Bälle voller Genuss zurück: "Wir sind nach dem Hamburger Parteitag enger zusammengerückt." Damals wurde allgemein ein Linksruck der SPD beobachtet, über den sich die Gewerkschaften gefreut hätten.

Allerdings: So leicht, wie Kurt Beck es sich vorstellen mag, wird es nicht, die verprellte Liebe wieder zu gewinnen. Schließlich gibt es inzwischen einen Konkurrenten, dessen Erfolge im Westen unter anderem auf der Unterstützung der Gewerkschaften beruhen – die Linkspartei. Innerhalb von IG Metall, Ver.di und anderen ist der Umgang mit Lafontaines Truppe umstritten. Will die eine Seite sie stärken, um die Große Koalition zu attackieren, setzen die Gemäßigten auf eine neue Annäherung an die SPD.

Obwohl Sommer wie auch Beck sich an diesem Tag mühen, Hartz IV außen vor zu lassen: Der Unmut darüber dringt dennoch immer wieder an die Oberfläche. Als Beck etwa lobt, die Politik habe es geschafft, die Arbeitslosigkeit signifikant zu senken, erntet er keinerlei Zuspruch. Er setzt deshalb hinzu, damit sei er nicht zufrieden, es müsse weitergehen. Für Mindestlöhne, gegen die "Geiz ist geil"-Mentalität - da sind SPD und DGB wieder auf einer Linie.

Ein Hauch von Klassenkampf weht über das Gelände der "Alten Patrone", als Sommer von der Bühne wettert: "Es kotzt mich an, wenn wegen der Rente jetzt wieder ein Generationenkonflikt herbeigeredet wird. Das dürfen wir denen nicht durchgehen lassen." Wen er meint: "Die Boulevard-Presse, gut verdienende Manager, ahnungslose Jungpolitiker und blasierte Professoren." Die Trennlinie in der Gesellschaft verlaufe "nicht zwischen Jung und Alt, sondern zwischen Arm und Reich".

Renaissance der Gewerkschaften

Das kommt an. Auch wenn Sommer sich mit Wehmut an eine Zeit erinnert, "in der den Börsenkursen vor der Tagesschau noch kein so breiter Platz eingeräumt wurde". Da freut sich die geschundene Gewerkschafterseele. Sie musste in den letzten Jahren viel einstecken. Von einer "Plage", von "mittelalterlichen Blockierern" sprach lange nicht nur Guido Westerwelle.

Inzwischen erleben die Gewerkschaften eine Renaissance. Dafür seien aber nicht zuletzt die Erfolge der Linkspartei verantwortlich, glauben viele im DGB.

Die SPD stößt dagegen weiterhin auf Misstrauen. Kurt Beck erzeugt während seines nur 15-minütigen Grußwortes wenig Begeisterung. Erst im Zwiegespräch mit den Zwischenrufern gewinnt er an Kontur. Beck schleudert ihnen entgegen, die DGB-Gewerkschaft Transnet habe die SPD gedrängt, der Teilprivatisierung der Bahn zuzustimmen. Tatsächlich gibt es in dieser Frage einen offenen Dissens im DGB. Während Transnet den Koalitionsbeschluss begrüßt, sind weite Teile des DGB dagegen. Sommer spricht in diesem Zusammenhang nüchtern von einer "politischen Niederlage".

Das reicht Becks lautstarken Widersachern nicht. Sie setzen den SPD-Chef in ihren Protesten mit den bürgerlichen Politikern gleich und piesacken ihn mit einer Wahlempfehlung für die nächste Bundestagswahl: "2009 - Keine Stimme für die Privatisierer".

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